Botox im Trend: Drei junge Berliner:innen erzählen, warum sie Beauty-Eingriffe hatten
In Berlin boomt das Geschäft mit Botox und Fillern. Minimalinvasive Eingriffe sind selbst bei jungen Generationen längst kein Tabu mehr. Aber ist das gut? Drei Berliner:innen erzählen, warum sie sich spritzen lassen.
Von Marlene Giesecke und Marie Ladstätter

„Schon mit 18 wollen viele gemachte Lippen“
Es war ein besonders stressiges Semester in ihrem Zahnmedizin-Studium, als Isabelle vor dem Spiegel plötzlich der Schreck überkam. Sie entdeckte zwei Falten auf ihrer Stirn. „Boah, bist du alt geworden“, dachte sie. Dabei war sie gerade mal Mitte 20. Ihr Ausweg: „Baby-Botox”. Zwei Jahre ist das her.
Die Methode des sogenannten „Baby-Botox“ kommt aus den USA: Das bedeutet, dass Menschen bereits in jungem Alter mit geringen Dosen Botox anfangen, um der Entstehung von Falten vorzubeugen.
An einem warmen Sommertag sitzt Isabelle in einer namenlosen Kneipe unweit des Charlottenburger Savignyplatz. Mit ihr am Tisch: Julia und Alex (alle Namen von der Red. geändert). Es wird Kaffee, Wein und alkoholfreies Bier bestellt.
Isabelle und Julia sind in Charlottenburg beheimatet, Alex kommt aus Steglitz. Heute sprechen sie über etwas, das sie gemeinsam haben: Seit ein paar Jahren nehmen sie minimalinvasive Schönheitsbehandlungen in Anspruch. Minimalinvasiv bedeutet in der Beautybranche vor allem: Botox und Hyaluron.
Die Angst vor der 30
Als Isabelle vor zwei Jahren die Stirnfalten entdeckte, hat sie sich von ihrer Freundin Julia beraten lassen. Diese hatte bereits Erfahrung mit minimalinvasiven Eingriffen. Dann begann Isabelle mit dem Baby-Botox. „Seitdem fühle ich mich viel wohler. Natürlich verstehen das nicht immer alle. Aber denen sag ich dann, warte mal ab, bis du in meinem Alter bist.” Isabelle ist jetzt 28. Im Laufe des Gesprächs wird sie immer wieder von ihrem Neid auf Julias glatte Stirn sprechen: „Und das mit 30 ohne Botox!”
Das Alter 30 wirkt in der Welt von Isabelle, Julia und Alex wie eine Bedrohung. Eine der Autorinnen dieses Textes erhält im Laufe des Gesprächs wiederholt Lob dafür, wie gut sie sich gehalten habe – obwohl sie dieses Jahr 30 werde.
Julia mit der glatten Stirn ist von Beruf Goldschmiedin. Auf ihrem Schoß sitzt ihre Hündin Fanny, ein kleiner Mops. Es sei die beste Entscheidung ihres Lebens gewesen: „Mann durch Hund ersetzen.” Julia hat sich ihre Lippen zweimal mit Hyaluron aufspritzen lassen: „Ich wollte immer schon volle Lippen haben.”
Alex: „Man kommt sich fast komisch vor, wenn man nichts gemacht hat“
Von der Intensität des Eingriffs war sie dann doch überrascht: „Es wird immer von minimalinvasiven Behandlungen gesprochen, als wäre das nichts. Aber du wirst betäubt und dann wird eine Spritze mehrmals tief in deine Lippen geschoben.“ Im Anschluss muss man die Stellen zwei Wochen lang massieren. Mit dem Ergebnis ist sie sehr zufrieden.
Alex, der als Immobilienmakler arbeitet, macht beides: Botox in der Stirn und Hyaluron im Nasenrücken. Eine „schönere” Version seiner selbst zu erreichen, beschäftigt ihn schon sein ganzes Leben. Sendungen wie „taff” auf ProSieben, die er als Teenager geguckt hat, hätten aus diesen Wunschvorstellungen konkrete Pläne geformt, erzählt er. Seit er 30 sei, dominiere auch eine andere „Gefahr”: „Als schwuler Mann ist man mit 30 alt. Und man will ja fuckable bleiben.” Auch in seinem privaten Umfeld stehen Beauty-Eingriffe an der Tagesordnung: „Da kommt man sich fast schon komisch vor, wenn man nichts gemacht hat.” Alle drei betonen, wie wichtig es ihnen sei, natürlich auszusehen. Es klingt fast wie eine Rechtfertigung.
Für Menschen wie Alex, Julia und Isabelle, die Mitte der 90er-Jahre geboren sind, war Botox lange Zeit etwas Abstraktes. Ein verzweifelter, fremdbestimmter Schritt, den Stars gingen, wenn sie ihr gealtertes Aussehen nicht mehr ertrugen.
Der Einfluss von Social Media
In den letzten Jahren hat sich das verändert. Was für Teenager der 2000er-Jahre die „Bravo“ war, ist heute Social Media. Während die Teenie-Postille lediglich gemachte Gesichter abbildete, nehmen Influencer:innen ihre Follower:innenschaft heute direkt mit ins Behandlungszimmer. Wer aufmerksam durch die Stadt spaziert, wird sie bemerken: die vielen vollen Lippen, die glatte Haut. Schönheitseingriffe sind nichts Abstraktes mehr, und so wie die Gesichter weniger bröckeln, bröckelt auch das Tabu. Aber ist das gut?
Schon mit 18 wollen viele gemachte Lippen. Sie sehnen sich danach, wie ein Filter auszusehen
Luna (Kosmetikerin)
Auch die Deutsche Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie (DGÄPC) konstatiert in ihren jährlichen Umfragen einen wachsenden Einfluss sozialer Medien auf die Nachfrage – und eine entsprechende Verschiebung des Marktes hin zu Beautyketten und günstigeren Anbietern. Die Soziologin Julia Wustmann spricht in der im Frühjahr erschienenen ARD-Doku „Bin ich schön“ in dem Zusammenhang von einer Demokratisierung der Schönheitsbranche: „Durch die vielen Praxen, die entstehen, werden solche Eingriffe verfügbarer, günstiger und gesellschaftsfähiger. Immer mehr können daran teilnehmen.”
Hyaluronsäure im Schaufenster
Welche psychologischen Folgen diese zunehmende Verfügbarkeit hat, erklärt in derselben Doku Julia Tanck, eine Expertin für Körperbildstörungen: „Wenn wir in den Spiegel schauen, fokussieren wir uns auf die Dinge, die von unserer Wunschvorstellung abweichen.“ Je häufiger das geschieht, desto größer werde der Leidensdruck – und desto niedriger die Hemmschwelle, etwas dagegen zu tun.
Die Enttabuisierung ist bereits im Stadtbild angekommen. Mitten am Ku’damm, zwischen Mango und M&M Shop, befindet sich Aesthetify, der Berliner Standort der Beauty-Marke von Dr. Rick und Dr. Nick. Die beiden „Schönheits-Docs”, mit bürgerlichen Namen Henrik Heüveldop und Dominik Bettray, inszenieren höchst erfolgreich ihre Praxis auf Instagram. Schon aus dem Schaufenster blicken sie den Vorbeilaufenden in Form eines überlebensgroßen Fotos ernst entgegen: In hautengen, maßgeschneiderten Anzügen und mit verschränktem Bizeps. Spritzen mit Hyaluronsäure liegen im Fenster aus wie Luxusware.
Ein Lifestyle, zu dem Spritzen gleichermaßen dazu gehören wie Champagner
Ihre Bromance sei in einem Vorlesungssaal entstanden, als Nick Ricks Bizeps bewundert habe, erzählt Dr. Nick. Schnell wurde klar, dass sie eine Leidenschaft teilen: „Schönheit“.
Was sie in ihrem Aesthetify-Imperium verkaufen, ist ein Lifestyle, zu dem Spritzen gleichermaßen dazu gehören wie Champagner. Auf Instagram und Tiktok mit über 400.000 Follower:innen und in ihrer eigenen Joyn-Serie „Dr. Rick & Dr. Nick – Die Schönheits-Docs“, nehmen sie die Zuschauer:innen mit in ihre Welt, in der sie „Natürlichkeit“ versprechen. Das heißt bei ihnen: normschön, glatt, teuer. „Das alte Narrativ von Beauty gibt es ja gar nicht mehr“, beteuern die beiden selbsternannten Koryphäen.
Tausende operierte Brüste
Seit März 2025 hat Aesthetify eine neue Abteilung, die über minimalinvasive Eingriffe hinausgeht: René Raboch, ein österreichischer Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie, leitet jetzt eine Chirurgie am Berliner Standort. Da Rick und Nick keine Fachärzte sind, dürfen sie nämlich ausschließlich minimalinvasiv behandeln. Mit Raboch gehen sie den nächsten Schritt. „Er hat schon tausende Brüste operiert“, lobt Rick seinen neuen Kollegen stolz.
Er hat in vielen Städten gearbeitet – an Berlin gefällt ihm die Experimentierfreude. Schönheitseingriffe würden hier weniger verurteilt. „Der Trend zu Schönheitseingriffen wie Botox und Fillerunterspritzungen ist in den letzten 15 Jahren unglaublich stark geworden“, erzählt der Chirurg. Bedenklich sei dabei vor allem der Einfluss der sozialen Medien: „Das ist ein krasser Hebel. Gerade junge Menschen sehen den ganzen Tag gefilterte Gesichter.” Und selbst er, der sein Leben der Optimierung von Körpern widmet, fühle sich von den Schönheitsidealen auf Instagram und Co. mehr beeinflusst als von seinem täglichen Geschäft.
[Social Media] ist ein krasser Hebel. Gerade junge Menschen sehen den ganzen Tag gefilterte Gesichter
René Raboch, Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie
Raboch bestätigt die Beobachtung der Psychologin Julia Tanck: Die Normalisierung von Eingriffen gehe mit einer schwindenden Hemmschwelle innerhalb der jüngeren Generation einher: „Die machen dann ein Reel darüber.“
Trotzdem werden die Kund:innen von Nick, Rick und Raboch älter, wie diese erzählen. Vermutlich liege es auch an den Preisen: „An den Frauen im besten Alter jenseits der 40 verdienen wir am besten.“
Erschwingliches Botox
Schon allein die Beratung kostet bei Aesthetify 75 Euro. Doch wohin wenden sich all jene, für die minimalinvasive Eingriffe längst selbstverständlich und erstrebenswert sind, die sich die Luxuspreise aber nicht leisten können?
In einer etwas anderen, weniger glamourösen Ecke in West-Berlin wird auch gespritzt. Alex strahlt. Endlich wird sein Botox aufgefrischt – von Luna (Name von der Red. geändert), einer Kosmetikerin und Medizinstudentin, die in ihrem Studio auch Unterspritzungen durchführt. Befugt ist sie dazu derzeit noch nicht. Eigentlich müsste ein Arzt oder eine Ärztin dabei sein. Das ist es also auch, was die DGÄPC mit den günstigeren Anbietern meint.
Luna weiß, dass sie in ihrem Studio nicht einfach nur in einer Grauzone operiert, sondern jenseits der Legalität. Sie tut es trotzdem. Luna sagt von sich selbst, sie sei die Beste in Deutschland. In ihrem eigenem Gesicht sind die Spuren zahlreicher Eingriffe nicht zu übersehen.
„Was machen wir heute?”, fragt sie Alex, der direkt aus dem Büro her geeilt ist und nervös an einer elektrischen Zigarette zieht. Er deutet auf seine Stirn. „Ein bisschen hier und ein bisschen da und bitte noch Hyaluron hier“, erklärt er und zeigt auf die Stelle zwischen den Augenbrauen, wo die Nase beginnt. „Nein Schatz, das ist zu viel auf einmal”, entgegnet Luna. „Heute erstmal Botox.“
Die Mission Makellos gewinnt
Lunas kleines Studio ist unscheinbar, aber sauber und hell. Bedenken scheint Alex nicht zu haben, als er in das Hinterzimmer des Studios geführt wird. Sie praktiziert seit 2017. Die Kund:innen haben sich in den letzten Jahren geändert. Während die Kund:innen bei Aesthetify tendenziell älter werden, landen die ganz jungen dann bei den Lunas der Stadt. „Schon mit 18 wollen viele gemachte Lippen. Sie sehnen sich danach, wie ein Filter auszusehen”, erzählt sie. „Es sollte in unserer Verantwortung liegen, da zu sagen: Stopp. Das machen aber viele meiner Kolleginnen nicht, denen geht es nur ums Geld.”
Vor allem jungen Mädchen rät Luna von Unterspritzungen ab, wie sie erzählt: „Ich sage ihnen, dass sie hübsch genug sind und nicht aussehen müssen wie Instagram-Filter.” Ihre eigene Verantwortung endet allerdings mit Beginn der Behandlung. Ohne Arzt oder Ärztin an ihrer Seite dürfte diese gar nicht stattfinden. Alex macht sich darüber keine Gedanken. Die Mission Makellos gewinnt.
Luna spricht von „Natürlichkeit hervorheben“ und „Jugend erhalten”, während sie Punkte auf Alex’ Stirn markiert, in die sie gleich illegal Nervengift injizieren wird. „Es tut nicht weh”, sagt Alex, als die Spritze unter die Haut geht.
Es ist eine bedrückende Situation. Der Instagram-Glamour und der zelebrierte Tabubruch lösen sich in dem Moment auf, indem die Kosmetikerin weder Gesicht noch Namen zeigen kann und der Wunsch nach glatter Haut den Wunsch nach Seriosität und Sicherheit besiegt. Ruckzuck ist die Prozedur vorbei und Alex um 250 Euro ärmer. „Ich freue mich einfach nur auf das Ergebnis.” Der zurückhaltende junge Mann lächelt. Wieder ein kleiner Sieg gegen das „teuflische“ Alter 30. Wieder ein Schritt näher an der digitalen Version von sich selbst.
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