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Interview

„Sex hat oft auch etwas Revolutionäres“ – Ein Sexualtherapeut über Erotik in Zeiten von Corona

Sex und Corona: Was machen Pandemie und Quarantäne mit unserem Sexleben? Wir sprachen mit Robert A. Coordes, dem Leiter des Berliner Instituts für Beziehungsdynamik, über die Auswirkungen des Virus‘ auf die Libido, die revolutionäre Kraft von Sex, Pornografie und Masturbation sowie die Tatsache, dass in Frankreich Wein und Kondome knapp werden

Ein Paar hat Sex im Bett. In Zeiten von Corona werden Partnerschaften und Sexualität auf die Probe gestellt.
Sex und Corona. Bei vielen Paaren funktioniert die Krise wie ein Verstärker. Entweder sie haben viel mehr Sex oder keinen mehr. Foto: imago images / Westend61

tip Herr Coordes, Sie leiten das Institut für Beziehungsdynamik, die Sexualtherapie gehört zu einem Ihrer Kernbereiche. Laufen die Therapien wie gehabt weiter oder mussten Sie schließen?

Robert A. Coordes Wir haben zwar noch geöffnet, viele Sitzungen sind bei uns allerdings ausgefallen oder verschoben worden. Viele unserer Klient*innen sind durch die Betreuung ihrer Kinder in zeitliche Bedrängnis geraten – viele Freiberufler*innen bangen gerade um ihre Existenz und entscheiden sich daher eher dafür, ihre Sitzungen erstmal abzusagen. Doch einige Paare und Einzelklient*innen suchen jetzt gerade unsere Unterstützung, da in der Beziehung die Spannungen ansteigen oder sie hier nach Lösungen suchen.

tip Wundert es Sie eigentlich, dass wir mit Ihnen über Sex und Corona sprechen wollen?

Robert A. Coordes Klopapier-Hamsterkäufe wären gerade vielleicht naheliegender. Ich habe keine Ahnung, ob es stimmt, aber ich habe in einigen sozialen Medien gelesen, dass angeblich in Frankreich Kondome und Wein knapp werden, in Deutschland hingegen Klopapier und Nudeln. Das lässt irgendwie tief blicken. Also: auch toll, dass Sie mir diese Frage stellen. 

Viele Menschen werden in der Krise ihre sexuelle Interessen eher zurückstellen

tip Wie würden Sie die Auswirkungen der Pandemie und der damit im Zusammenhang stehenden Maßnahmen auf das Sexleben der Berliner*innen einschätzen?

Robert A. Coordes In jedem Fall werden viele Menschen gerade auf sich selbst zurückgeworfen. Die meisten Tätigkeiten und Dinge, mit denen wir uns normalerweise ablenken, stehen uns nicht mehr zur Verfügung. Die aktuelle Krise ist eine Art Verstärker. Da, wo wir uns nicht mehr ablenken können, werden Ängste deutlicher spürbar. Wir spüren unsere Getriebenheit. Aber es kann auch sein, dass wir uns wieder auf das fokussieren, was uns eigentlich wichtig ist. Psychologisch kann man sagen: Je stärker wir mit Vergänglichkeit, Angst und Beschränkungen konfrontiert werden, umso mehr beginnen wir auch das, was wir haben, zu schätzen und auch zu schützen. In Bezug auf das Sexleben denke ich, dass es viele Menschen gibt, die in der Krise sexuelle Interessen eher zurückstellen, während es mindestens genauso viele geben dürfte, die gerade in der Krise sexuell aktiver werden. 

tip Vermutlich muss man hier auch genauer unterschieden. Lebt man als Paar zufrieden oder unzufrieden miteinander oder ist man Single? Was geschieht hier mit den Leuten, im Hinblick auf Sex oder die Abwesenheit davon? Können Sie die unterschiedlichen Situationen einordnen?

Robert A. Coordes ist Diplom-Psychologe, Paar- und Sexualtherapeut und Gründer sowie Leiter des Instituts für Beziehungsdynamik in Schöneberg. Seit vielen Jahren bildet er am Institut Paar- und Sexualtherapeut*innen aus und gibt Seminare an Universitäten und therapeutischen Ausbildungsinstituten. Foto: Urban Ruths

Robert A. Coordes Grundsätzlich kann man sagen, dass bei Menschen, die zusammenleben, sich die ohnehin schon in der Beziehung bestehenden Themen und Muster verdichten werden. Ist man sich vorher auf die Nerven gegangen, dann wird das nun potenziert werden, da man sich kaum mehr aus dem Weg gehen kann. Hinzu kommt ja, dass viele Paare sich auch noch Vollzeit um ihre Kinder kümmern müssen und viele Menschen zudem noch mit Existenzängsten zu tun haben. Berlin ist die Stadt der Kleingewerbetreibenden, Künstler*innen und Freiberufler*innen und hier steht für viele die Zukunft in den Sternen. Das hat Auswirkungen.

Für viele Paare ist es eine sehr große Herausforderung, den Stress, die Gefühle und die Spannungen auszubalancieren. Eine Möglichkeit, Spannungen abzubauen und eine Beziehung auszubalancieren, kann Sex sein. Doch nicht jedes Paar hat das für sich entdeckt. Viele streiten stattdessen und auch das wird sich dann steigern und intensivieren. Es wird somit auch dazu kommen, dass es nach oder auch schon während der Krise viele Trennungen geben wird. 

Im Idealfall wird die derzeitige Situation dazu führen, dass viele Menschen sich und ihr Leben infrage stellen werden. Sie werden sich fragen, ob sie tatsächlich so leben, wie sie leben wollen oder ob sie eher einen faulen Kompromiss gelebt haben. Das gilt auch für Singles, die während der Ausgangsbeschränkungen die Zeit überwiegend alleine zu Hause verbringen. Hier wird sich die Sehnsucht nach Zweisamkeit, wenn vorhanden, zeigen – hier können sich die eigenen, hinderlichen Vorstellungen aber auch in destruktiver Weise zeigen, in dem man sich in Isolation vorstellt, niemals jemanden finden zu können, unvermittelbar zu sein oder sich als unfähig zu erleben. Und das wird dazu führen, dass viele Menschen nach der Krise das machen werden, was sie bisher zurückgesteckt oder verdrängt haben. Ich glaube, dass Berlin sich positiv verändern wird. 

Wirkt die Corona-Krise bei manchen wie ein Aphrodisiakum?

tip Glauben Sie, dass die Corona-Krise auch aphrodisierend wirken kann, also man in quasi apokalyptischen Zeiten besonders aufregenden Sex hat?

Robert A. Coordes In jedem Fall wird das passieren. Jede Krise fördert immer auch die Gegenkräfte. Eine Phase erzwungener Abstinenz und Isolation weckt die Lebenskräfte und die Sehnsucht nach Körperlichkeit und Begegnung. Sex hat oft auch etwas Revolutionäres, indem er sich gegen die Bedingungen erhebt und in Richtung Lebendigkeit drängt. Ganz konkret glaube ich, dass vielen Menschen im derzeitigen Rückzug bewusst wird, was sie in ihrem Leben vermissen und dass sie, dadurch motiviert, nach der Krise verstärkt losziehen werden, um das bisher Vermisste zu finden. Und die Sehnsucht nach Liebe und Leben zeigt sich eher im Sex und erfahrungsgemäß weniger in beruflichen Bestrebungen. 

Junge Frau mit einem Dildo. In Zeiten von Corona steigt der Pornokonsum und Menschen masturbieren mehr.
Selbstbefriedigung und Pornokonsum steigen in Zeiten von Corona. Foto: imago images / Rolf Kremming

tip Pornografie und Selbstbefriedigung dürften gerade auch eine wichtige Rolle spielen. Es gibt erste Statistiken von Pornowebseiten, die eine erhöhte Nutzung belegen. Wie bewerten Sie diesen Aspekt der Sexualität?

Robert A. Coordes Ja, es gibt erste Zahlen. In Deutschland sind die Zugriffszahlen angeblich um 11 % gestiegen, in Italien seit Beginn der weitaus strikteren Maßnahmen als bei uns sogar um deutliche 57%. Ich glaube, dass Pornokonsum eine ausgleichende Funktion in der Psyche hat. Wenn jemand sich unter Druck erlebt, beruflich angespannt ist, dann findet er in Pornos Szenen, die ihn entspannen. Wenn jemand Angst hat und sich daraufhin anspannt und sorgt, dann kann das Pornogucken einen Moment der Entspannung und Linderung verschaffen. 

tip Befürchten Sie einen Anstieg von häuslicher oder allgemein sexueller Gewalt in diesen Tagen?

Robert A. Coordes Ja und nicht nur ich: Viele Experten rechnen mit einer Zunahme an häuslicher Gewalt in Zeiten der momentanen Ausgangsbeschränkungen. Aus Spanien, China und Italien weiß man, dass die Fälle sich hier verdreifacht haben. Das ist besorgniserregend. Auch in Bezug auf Kindesmissbrauch werden von vielen Verbänden und Wohlfahrtsträgern Warnungen ausgesprochen. Ich glaube, dass es auch zu mehr sexualisierter Gewalt kommen wird. 

Gewonnene Zeit nutzen, um das Spielfeld Sex neu zu betreten

tip Eine letzte Frage zum Abschluss, was würden Sie in dieser Ausnahmesituation Paaren, aber auch Singles ganz konkret für ihr Sexleben empfehlen?

Robert A. Coordes Paaren will ich empfehlen, sich ehrlich darüber auszutauschen, welche Ängste und Überforderungen in ihnen durch die aktuelle Krise ausgelöst werden. Darüber kann der partnerschaftliche Aspekt gestärkt werden, denn beide sollten erkennen, dass sie sich gemeinsam in der Krise bewegen und dass sie keine Feinde sind. So beugt man Missverständnissen vor. Gerade in stressigen Phasen ist es hilfreich, gemeinsame Rituale zu pflegen oder auch zu entwickeln. Sex ist auch ein wichtiges Ritual und vielleicht können einige Paare die gewonnene gemeinsame Zeit ja auch dazu nutzen, das Spielfeld Sex neu zu betreten. Es könnte ein neues Hobby werden, sich gegenseitig zu befragen, zu erkunden, Neues auszuprobieren und neue Bereiche in der erotischen Partnerschaft zu betreten.

Die meisten Singles können gerade unter den momentanen Bedingungen nicht auf dieses sexuelle Spielfeld zurückgreifen. Hier kann ich empfehlen, sich nicht überwiegend abzulenken. Es ist für die eigene Entwicklung wichtig, wahrzunehmen, was uns bewegt, wenn wir nicht unseren üblichen Routinen nachgehen können. Es kann sein, dass das, was uns dann begegnet, sich nicht immer toll anfühlt – aber daraus kann die Motivation entstehen, etwas zu verändern, neue Wege zu beschreiten und ggf. mutiger zu werden. Wenn man als Single ohnehin schon zufrieden war, dann kann die Ausgangsbeschränkung zur meditativen Einkehr werden und tief beruhigend sein. 

Für uns alle sind Berührung und Erotik zentral und so ist zu empfehlen, sich als Single selbst neu zu erkunden – Selbstlieberituale zu entwickeln, sich für sich selbst Zeit zu lassen, sich selbst zu berühren und sich neu zu explorieren – eben mit mehr Raum als sonst im gewöhnlichen Alltagstrubel.


Das Institut für Beziehungsdynamik wurde 2006 gegründet und bietet neben Paartherapie, Sexualtherapie für Einzelklienti*innen und Paare, Körperpsychotherapie auch Selbsterfahrungsgruppen und Ausbildungen an. Auf der Seite www.Beziehungsdynamik.de finden sich viele Beiträge und Artikel. Weitere Informationen zum Institut für Beziehungsdynamik und der Arbeit von Robert A. Coordes finden Sie auf www.Sexualtherapie-Fortbildung.de.


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