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Berliner Modedesigner erobern die Welt

MusterkollektionKontrolle, Guerilla-Shows & Konsequenz

Butterflysoulfire ist ein Urgestein der Berliner Avantgarde-Mode. Thoas Lindner ist der impulsive Chaot, Maria Thomas die bedachte Planerin im Team. Beide meinen, dass man unabhängig sein muss, um ein fortschrittliches, manchmal radikales Design zu entwickeln. „Unabhängigkeit bedeutet für uns, dass man seinem Gefühl und nicht einer Marketingstrategie folgt“, erklärt Thoas Lindner. Maria ergänzt: „Unabhängigkeit bedeutet für uns auch, Entscheidungen selbstständig zu treffen, sich weder Produkte noch Vorgehensweise oder Geschwindigkeit diktieren zu lassen.“ Die Designer sind in verschiedenen Disziplinen künstlerisch aktiv. Nicht nur in den Entwürfen, auch bei den Fotostrecken und Modenschauen gehen sie eigene Wege.

Vor allem in den theatralisch inszenierten Lookbook-Shootings, in denen die aktuellen Kollektionen präsentiert werden, wird die ganz eigene Welt von Butterflysoulfire anschaulich. Momentan entsteht ein Fashion-Film, der in Kooperation mit dem Berliner Künstler Steffen Seeger die Kollektion für Frühling/Sommer 2010 interpretiert. Außerdem haben die Designer eine Plattform für Öffentlichkeitsarbeit ins Leben gerufen, um ihre PR-Maßnahmen zu professionalisieren und gleichzeitig die Kontrolle nicht an eine Agentur abzugeben. Gleichzeitig bieten sie ausgesuchten Designern an, für wichtige Anlässe wie Press Day oder Fashion Week einen Showroom zu organisieren. Aufmerksamkeit zählt. Durch eine eigene Handschrift beim Design und über ausgefallene Aktionen wie Guerilla-Shows oder Theater Performances hat es Butterflysoulfire geschafft, über die Jahre authentisch zu bleiben und seinen eigenen Stil konsequent zu entwickeln. „Wir leben in der Realität des 21. Jahrhunderts, mit seinen Ecken und Kanten, und wollen die angemessene Bekleidung dazu erschaffen“, sagt Maria Thomas.

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Sie: Jacke Lempelius; Kleid Butterflysoulfire; Strumpfhose Elbeo; Boots Y3

Er: Jacket Firma; T-Shirt Butterflysoulfire; Hose Raf by Raf somons; Schuhe privat

Butterflysoulfire Lehderstraße 74-76, Weißensee, ­Tel. 42 10 53 35, www.butterflysoulfire.com, S-Bhf. Greifswalder Straße, Bus 158, Tram M2, M13,12, Mo-Fr 10-18 Uhr und nach Vereinbarung

MusterkollektionVertrieb, Recherche & Export

Unter Berliner Modedesignern ist Bettina Lempelius so etwas wie die Exportmeisterin. Weltweit verkauft sie ihre Anoraks und Trenchcoats in über 15 Länder, etwa nach Italien, Russland, Australien oder Japan. Insgesamt gehen rund 80 Prozent ihrer verkauften Ware ins Ausland. Die Jacken des Berliner Labels hängen in Multibrandstores wie Le Form in Moskau, Conceptstores wie Tad in Rom oder auch in großen Häusern wie Harvey Nichols in Hongkong. „Ein guter Vertrieb ist entscheidend für den Erfolg einer Marke“, sagt Lempelius. In ihrem Fall läuft der internationale Vertrieb über drei spezialisierte Agenturen, die die Berliner Kleidung weltweit in 140 Geschäfte verbreiten. „Die eingeführten Vertriebs-Agenturen haben das Vertrauen eines großen Kundenkreises“, sagt Lempelius. „Davon profitiert man als Designerin sehr.“ Das allerdings setzt voraus, dass man sich als kreatives Talent einen Namen in der Szene der Vertriebsagenturen macht. Bei Lempelius deutete am Anfang ihrer Laufbahn wenig darauf hin, dass ihre Jacken eines Tages in Moskau oder Sydney verkauft würden.

Mit der ersten Kollektion ist die heute erfolgreiche Geschäftsfrau drei Wochen lang kreuz und quer durch Deutschland gefahren, inspizierte Boutiquen und Shops. Eine Recherche, die viel Zeit beanspruchte. „Manchmal bin ich 500 Kilometer gefahren, um zu hören, dass es morgen besser passt“, sagt sie. Doch die Mühe lohnte sich. Lempelius gewann auf ihrer Deutschlandreise nicht nur die ersten Kunden, sondern sollte ihr auch den Weg in die internationale Welt der professionellen Vertriebspartner ebnen. Agenturen sind nur dann an einem neuen Label interessiert, wenn es für den eigenen Kundenkreis interessant werden könnte. Dabei orientieren sie sich am Angebot bestimmter In-Boutiquen in ganz Deutschland, etwa Läden wie Murkudis in Berlin, Feldenkirchen in Hamburg oder Different auf Sylt. „Wenn die eigenen Modelle dort hängen, gibt das den Agenturen die Sicherheit, dass die Sachen wirklich interessant sind“, sagt sie. So hat es für sie funktioniert. Von der zeitaufwändigen Deutschlandreise profitiert Lempelius bis heute – sie öffnete ihr die Türen zu deutschen Trendläden und in die ganze Welt.

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Sie: Catsuit Miroike; Cap privat

Er: Jacke Raf by Raf simons; Longsleeve Wood Wood; Hose Firma; Schuhe Nike

Lempelius Atelier und Büro: Münzstraße 19, Mitte, ­Tel. 28 04 52 91, www.lempelius.net, Mo-Fr 10-16 Uhr

MusterkollektionIdee, Kooperation & Exklusivität

Hikmet Sugoers Laden in der Nürnberger Straße ist mehr als ein gewöhnliches Schuhgeschäft. Stars und Sternchen kaufen hier ein, Rechtsanwälte und Taxifahrer, Gutverdienende und solche, die sich außer Schuhen nichts leisten. Inzwischen kennen Turnschuhfans aus aller Welt Solebox. Besonders begehrt sind die Special Editions, die Labelchef Hikmet Sugoer höchstpersönlich ­designt. Von Anfang an hat der 34-Jährige in seinem Laden nur das verkauft, was er selber gern am Fuß tragen möchte – und traf damit den Nerv und den Geschmack der Szene. Das erkannten irgendwann auch die Großen der Branche. Vor ein paar Jahren meldete sich das britische Sneaker-Label New Balance und bot dem Solebox-Chef eine Kooperation an: „Das war ein Traum für einen Turnschuh-Nerd wie mich“, sagt Hikmet Sugoer. „Mein erster eigener Schuh!“ Damals entstand erstmals ein Turnschuh nach Sugoers Entwürfen, der heute Kultstatus hat. In Internetauktionshäusern wird das Modell inzwischen für ein Vielfaches des ursprünglichen Verkaufspreises gehandelt.
Für den Berliner Sneaker-Spezialisten war die Zusammenarbeit mit New Balance nur der Anfang.

Es folgten Kooperationen mit Marken wie Adidas, Asics, Puma, Reebok, Vans, Lacoste und Rimowa. Mit einigen sogar öfter. Wobei die produzierten Stückzahlen variieren. Mal erscheint eine Serie mit mehr als 500 Paaren, mal sind es nur 25. Die Knappheit des Angebots gehört zum Konzept. Gleiches gilt für die Vertriebswege: Manche Schuhe gibt es nur im Berliner Solebox-Shop, andere wurden weltweit in den besten Läden platziert. Ein bisschen Exklusivität gehört bei den Special Editions von Solebox eben dazu. Der Berliner Turnschuhexperte meint, dass die Kooperation mit großen Brands Vorteile für alle Seiten habe: „Wir haben von den Großen viel gelernt, aber wir haben ihnen auch viel Input geliefert, wovon sie sehr profitieren.“ Sein Unternehmen sei klein und unbürokratisch, erklärt er, weshalb neue Modelle schneller und flexibler gefertigt werden könnten als in großen Unternehmen. Und an Ideen mangelt es Hikmet Sugoer nie. Zurzeit träumt er von einer roten Waschmaschine mit beleuchteter Trommel und einem passenden Schuhwaschgang. „Das wär’ doch mal was“, sagt er.

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Sie: Lederkleid Firma; Kette Kaviar Gauche; Strumpfhose Falke; Heels Rubert Sanderson

Er: T-Shirt & Hose Butterflysoulfire; Jacket Firma, Schuhe privat

Solebox Nürnberger Straße 16, Charlottenburg, Tel. 91 20 66 90, www.solebox.de, U-Bhf. Augsburger Straße, Wittenbergplatz, ­
Mo-Sa 12-20 Uhr

Weitere interessante Designer-Porträts und über 700 Adressen rund um die Themen Mode, Schönheit und Design finden sie in der aktuellen Ausgabe der tip-Edition „Fashion & Design 2009„.

Text: Antje Binder, Susan Schiedlofsky
Foto: Matze Schmidbauer
Produktion: Susan Schiedlofsky

Styling
: Ann-Kathrin Obermeyer
Make-up: Shirin Kürschner
Models: Roman und Alisa/VIVA
Foto-Location: Astra Kulturhaus

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