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Berlins Nachwuchs-Designer

HIEN_LE„Ein eigenes Label zum Erfolg zu führen, ist ein langer Prozess. Nur wer über Durchhaltevermögen, Willensstärke und ausreichende finanzielle Mittel verfügt, wird auch die schwierigen Phasen dieses Berufes meistern können.“ Hien Le weiß, wovon er spricht. Der selbstständige Designer mit laotischen Wurzeln produziert seit drei Jahren hochwertige Prкt-а-porter-Kollektionen unter seinem eigenen Namen. Die Entwicklung seines Unternehmens voranzutreiben ist sein „täglicher Motor“. Sein größter Wunsch bleibt, „endlich auch davon leben zu können“. Denn trotz seines Fleißes und der perfekten handwerklichen Ausführung seiner Kunst spielt sein Unternehmen noch nicht die notwendigen Gelder ein, die ihn sorglos in die Zukunft blicken lassen könnten.

Eine Chance in diesem Business hat nur, wer sich den Gesetzen des Marktes anpasst. Das bedeutet, zweimal im Jahr, pünktlich zu Beginn des Ordergeschäfts, müssen die neuen Musterkollektionen gefertigt und präsentiert werden. Stoffeinkäufe und Arbeitskräfte, Messeauftritte, Modenschauen und Lookbooks muss der Desi­gner vorfinanzieren, ohne dass er weiß, ob sich die neue Kollektion verkaufen wird. So bleibt jede Saison ein existenzielles Wagnis, das ohne Investorengeld oder private Unterstützung kaum zu bewältigen ist.

BLAENK_NadineMoellenkamp_SilkeGeibAuch Nadine Möllenkamp und Silke Geib kennen diese Probleme. Die studierten Designerinnen, die sich bei der gemeinsamen Arbeit für das niederländische Modeunternehmen Viktor & Rolf kennenlernten, gründeten 2010 ihr eigenes Mode­label. „Wir haben immer davon geträumt, unser eigenes Ding zu machen“, sagt Nadine Möllenkamp. Das Ergebnis dieses Traums ist Blжnk – feminine, moderne Silhouetten und hochwertige Materialien wie Seide und Wollstoffe, handwerklich perfekt verarbeitet. Wunderschön, aber äußerst kostspielig. Um das Budget für ihre erste, große Kollektion zusammenzubekommen, bewarben sie sich letztes Jahr bei der Gründungsförderung des Berliner Senats.

Der Wettbewerb Start your Fashion Business (SYFB) gehört zu einer Vielzahl von Programmen, mit denen die Senatsverwaltung für Wirtschaft lokale Unternehmen und Entwicklungsmaßnahmen fördert, jährliches Gesamtvolumen eine Million Euro. Blжnk konnten mit ihrem Talent und Businessplan überzeugen. Die Jury belohnte das junge Label mit dem ersten Preis: 20?000 Euro und eine eigene Show auf der Berliner Fashion Week. „Das Geld zu gewinnen, war toll und sehr wichtig für uns“, sagt Möllenkamp, „aber unternehmerisch betrachtet war es nur eine kleine Starthilfe.“

Hien_Le_RunwayHien_Le_RunwayDass die Gründung erst der Anfang eines Weges voller finanzieller Engpässe sein kann, musste auch Hien Le erfahren. Er begann seine selbstständige Laufbahn ebenfalls mit Unterstützung des Senats: dem dritten Platz bei den SYFB-Awards 2011. Le wusste, worauf er sich einließ. Denn nach dem Studium an der HTW in Berlin hatte er erst einmal für andere Designer und Sales-Agenturen gearbeitet, um das Geschäft mit der Mode kennenzulernen. Dennoch benötigt auch er hin und wieder kurzfristige Zwischenfinanzierungen, um Saison für Saison seine Kollektionen präsentieren zu können. Trotz des gelegentlichen Frustes ist er dankbar für die Möglichkeiten, die sich ihm bieten. „Ich bin sehr froh, dass der Berliner Senat diese Förderprogramme ins Leben gerufen hat. Selbst wenn sie den reellen Bedarf nicht immer voll abdecken, haben sie es mir doch ermöglicht, meine Kollektionen auf der Fashion Week zu zeigen.“

Eine eigene Show während der Berliner Fashion Week ist für junge Designer wichtig, um den Einkäufern und den Medien aufzufallen. Doch selbst positive internationale Presse ist noch kein Garant für steigende Umsätze. Die Order der großen Kaufhäuser und Vertriebsagenturen bestimmen noch immer den Markt. „Die Einkäufer sind sehr zögerlich. Viele scheuen das Risiko, eine nahezu unbekannte Marke mit ins Sortiment aufzunehmen, selbst wenn Qualität und Preis stimmen“, sagt Hien.

BLAENKAuch Möllenkamp/ Geib wissen um die Probleme des Absatzes: „Wir machen Haute Couture. Unsere Mode ist hierzulande noch ein Novum. Luxusmarken kennt man in Deutschland doch eigentlich nur aus Paris oder Mailand.“
Um hierzulande im Ordergeschäft berücksichtigt zu werden, muss eine Marke sehr bekannt sein. Der Großteil der Deutschen kauft erst, wenn andere kaufen. Oder gar nicht. Das bekommen viele der jungen Designer schmerzlich zu spüren. Die Kollektionen verkaufen sich oft so schleppend, dass die Umsätze weder die Fixkosten noch die notwendigen Gelder für die neue Saison einspielen. „Solange wir uns für Designermode made in Germany nicht begeistern und sie als Teil unserer kulturellen Identität begreifen, wird sich an der Situation der Designer so schnell nichts ändern“, sagt Sonia Flöckemeier. Die unabhängige Unternehmensberaterin ist als Coach für die Berliner Senatsverwaltung tätig und kennt die Probleme der Branche.

Seien es die mangelnden BWL-Kenntnisse mancher Existenzgründer oder die fehlende Bereitschaft der Einkäufer und Verbraucher, ausgetretene Pfade zu verlassen: „Es besteht überall noch Optimierungsbedarf“, fasst Flöckemeier die Situation zusammen. Sie berät neben SYFB auch das Förderprogramm „Neue Märkte erschließen“. Es soll jungen Unternehmern helfen, so Flöckemeier, sich auch auf den „zukünftigen Absatzmärkten deutscher Designer“ im Ausland zu präsentieren.

Das Ausland ist jedoch nicht nur als Handelspartner interessant. Es bietet auch interessante Lösungsansätze. Das British Fashion Council beispielsweise, ein Zusammenschluss von Modeunternehmen und Förderern, kümmert sich seit 30 Jahren um die Entwicklung des nationalen Designs. Das Ergebnis dieser Arbeit sind international erfolgreiche Marken und zahlreiche Förderprogramme. Der VOGUE Designer Fashion Fund zum Beispiel unterstützt jedes Jahr ein ausgewähltes Designtalent mit rund 230?000 Euro. Dem Gewinner werden zusätzlich Mentoren aus der Textilindustrie zur Seite gestellt. Diese Mischung aus Kapital und Wirtschaftskooperationen schafft ein stabiles Fundament für ein junges Unternehmen, das sich am Markt erst positionieren muss. „Ein Modeunternehmen braucht fünf bis sieben Jahre, um sich am Markt zu etablieren“, sagt Sonia Flöckemeier. „Um das überleben zu können, muss es aber über ausreichende Liquidität verfügen.“

Die ist bei vielen Berliner Jungdesignern nicht gegeben. Doch trotz aller Widrigkeiten denkt keiner von ihnen daran, seinen Traum so einfach aufzugeben. Zu viel haben sie schon erreicht, zu groß ist die Liebe zum Beruf. „Mein Label ist einfach mein Baby. Es entwickelt sich jeden Tag weiter. Das erhoffe ich mir auch vom deutschen Markt“, sagt Hien Le. Auch Nadine Möllenkamp würde ihre Selbstständigkeit nicht wieder gegen eine Festanstellung bei einem Modehaus eintauschen.„Die kreative Freiheit, die wir haben, ist doch das höchste Gut. Und diese Freiheit hat eben ihren Preis.“ 

Text: Dina Herrler
Fotos: ThuyPham, HussTruong, Suzana Holtgrave

Links
www.hien-le.com
www.blaenk.net
www.berlin.de/sen/wtf/presse/archiv/20130311.1230.382228.html
www.britishfashioncouncil.com

 

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