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Interview

People & Culture Festival im Kino Colosseum: Chancen für den Mediennachwuchs

Die Medien-, Kreativ- und Digitalwirtschaft leidet massiv unter dem Fachkräftemangel. Das will die Netzwerkorganisation dieses Wirtschaftbereichs, medianet berlinbrandenburg e.V., ändern und organisiert eine Recruiting-Messe: das People & Culture Festival im Kino Colosseum am 11. November. Hinter medianet berlinbrandenburg steht Jeannine Koch, ehemalige Direktorin der re:publica. Im Interview erklärt sie, warum es in der Medienbranche an qualifiziertem Nachwuchs fehlt – und was dagegen hilft.

Jeannine Koch, medianet-Chefin und ehemalige Direktorin der Digitalkonferenz Republica. Foto: Dominik Butzmann

medianet-Chefin: “Es gibt einen spürbaren Fachkräftemangel”

tipBerlin Frau Koch, suchen Sie gerade für medianet berlinbrandenburg neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter?

Jeannine Koch Zurzeit glücklicherweise nicht. Aber es ist nicht lange her, dass wir sowohl bestehende als auch ganz neue Stellen besetzen mussten.

tipBerlin Warum haben Sie mit dem People & Culture Festival eine Recruiting-Messe für die Kreativwirtschaft initiiert?

Jeannine Koch Der Ausgangspunkt für die Entstehung des Festivals ist die derzeitige Situation auf dem Arbeitsmarkt in der Hauptstadtregion, denn die ist auf Grund des Fachkräftemangels überaus angespannt. Die Auftragslage in der Kreativwirtschaft steigt zwar wieder an, aber an vielen Stellen fehlt es an geschultem Personal.

Dieser Herausforderung möchten wir entgegensteuern und freuen uns sehr, dass die Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe das genauso sieht, das Festival in entscheidendem Maße fördert und es sogar direkt in ihr Programm „Neustart Wirtschaft“ aufgenommen hat.

Am 11. November treffen Studierende, Absolvent:innen, Arbeitssuchende, Querein- und Umsteiger:innen also einen ganzen Tag lang auf Unternehmen der Medien-, Kreativ- und Digitalwirtschaft, die sich als Arbeitgeber:innen und ihre derzeit offenen Stellenangebote präsentieren, sowie auf Bildungsstätten, die ihre Aus- und Weiterbildungsangebote vorstellen. Außerdem bietet das Festival auch Panels, Keynotes und Workshops mit inspirierenden Speakern zu den aktuellen Themen unserer Arbeitswelt.

tipBerlin Wie übel sind die Nachwuchsprobleme?

Jeannine Koch Sie sind tatsächlich sehr gravierend. Als Netzwerkverein medianet mit rund 450 Mitgliedsunternehmen sind wir nah dran an den Bedürfnissen unserer Mitglieder. Aus zahlreichen Gesprächen wissen wir, dass sich die personelle Situation in den vergangenen Jahren bei vielen Unternehmen immer mehr zugespitzt hat und es vor allem an gut ausgebildetem Nachwuchs mangelt. Und diese Nachwuchsprobleme beginnen mit teilweise noch fehlenden Bildungsmöglichkeiten nach der Schulzeit, aber auch mit fehlenden Ausbildungsplätzen bei den Unternehmen selbst.

Ex-re:publica-Direktorin: “Nachwuchsproblem entsteht durch fehlende Bildungsmöglichkeiten”

tipBerlin Gibt es dazu statistische Erhebungen?

Jeannine Koch Über dieses Feedback hinaus gibt es zahlreiche Studien, die sich mit dem Fachkräftemangel grundsätzlich befassen: Im September wurden zum Beispiel erste Ergebnisse der bundesweiten Studie des Weiterbildungsverbund Media Collective zum Fachkräfte- und Weiterbildungsbedarf in der Bewegtbildbranche vorgestellt. Drei Viertel der Unternehmen gaben an, dass es einen spürbaren Fachkräftemangel gibt.

tipBerlin Welche Qualifikationen werden gerade besonders gesucht?

Jeannine Koch In der Filmproduktion am Set werden dringend Beleuchter:innen und Aufnahmeleiter:innen, aber auch Filmgeschäftsführer:innen gebraucht. Im Event-Bereich werden Projektmanager und Servicekräfte gesucht. In der Digitalbranche verzeichnen wir ebenfalls einen hohen Bedarf an Fachkräften, beispielsweise für die Bereiche Marketing, Sales und in der IT, aber auch Programmier:innen, Designer und für zahlreiche Positionen im Bereich der neuen Medientechnologien wie Augmented Reality, Virtual Reality und künstliche Intelligenz.

tipBerlin Was fehlt den Unternehmen bei den Bewerbenden konkret?

Jeannine Koch Die eben erwähnte Studie aus der Bewegtbildbranche lässt sich inhaltlich sicher auch auf andere Branchen übertragen: sechs von zehn Unternehmen gaben an, einfach zu wenige Bewerbungen zu erhalten, 85 Prozent der Bewerbungen sind gar nicht geeignet. Bei der Frage, an welchen Kompetenzen es den Bewerber:innen am meisten fehlt, lautet die meistgenannte Antwort: “technisches Wissen in Bezug auf Film und Fernsehen”.

“Wirtschaftszweige können ihr Potenzial nicht ausschöpfen”

tipBerlin Wie kann die Ausbildungssituation verbessert werden?

Jeannine Koch Das fehlende technische Wissen ist auf jeden Fall ein Kernproblem. Der Arbeitsmarkt und seine Jobprofile entwickeln sich deutlich dynamischer als die Bildungsmöglichkeiten für die potenziellen Arbeitskräfte. Daraus folgt, dass die Wirtschaftszweige ihr Potenzial nicht ausschöpfen können.

tipBerlin Es entsteht also bereits für Berlin ein wirtschaftlicher Schaden?

Jeannine Koch Wenn ich nicht ausreichend geschultes Personal habe, muss ich Aufträge stornieren oder sie ziehen sich in die Länge. Das ist natürlich ärgerlich, denn es ist noch gar nicht lange her, da fehlte es vielen Unternehmen in der Kreativ- und Veranstaltungswirtschaft an Aufträgen oder Einnahmequellen – und jetzt fehlt es an Personal. Hier gilt es schnellstmöglich nachzujustieren und entsprechende Studien-, Ausbildungs- und Weiterbildungsangebote zu kreieren.

Die UFA hat es mit ihrer UFA Academy vorgemacht: Sie bietet in nur zwei Jahren einen Quereinstieg „Training on the Job“ zum Profi in diversen Film- und TV-Berufen an.

tipBerlin Wenn man mit  jungen Medienschaffenden spricht, hangeln sie sich oft von Projekt zu Projekt. Keine tollen Arbeitsbedingungen.

90 Prozent der Film- und Fernsehschaffenden sind unregelmäßig beschäftigt

Jeannine Koch Ende letzten Jahres hat die Berliner Senatskanzlei ein Gutachten zu den Arbeitsbedingungen von Film- und Fernsehschaffenden in Berlin-Brandenburg veröffentlicht. Daraus ging hervor: Mehr als neun von zehn der Film- und Fernsehschaffenden seien unregelmäßig beschäftigt oder selbstständig tätig.

Das hat natürlich eine Planungsunsicherheit für alle Beteiligten zur Folge. Berücksichtigt werden muss auch, dass die junge Generation – berechtigterweise – eine verbesserte Work-Life-Balance in Jobs in der Kreativwirtschaft erwartet. Gerade im Film- und Event-Bereich gehören Überstunden, unregelmäßige Arbeitszeiten und unterdurchschnittliche Bezahlung zur Tagesordnung. Ein Job hier erscheint vielen als unattraktiv und nicht mehr zeitgemäß. Einige Verbesserungen wurden schon von der Politik angestoßen wie der seit 1. Oktober geltende neue Mindestlohn.

tipBerlin Welchen Stellenwert hat die Branche in der Berliner Wirtschaft insgesamt?

Jeannine Koch Die Bereiche haben eine große wirtschaftliche und kulturelle Bedeutung! Das erkennt man sehr gut an der kontinuierlich steigenden finanziellen Unterstützung, die die Wirtschaftszweige von der Landespolitik erhalten. Gerade in diesem Jahr hat sich viel getan: Die Ausgaben für Filmförderung wurden im Berliner Haushalt deutlich angehoben, allein 2022 um 3,5 Millionen Euro.

Mit der Erhöhung der New-Media-Fördermittel um eine Million Euro wurde der VR- und Games-Bereich des Medienboard Berlin-Brandenburg gestärkt. Die Games-Wirtschaft hat mittlerweile eine eigene Förderrichtlinie erhalten. Und das Programm „Digitale Filmproduktion“ – die VFX-Förderung – wurde ebenfalls deutlich erhöht. Wir haben an unserem Standort großartige Unternehmen und Startups, die die Branchen voranbringen, nicht nur in Berlin, sondern beispielsweise auch in Potsdam-Babelsberg, wo viele digitale Schlüsseltechnologien entwickelt werden.

tipBerlin Recruiting heißt ja auch, generationenübergreifend zu denken. Was wollen die Leute aus der Generation Z von ihren Arbeitsplätzen?

Jeannine Koch Es gibt grundsätzliche Unterschiede in der Lebens- und Arbeitsstruktur zwischen der älteren und jüngeren Generation. Ich will nicht sagen, dass der Generation Z das Arbeiten weniger wichtig ist, aber es wird mehr – und auch zurecht – eingefordert, dass zwischen Arbeitgeber:in und Arbeitnehmer:in ein gesundes „Geben und Nehmen“ vorliegt. Heißt: Sie möchte flexibel arbeiten können, um Beruf und Familie besser zu managen. Das bezieht sich sowohl auf den Arbeitsort als auch auf die Arbeitszeit. Dies bedarf natürlich einer gesunden Vertrauensbasis.

Lektionen für die Boomer-Chefetagen

tipBerlin Was müssen die Chefinnen und Chefs aus der Boomer-Generation lernen?

Jeannine Koch Eigentlich nur, dass sie den Bedürfnissen der jungen Generation offen gegenüberstehen. Wir befinden uns mittlerweile in einem Arbeitnehmer:innen- und nicht mehr Arbeitgeber:innenmarkt. Damit muss man sich auseinandersetzen und angemessene Arbeitsbedingungen schaffen.

  • Zur Person Jeannine Koch ist seit Januar 2021 die Vorstandsvorsitzende des medianet berlinbrandenburg e.V. Zuvor verantwortete sie als Direktorin die re:publica Berlin, Europas größte Digital- und Gesellschaftskonferenz, die jährlich stattfindet. Die gebürtige Köpenickerin und diplomierte Medienberaterin hat in Berlin u.a. Anglistik, Amerikanistik und Neuere Deutsche Philologie sowie „International Communications“ in Sydney studiert.
  • Der Verein medianet berlinbrandenburg wurde 2001 gegründet und vertritt branchen- und länderübergreifend rund 450 Mitgliedsunternehmen, darunter sowohl etablierte und global agierende, als auch Startups.

People & Culture Festival

Im Kino Colosseum organisiert medianet berlinbrandenburg das People & Culture Festival. Foto: VALUES. Real Estate Holding GmbH/Andreas Boettger (go2know)

Nach zweijähriger Schließung finden im Colosseum wieder Veranstaltungen statt, beispielsweise das People & Culture Festival. Dort stellen sich Unternehmen aus der Kreativwirtschaft vor, es gibt Talks, Workshops – und abends Party.

  • People & Culture Festival im Kino Colosseum Schönhauser Allee 123, Eingang über Gleimstraße, Prenzlauer Berg, Fr 11.11., 10-22 Uhr, Eintritt frei, mehr Infos und Tickets über hier und auf der Website von medianet berlinbrandenburg

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