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Berliner Holz Designer

Verdutzte Gesichter hat Tom Kaden in den letzten vier Jahren viele gesehen. Das soll ein Holzhaus sein? Von außen bemerkt der Betrachter jedenfalls nichts davon. Keine sichtbaren Balken, Bohlen oder Bretter. Keine Blockhausromantik. Das Gebäude in der Esmarchstraße 3 scheint ein Neubau von vielen zu sein, gebaut in eine Lücke zwischen Berliner Gründerzeithäusern. Die Fassade ist weiß verputzt. Sie harmoniert mit den anderen hellen oder pastellfarbenen Fassaden im Bötzowkiez. Doch das Besondere des Hauses liegt hinter dem Putz: schwere Holzbalken und -träger, Wände aus Lamellenbrettern, Parkettfußböden und Holzfenster. Ein ganzer Fichtenwald steckt in dem Gebäude. Nur die Bodenplatte, zwei Versorgungsschächte und das Treppenhaus sind aus Beton. Letzteres steht in einem Abstand von gut zwei Metern links neben dem Haus.

Jede der sieben Etagen hat ihren eigenen Zugang über eine kleine Brücke. Brandschutzbestimmungen“, erklärt Tom Kaden. Zusammen mit Tom Klingbeil ist er für das Haus verantwortlich, das es streng genommen gar nicht geben dürfte. „Ein Holzhaus mit sieben Etagen ist eigentlich nicht genehmigungsfähig“, sagt er. Einfach ausgeschlossen, wegen der Feuergefahr. Doch mit einem ausgeklügelten Brandschutzkonzept überzeugten die Architekten die Behörden. Kaden redet nun von Abbrandmillimeter pro Minute, von entzündungshemmenden Anstrichen und davon, dass Holzträger gleichmäßig abbrennen und nicht wie Stahlträger abrupt einstürzen. Etliche Male hat er das alles erzählt, weil immer die gleiche Frage kommt. Ist ein Holzhaus überhaupt sicher? „Die Leute haben immer noch den mittelalterlichen Stadtbrand im Kopf“, sagt er. Dabei ist Holz ein hochinnovatives Material. Es wächst nach und ist somit nachhaltig wie kaum ein anderer Baustoff. „Im deutschsprachigen Raum wächst mehr Holz, als verarbeitet wird“, sagt Tom Kaden. In Faserrichtung trägt das Material enorme Lasten wie Stahlbeton. Es lässt sich schnell und günstig konstruieren. In nur acht Wochen stand das Haus damals 2007 bis zum Dach und war damit europaweit das erste Holzhaus dieser Höhe. Holz ermöglicht eine schlanke Konstruktion und eine gute Wärmedämmung. Zudem ist es günstig in der Herstellung „Beim Bau wurden 60 Prozent Primärenergie gespart“, so Kaden. Der Brandschutz ist dabei vergleichbar mit einem konventionellen Bau.

Nach außen sichtbar sollte die Holzbauweise aber nicht sein. Tom Kaden und Tom Klingbeil sind keine Öko-Hardliner. Nachhaltigkeit gehört zum Konzept, doch mindestens ebenso wichtig war die Architektur. Das Haus soll sich in die Umgebung einfügen, mit ähnlicher Traufhöhe und einer modernen, architektonisch ansprechenden Fassade. Modern, nicht rustikal und bloß keine Bergstübelästhetik. Nur die Fensterklappen sind sichtbar aus Holz. Und wenn man von unten in die Fenster linst, dann sieht man in den Wohnungen die hölzernen Decken. Die Bauherren sind Menschen der „A-Gruppe“, wie Tom Kaden sie gerne nennt. Anwälte, Ärzte, Architekten. „Man trifft viel auf seinesgleichen“, sagt er mit einem Schmunzeln. Holz ist in dieser Gruppe nicht mehr nur ein Statement für Nachhaltigkeit, sondern immer auch in puncto Design. Inzwischen baut das Architektenduo auch in Norddeutschland mehrstöckige Holzhäuser. Einer Gegend, in der, anders als beispielsweise im alpenländischen Raum, das Steinhaus dominiert.

Holz ist modern und zum Statussymbol geworden. Oft fällt dabei das Wort „Materialehrlichkeit“, auch bei Tom Kaden. Was nach Holz aussieht, soll auch Holz sein. Kein Furnier. Kein Imitat. Und Holz soll auch nicht mehr verhüllt werden, wie noch bei den Großeltern üblich: Früher lagen auf Dielenböden dicke Teppiche oder Auslegware, auf Holztischen bestickte Tischdecken. Heute möchte man Holz zeigen. Dabei geht es nicht nur um Edelhölzer, sondern auch um den alten knorrigen Charaktertisch, die Gründerzeitstühle mit Patina oder den massiven Esstisch aus Kirschbaum. Mit den Dielen habe es angefangen, das zumindest glaubt Alf Nagel. Der gelernte Holzkaufmann kam 1973 nach Berlin und war, wie viele andere, begeistert von den riesigen Altbauwohnungen. Unter dicken Teppichen und Lackschichten entdeckten sie hochwertige Holzböden. „Die Leute fingen plötzlich alle an, ihre Dielen abzuschleifen und vom Lack zu befreien. Es haben sich irgendwann sogar Abschleif-Firmen daraus entwickelt“, erinnert sich der gebürtige Koblenzer. Mit einem Freund begann auch Alf Nagel neben der Schule mit Holz zu arbeiten, schliff keine Dielen, sondern baute Möbel. An die tausend Hochbetten habe er in West-Berliner Wohnungen gezimmert, erzählt er. Ungelernt, aber mit Geschick, vielen Kontakten und einem VW-Bulli als Gefährt. „Hochbetten-Alf“ nannten sie ihn damals. Aus dem kleinen „Freakladen“ der Siebziger ist inzwischen das Unternehmen Holzconnection mit insgesamt 13 Filialen geworden, und es sollen noch mehr werden, sagt Nagel. Denn das Geschäft laufe gut und die Nachfrage nach hochwertigen Holzmöbeln steige stetig. Alf Nagel hat dabei in fast 40 Jahren viele Holztrends mitgemacht. Die Hochbetten und Lamellenschränke in den Siebzigern, die Schwarz-Weiß-Möbel der Achtziger, den Futon und Japantrend in den Neunzigern und nun Vollholzbetten, maßgefertigte Regale bis unter die Decke und massive Holztische mit Tischplatten, die vorgezeigt werden können und sollen.

Als 1979 die erste IKEA-Filiale nach Berlin kam, habe das die Lust auf Holz und neue moderne Wohnsituationen mit Holz befeuert, erzählt Nagel. Eine Konkurrenz sieht er in dem Möbelhaus nicht. Diejenigen mit etwas mehr Einkommen suchen sich Wohnlösungen fernab von der Billigmöbelkette. „Holz ist schön und gesund“, begründet Alf Nagel die Faszination für den Werkstoff, „Jeder würde mehr Holz kaufen, wenn das Geld da wäre“, glaubt er. Das FSC-Zertifikat der Hölzer war ein Verkaufskriterium in den Neunzigern. Inzwischen ist es selbstverständlich, er wirbt nicht einmal damit.

Auch bei Michael Ferguson hat alles mit Dielen angefangen. Wenn die dicken Bodenbretter bei Sanierungen auf dem Sperrmüll landen, sammelt der Brite sie von dort wieder ein. In seiner Werkstatt sägt, schleift, hämmert und leimt er aus ihnen Möbelunikate oder ganze Einrichtungen. Eine komplette Küche hat er schon aus Dielen getischlert, 18 Tische und 43 Stühle für Tim Mälzers Restaurant Bullerei in Hamburg und die Einrichtung des Cafй Krone in der Oderberger Straße, gleich um die Ecke von seinem kleinen Atelier, in dem er seit zwei Jahren arbeitet.
Früher war sein Geschäft Not A Wooden Spoon leicht erkennbar an dem überdimensionalen Holzstuhl vor der Tür. Wegen einer Baustelle steht der jetzt drinnen und raubt den Ausstellungsstücken den Platz. An den Wänden lehnen die meterlangen Dielen. Ferguson weiß von jeder die Herkunft. Die weißen seien aus der Invalidenstraße, die mächtigen dunkelroten aus der Großen Hamburger Straße, die pastellfarbenen aus Frohnau. „Ein Kunde kaufte ein Möbelstück aus Frohnau-Dielen nur, weil er selbst aus dem Stadtteil kam“, erzählt Ferguson. Den Dielenlack schleift er nur teilweise ab und verschafft den Möbelstücken dadurch eine farbenfrohe Patina.
Bereits in Australien, wo er zehn Jahre lebte, baute Ferguson aus alten Paletten und Dielen Möbel. Das Konzept hat er vor zwei Jahren nach Berlin mitgebracht. Das „Wooden Spoon“ im Namen seines Geschäfts bedeutet im Englischen übrigens so viel wie Trostpreis. Oft werden Michael Fergusons Möbel mit denen des holländische Designers Piet Hein Eek verglichen. Er war Anfang der Neunziger ein Pionier im Anfertigen von Designermöbeln aus alten Holzteilen, die immer etwas unperfekt wirken.
„Upcycling“ nennt man den Vorgang, wenn aus scheinbar wertlosen Gegenständen oder gar Müll neue wertvollere Gegenstände entstehen.

Auch Katja Buchholz verguckte sich in raues Holz mit Macken oder Gebrauchsspuren. Einen ihrer ersten Tische baute sie aus einer Europalette, andere aus den 250 Jahre alten Holzbohlen eines Fachwerkhauses. Und auch aus ungehobelten, rauen Baustellenbohlen begann sie, zusammen mit einer Tischlereiwerkstatt, vor vier Jahren massive Tafeln und Tische herzustellen. „Damit der distinktive Grauschimmer des Holzes nicht verloren geht, wurden die Tische gewachst und nicht geölt“, sagt sie. Designliebhaber zählen zu ihren Kunden sowie Restaurants und Cafйs mit innenarchitektonischem Anspruch. Sie hat das Restaurant Lokal in der Linienstraße gestaltet. Im Cafй Oliv bildet eine riesige Tafel von Katja Buchholz den Mittelpunkt des Raumes. Dass immer mehr Designer scheinbar wertlose Hölzer wie alte Dielen oder Baustellenbohlen recyceln und zu Designgegenständen aufarbeiten, ist ein weiteres Zeichen dafür, dass Holz an Beliebtheit und Wertigkeit gewinnt. Katja Buchholz und Michael Ferguson arbeiten dabei nicht zuallererst aus ökologischen Gründen mit alten Hölzern, sondern aus Liebe zu dem Material. „Holz ist warm und freundlich“, sagt Michael Ferguson.

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