Zeitreise

Berlin wie in den 1920ern: Shoppen, trinken und erleben wie damals

Auf den Spuren einer Epoche: Die Faszination für die dekadenten Berliner Nächte der 1920er-Jahre ist bis heute ungebrochen. Das zeigt sich auch an den vielen Veranstaltungen und Orten, die das Jahrzehnt in den Fokus nehmen – nicht erst, seitdem „Babylon Berlin“ so ein Erfolg ist.


Theater im Delphi

Ehemaliges Stummfilmkino Delphi, Foto: Gunnar Klack / Wikimedia Commons / GC BY-SA 4.0

Das ehemalige Stummfilmkino musste für „Babylon Berlin“ als Drehort aller im Moka Efti spielenden Szenen herhalten. 1929 erbaut, atmet die Art-Déco-Architektur noch originales Flair, dem auch die nach umfassender Restaurierung 2017 erfolgte Wiedereröffnung nichts anhaben konnte.

Gezeigt werden heute nicht nur von Stummfilmmusiker Carsten-Stephan Graf von Bothmer live am Steinway begleitete Filmklassiker wie „Nosferatu“ – der morbide Charme des Ortes dient auch als Kulisse für Theater, Oper und 20-Jahre-Partys wie zuletzt den „Swinging Silvesterball“, wo Künstlerinnen wie Anja Pavlova in ihrer Eigenschaft als Flapper, Showgirl und Sweetheart mit glamourösen Burlesque-Einlagen dem sündigen Berlin der 1920er-Jahre Reverenz erweisen.

  • Theater im Delphi Gustav-Adolf-Str. 2, Weißensee, Homepage

Babylon Mitte

Das Babylon Mitte führt immer wieder mit Veranstaltungen in die 1920er zurück. Foto: Imago Images/Pop-Eye

Die einzige in Deutschland am originalen Standort erhaltene, 1929 eingeweihte, 2019 restaurierte Kinoorgel ist zur Live-Begleitung der samstäglichen Reihe „Stummfilm um Mitternacht“ im Einsatz – die einzige festangestellte Kino-Hausorganistin Deutschlands, Anna Vavilkina, spielt sie. Zur Geisterstunde widmen sich die Filme bei freiem Eintritt dem nächtlichen Großstadt-Feeling, Frivolem und Gruseligem. Außerdem werden auch Filme aus den 1920er-Jahren immer wieder zur Primetime gezeigt und vom Babylon Orchester Berlin begleitet. Auf dem Spielplan stehen aktuell Stummfilmklassiker wie „Metropolis“, „Das Cabinet des Dr. Caligari“ oder „Goldrausch“.

  • Babylon Mitte Rosa-Luxemburg-Str. 30, Mitte, Homepage

Absinthdepot Berlin

Führt die Gäste in eine andere Zeit – allerdings ist die Auswahl im Absinthdepot sicher größer als in den Geschäften der 1920er. Foto: Absinthdepot

Keine 20er-Jahre-Nacht ohne die grüne Fee! Das im Scheunenviertel – einem der prominenten Schauplätze aus Döblins Roman „Berlin Alexanderplatz“ von 1929 – gelegene, denkmalgeschützte Haus zählt zu den ältesten Gebäuden im Kiez. Begonnen hatte alles mit Absinthproben, die Inhaber Hermann Plöckl im Hinterzimmer nach Ladenschluss veranstaltete. Damals gab es etwa fünf Absinthe zu verkosten – heute umfasst das Sortiment fast 300 Sorten. Diese können bis spätabends geshoppt oder gleich vor Ort getrunken werden. Wurde die Wermutspirituose in den 20ern wirklich mit karamellisiertem Zucker und Wasser serviert? Hermann Plöckl weiß es.

Absinthdepot Berlin Weinmeisterstr. 4, Mitte, Mo–Mi 14-20 Uhr, Do+Fr 14-22.30 Uhr, Sa 13-22,30 Uhr, Homepage


Barhopping

Hildegard Bar, Foto: Patricia Schichl

Um 1900 soll es mehr als 300 Destillerien in und um Berlin gegeben haben. In den Tanzlokalen der 20er galt Champagner als beliebtestes Getränk. Platzhirsch aber war der Spirituosenhersteller Mampe, der die Berliner nicht nur mit seinem Bitterlikör „Mampe Halb & Halb“ versorgte, sondern auch mit Wodka und Gin. Eine der wenigen erhaltenen Originalrezepturen aus dieser Zeit ist die „Berliner Luft“, die neben 4 cl „Mampe Halb & Halb“ aus 2 cl „Gilka Kaiser-Kümmel“ und 2 weiteren cl „Asbach Weinbrand“ besteht, auf Eis ins Glas gerührt, mit Orangenzeste abgespritzt.

Wem selbst rühren zu kompliziert ist, dem sei der Zug durch das Reingold und die nach der Salonière Hildegard Dahlmann benannte Hildegard Bar anempfohlen – oder gleich das Anita Berber, eine Bar mit Nachtclub. Ganz neu: Die Moka Efti Bar für das 21. Jahrhundert, mitbegründet von einem der Enkel der Geschäftsführer des originalen Moka Efti. Und dann ist da natürlich noch die „Bar Tausend“, in der „Babylon Berlin“ gedreht wird.

  • Reingold Novalisstr. 11, Mitte
  • Hildegard Bar Marburger Str. 3, Charlottenburg
  • Moka Efti Stadtbahnbogen 159/160, Mitte
  • Bar Tausend Schiffbauerdamm 11, Mitte
  • Anita Berber Pankstraße 17, Gesundbrunnen

Mulackritze

In der nach ihrem Standort in der Mulackstraße 15  im Berliner Scheunenviertel benannten Milieu-Kneipe verkehrten Künstler und auch Gangster. Neuere Berühmtheit erlangte sie durch den 2001er-Film „Sass“ von Carlo Rola über zwei Einbrecher-Brüder (Ben Becker und Jürgen Vogel). Im Film diente sie besagten Brüdern als Treffpunkt. Schon damals als zwielichtige Unterweltspelunke berüchtigt, kann die Originaleinrichtung inklusive dem als „Hurenstube“ verschrienen Hinterzimmer heute im Gründerzeitmuseum von Charlotte von Mahlsdorf besichtigt werden.

  • Mulackritze Hultschiner Damm 333, Mahlsdorf

Clärchens Ballhaus

Clärchens Ballhaus, Foto: Bernd Schoenberger

Das 1913 Ballhaus ist weithin bekannt für seine „Clärchen swingt“- und „Schwoof“-Tanzabende im Stil der 20er-Jahre. Allerdings: Das Haus brauchte dringend eine Sanierung. Die ist nun seit Herbst 2020 abgeschlossen – wenngleich die rauschenden Festnächte vorerst weiter auf Eis gelegt blieben. Dafür lässt sich im Restaurant ganz hervorragend speisen – und auch der ein oder andere Drink geht hier in besonderer Stimmung besonders gut runter. Mehr über Berlins Ballhäuser erfahrt ihr hier.

Clärchens Ballhaus Auguststr. 24, Mitte, Homepage


Admiralspalast

Ganz im Zeichen der 1920er läuft die Show „Berlin, Berlin“ im Admiralspalast weiterhin. Foto: Imago Images/Pop-Eye

Das Traditionshaus ist eine der wenigen erhaltenen Vergnügungsstätten vom Anfang des letzten Jahrhunderts. Zunächst als Badeanstalt mit Kegelbahn und Lichtspielhaus geplant, wurde sie nach einer Zwischenexistenz als Eis-Varieté zum großen Revue- und Operettentheater. In den 20er-Jahren tanzten hier die berühmten Tiller-Girls – leichtbekleidete Ballerinen, die ihre langen Beine synchron zu schmissigen Schlagern schwenkten. Die Show „Berlin, Berlin“ wird 2021/2022 den Glanz der 1920er zurückbringen.

Admiralspalast Friedrichstr. 101, Mitte, Homepage


Wintergarten Varieté

Der Wintergarten an der Potsdamer Straße, Tiergarten, Foto: imago/Schöning

Ob Berlin Burlesque Festival oder Bohème Sauvage – im Wintergarten versammelt sich die Szene regelmäßig, um eine Hommage an das wilde Nachtleben der 20er zu feiern. Vintage indes ist hier nur der Name: Die ursprüngliche, 1897 gegründete Wintergarten-Varietébühne befand sich unweit des Bahnhofs Friedrichstraße. 1944 war für das ausgebombte Theater an diesem Standort Schluss.

1992 kam es schließlich zur Renaissance: Im dann eröffneten Haus an der Potsdamer Straße sollte an die luxuriöse Historie angeknüpft werden – in den ehemaligen Räumlichkeiten des „Quartier Latin“. Glanzvolle Galavorstellungen im Vintage-Stil gibt es dort, The Savoy Dance Orchestra oder Max Raabes Palast Orchester etwa fanden hier eine Heimat. Das Varieté wird seit 2009 ganzjährig mit selbstproduzierten Shows bespielt, bietet aber auch rauschenden Gastspielnächten eine Bühne. Die Varieté-Revue „Golden Years“ über die 20er läuft wohl noch ein Weile.

Wintergarten Varieté Potsdamer Str. 96, Tiergarten, Homepage


Bohème Sauvage

Bohème Sauvage, Foto: imago images / David Heerde

2006 ins Leben gerufen von Else Edelstahl, hat sich die Partyreihe vom privaten Salon zum Klassiker unter den 20er-Jahre-Events gemausert. Von der Lesung über die spiritistische Sitzung bis zur Absinthbar gibt es hier in wechselnden Locations wie dem Grünen Salon, dem Wintergarten oder der Volksbühne alles, was das Herz des Twenties-Fans begehrt. Wer zu Swing und Charleston das Tanzbein schwingen will, muss einen strengen Dresscode-Check bestehen. Gut beraten ist, wer den flirrenden Chic der Twenties mit einem Hauch Fin de Siècle-Melancholie zu paaren weiß. „You cannot be overdressed enough“, ist Edelstahls Motto.

Bohème Sauvage Wechselnde Locations, Infos unter www.boheme-sauvage.com


Bekleidung & Accessoires

Leihen, kaufen, maßschneidern lassen? Alles ist möglich. Zum Beispiel im Le Boudoir, dem Fachgeschäft für Mode und Accessoires im Stile der 20er-Jahre. Auch das Berliner Modeinstitut in Friedrichshain bietet seine 20er-Jahre-Kleider zum Kauf wie auch leihweise an. Bei Charming Styles, dem Maßatelier für Mode der 20er, 30er- und 40er-Jahre, lässt Frau sich ihre Vintage-Garderobe auf den Luxusleib schneidern, bei Herr von Eden wird auch Er fündig.

  • Le Boudoir Wühlischstr. 19, Friedrichshain
  • Berliner Modeinstitut Samariterstr. 8, Friedrichshain
  • Charming Styles Stettiner Str. 24, Gesundbrunnen
  • Herr von Eden Alte Schönhauser Str. 14, Mitte

Musik

Moka Efti Orchestra, Foto: Frederic Batier / X Filme 2017

Das Anfang der 2010er-Jahre oh-so-populäre Bastard-Genre Electro Swing ist in der wohlverdienten Versenkung verschwunden – mittlerweile mag man die Vintage-Klänge wieder so authentisch wie nur möglich. CD-Titel wie „Put the Jazz back in Jazz!“ von den Sazerac Swingers zeugen davon. Auch das 14-köpfige, für die Serie „Babylon Berlin “ zusammengestellte Moka Efti Orchestra soll weiter Konzerte spielen; die Berliner Savoy Satellites# sind eine feste Größe in der Swing-Szene, während man bei Swingspiration die Tanzschritte beigebracht bekommt. Die kann man zu den Klängen des heimischen Grammophons ausprobieren, das sich im Grammophon-Salon-Schumacher am Nollendorfplatz erwerben lässt, während das Antiquariat Platten-Pedro Patzek am Schloss Charlottenburg die passenden Schellacks liefert.

  • Swingspiration Körtestr. 10, Kreuzberg
  • Grammophon-Salon-Schumacher Eisenacher Str. 11, Schöneberg
  • Antiquariat Platten-Pedro Patzek Tegeler Weg 100, Charlottenburg

Touren

Wie Berlin zur verruchten Kulturmetropole wurde, zeigt anhand originaler Schauplätze die zweistündige Stadtrundfahrt „Die wilden 20er-Jahre – Berlin Erlebnistour mit dem Bus“. Auf die Spuren von Cabaret-Autor Christopher Isherwood macht man sich dagegen zu Fuß durch Schöneberg mit der geführten „The Cabaret Tour“.

Mehr zum Thema 1920er

Die 1920er sind auch wegen der Serie „Babylon Berlin“ noch einmal beliebter geworden. In und um Berlin gibt es viele Drehorte von Babylon Berlin zu bestaunen. Seit Herbst 2020 läuft die dritte Staffel im Free-TV. Zudem ist das Jahr das 100. seit der Gründung Groß-Berlins – hier eine Fotozeitreise in die 1920er.

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