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Sexualität

„Sex in …“: Nike Wessels neuer Guide zu Orten der Liebe – von Berlin bis zu den Alpen

Die Berliner Autorin und Podcasterin Nike Wessel hat sich erneut auf die Suche nach besonderen Orten für Sexualität gemacht. Nach dem Erfolg ihres ersten Bildbands „Sex in Berlin – Guide to Love“ (Vast Chili Nova), der aus ihrem Podcast „Sex in Berlin“ hervorging, erscheint nun ihr zweites Buch: „Sex in … – Orte der Liebe vom Meer bis zu den Alpen“. Dafür wagte sie sich über die Stadtperipherie hinaus und war unter anderem in Hamburg, Köln, Basel oder Zürich.  

Shibari-Fesselungen im Käfig. Foto: Peter Frey.

Nike Wessel über die Vielfalt von Sexualität und Berlin als Sex-Hochburg

Es geht mir darum zu zeigen, wie vielfältig Liebe und Sexualität sein können. Es geht im Grunde ja immer darum, sich mit sich und anderen verbinden zu können. In Kontakt zu kommen. Dafür ist es schön, von Orten, Menschen und Ideen zu hören, wie man sich begegnen kann.

Nike Wessel

Für die gebürtige Berlinerin und Kulturwissenschaftlerin Nike Wessel ist es ein zentrales Anliegen, die Vielfalt von Sexualität, Verbindung und Liebe sichtbar zu machen. Sichtbarkeit schafft ihrer Ansicht nach Offenheit, Empathie und Liebesfähigkeit – und trägt damit zu einer toleranteren Gesellschaft bei, so beschreibt sie es in ihrem Buch. Gerade in Zeiten zunehmender sexualisierter Gewalt gegen FLINTA*-Personen und wachsendem Hass gegen queere Menschen – Themen, die im Buch wiederholt thematisiert werden – erscheint dieser Ansatz wichtiger denn je. 

Der Mythos, Berlin sei die Sex-Hochburg schlechthin, hält sich wacker. Einerseits stimmt es ja tatsächlich, dass die Hauptstadt sehr viele und zugleich unterschiedliche Räume für Begegnung für Menschen, besonders auch in sexpositiver Hinsicht, bietet. Doch wie Wessel in ihrem neuen Buch zeigt, ist das auch in einigen anderen Städten der Fall. Insgesamt besuchte sie 20 sexpositive Orte in 12 verschiedenen Städten.

Die „Hedoné“ ist ein Format aus Berlin der Initiatorin Lola Toscano. Zu sehen ist das „Naked Dinner“, eine Shibari-Show, die Performer:innen unter anderem in einen Kessel mit Schokolade führt. Foto: Erosthetica.

Kinky Zürich und Dresdner Fetischträume: Ein Blick in verborgene Szenen

So porträtiert Nike Wessel zum Beispiel Damaris Ludwig aus Kiel, die dort den „Sextatic Dance“ gegründet hat – einen Workshop, in dem Teilnehmende lernen, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen, Grenzen zu formulieren, authentische Nähe zuzulassen und Berührung nicht automatisch mit Sex gleichzusetzen. Verbunden wird das Ganze mit Bewegung und tänzerischen Elementen. 

Eine andere Location, die Wessel für ihr Buch besucht hat, ist das „Lustwerk“ in Dresden, gegründet von der ehemaligen Domina Eve – eine sogenannte „Fetisch-Klinik“, wo Szenarien wie Pflege, Windelspiele oder sehr realistisch anmutende OP-Simulationen ausgelebt werden können. Dabei sehen die Räumlichkeiten täuschend echt aus: Krankenbetten, weiße Latexhandschuhe, grelles Licht, silbriges OP-Besteck. „Hier werden Fantasien zur Erfahrung”, so beschreibt Eve ihre Arbeit in Wessels Buch.  

Auch im schweizerischen Zürich hat Nike Wessel eine rege Kink-Szene gefunden. In der „Fabrik du Plaisir” veranstaltet Carina die „Kinky Zürich”-Party, wo man sich nicht nur von melodischem Techno Bässen massieren lassen kann. Die Partys bestechen durch sinnliche Shows, Tänzer:innen, eine großzügige Play-Area und eine detailverliebter Dekoration. Das engagierte Awareness-Team, Security und das gesamte Personal achten Nike Wessel zufolge auf einen respektvollen Umgang und klare Consent-Regeln. „Diese Haltung prägt die Atmosphäre: ausgelassen, respektvoll und frei“, schreibt Wessel. 

Auszug einer Doppelseite aus dem Buch „Sex in …”. Fotos: links Erosthetica, rechts Doe Deer.

Intime Einblicke: Drei Interviews über Liebe, Safe Space und sexuelle Bildung

Wessel wirft ein pointiertes Licht auf Workshops, Partys, aktivistische Kollektive und queere Sexshops, die durch den Einsatz vieler engagierter Menschen überhaupt erst entstanden sind. Diese Projekte leisten, wie sie betont, einen wichtigen Beitrag zur sexuellen Bildung sowie zu einer feministischen und offenen Lustkultur. Außerdem führt Wessel – wie bereits im ersten Band – drei Gespräche mit Expertinnen.

Dabei erklärt die Berliner Redakteurin und Content Creatorin Nadine Primo, Autorin des Buchs „Radikal einsam”, weshalb Liebe vor Einsamkeit schützt und warum die Beziehungen, die man führt, immer politisch sind. Die Sex-Workshopleiterin Beate Absalon spricht darüber, wie wichtig sichere Räume für Erkundung sind – und dass erfüllende Nähe nicht zwingend Sex beinhalten muss. Die Kulturwissenschaftlerin Nadine Beck wiederum erzählt von Humor und Scham und geht gemeinsam mit Wessel der Frage nach, ob sich heute wirklich jede:r intensiv mit Sexualität beschäftigen muss. 

Was Nike Wessel selbst überrascht – und wo der beste Sex stattfindet

Nike Wessel hat im sexpositiven Kontext offensichtlich viel gesehen. Sie ist in neue Welten eingetaucht und hat inspirierende Menschen mit ihren Visionen kennengelernt. Dazu haben wir ihr ein paar schnelle Fragen gestellt:

tipBerlin Wo haben die Menschen den besten Sex?

Nike Wessel Ich habe den besten Sex bei mir zu Hause im Bett (lacht). Ansonsten kann man überall etwas Schönes Erleben… Für mich als Berlinerin ist es wichtig zu erzählen, dass hier in der Stadt besonders viel Kreatives passiert, es aber überall ganz wunderbare Angebote gibt. Deshalb machen wir die Bücher. 

tipBerlin Nach all den Jahren Erkundung sexpositiver Orte: Was war dein größtes Aha-Erlebnis?

Nike Wessel Immer wenn ich rausgehe zu einem Workshop, einem Treffen, einer Party, lerne ich etwas dazu. Ich versuche offen zu sein und mich überraschen zu lassen. Mir ist wichtig zu zeigen: Sexualität ist nichts Starres, sie verändert sich immer und darf sich entwickeln. Es geht mir um Toleranz, ums Liebevolle und ums Lustige bei all dem. 

Auf den Partys von Klub Verboten geht es heiß her. Foto: Zbigniew Kotkiewicz.

Ausblick: „Sex in Europe“ – Wessels nächste Reise in die Welt der Liebe

Was bleibt also? Die Neugier. Es warten noch so viele Orte der Liebe, Begegnung und Sexualität entdeckt zu werden. Und so bedankt sich Nike Wessel im Schlussteil, unter anderem bei Fotograf Swen Brandy, der das Bild für das Buchcover geschossen hat. Und so gibt Wessel einen kleinen Ausblick: „Von ihm werden wir noch viel hören — zum Beispiel im nächsten Buch „Sex in Europe”. Freut euch drauf!”

  • Sex in … – Orte der Liebe vom Meer bis zu den Alpen von Nike Wessel, Quadriga Media, 204 S., 22,00 €

Mehr zu Lust und Liebe in Berlin

Wie Sex und Intimität noch inklusiver gedacht werden kann, beleuchtet unser Text über Sexualassistenzen. Die RBB Doku-Reihe „F*ck Berlin“ von Regisseurin Marie Villetelle begleitet neun Berliner Szenegängerinnen durch ihren sexpositiven Sommer in der Hauptstadt. Dass es leider auch in vermeintlich sexpositiven Spaces nicht immer Sicher zu geht hat uns Jessica Ramczik berichtet, die zu mutmaßlichen Vergewaltigungen im KitKat recherchiert hat. Mit Pornoproduzentin Paulita Pappel haben wir statt über Sexpositivity über Pornopositivity gesprochen. Nackt sein muss nichts zwangsläufig sexuell aufgeladen sein, gerade in Berlin hat die Freikörperkultur eine lange Tradition.

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