Traditionsläden

Buchladen Bayerischer Platz: 100 Jahre voller Geschichten

Seit 1975 führt Christiane Fritsch-Weith die kleine Buchhandlung Bayerischer Platz – dessen gut 100-jährige Geschichte selbst Stoff für einen Roman wäre.

Buchhändlerin Christiane Fritsch-Weith hat schon vor der Corona-Krise Durchhaltevermögen bewiesen. Foto: Imago Images/tagesspiegel
Buchhändlerin Christiane Fritsch-Weith hat schon vor der Corona-Krise Durchhaltevermögen bewiesen. Foto: Imago Images/tagesspiegel

Buchladen Bayerischer Platz: Christiane Fritsch-Weith ist krisenerprobt

Sie ist kurz davor, aufzugeben. Alles hinzuwerfen. Die Kiezbuchhandlung zu schließen. Den Laden, den sie seit 1975 geführt hat. Denn Berlins Immobilienmarkt dreht frei. Ihr Vermieter will mehr Geld, viel mehr, als sie zahlen kann.  Sie stemmt sich dagegen, drei Jahre lang. Sammelt Unterschriften für ihren Buchladen Bayerischer Platz, wirbt bei Politiker*innen. Es sieht schlecht aus.

Am Ende bittet sie einen Stammkunden, einen Anwalt, um Hilfe. Dem  gelingt es, den Mietvertrag neu auszuhandeln. Rettung in letzter Sekunde. Es ist das Jahr 1995.

Wie viele Leben kann ein Buchladen haben? Wie viele Krisen überstehen? Und wo steht in alldem die aktuelle Pandemie?

Die Feuertaufe, die der Besitzerin des Buchladens endgültig die Angst nahm

„Seit dieser Feuertaufe“, sagt Christiane Fritsch-Weith, „habe ich vor nichts mehr Angst.“ Da sitzt sie – dem Reporter hat sie den roten Ohrensessel ziemlich weit hinten im schmalen, sich in den schlichten Altbau hineinstreckenden Buchladen zugewiesen – auf einem Drehstuhl vor einem Kinderbuchregal „bis 11“, eine kleine, sehr agile Frau, die die Frage nach ihrem Alter mit einem halb- oder dreiviertelempörten „Monsieur!“ pariert, dann eine „35!“ hinterherlacht.

Sie wird in den nächsten eineinhalb Stunden derart viele wohlformulierte Sätze aneinanderreihen, dass man sich wünscht, man könnte sie hier alle hinschreiben, jeden einzelnen. Und schon fliegt Christiane Fritsch-Weith durch die gut 100 Jahre. 1919 verkündet Benedict Lachmann, jüdischer Intellektueller, Stammgast im Romanischen Café, in seiner Zeitschrift „Der individualistische Anarchist“ die Gründung des Buchladens Bayerischer Platz. Sein Freund Albert Einstein wohnt nicht weit entfernt, Gottfried Benn ist auch Kunde. 

An der Scheibe hängen zwei Urkunden für den Buchhandelspreis. Nun ist eine neue dazugekommen. Foto: Imago Images/tagesspiegel

1937, Hitler ist seit vier Jahren an der Macht, zwingen die Nazis ihn, den Laden zu verkaufen. Paul Behr übernimmt, wird selbst 1939 zu Reichswehr eingezogen, braucht einen Geschäftsführer. Lachmann und Behr gelingt es, der Reichsschrifttumskammer dafür Ernst Wiederhold unterzujubeln, einen Maler aus dem Umfeld „entarteter“ Künstler.

1941 deportierten die Nazis Lachmann, er stirbt bald darauf im Ghetto von Lodz. Ein Stolperstein erinnert heute im Kiez an ihn. 1943 wird das Geschäft ausgebombt. Behr fällt 1945 den Russen in die Hände, kehrt erst fünf Jahre später zurück, seine Frau hält den Laden am Leben. Wiederaufbau des Ladens wie des Landes, Teilung, Mauerbau, Kalter Krieg.

Mit 24 Jahren übernimmt Fritsch-Weith den Buchladen am Bayerischen Platz

1975 findet Behr eine 24-jährige gelernte Buchhändlerin, Tochter eines Buchhändlerpaars, aufgewachsen in Darmstadt, als Nachfolgerin: Christiane Fritsch-Weith.

Was hat der alte Behr wohl in ihr gesehen? Das ist eine  Frage, die sie sich oft gestellt hat. „Wie hat er glauben können, dass ich Küken diesen Laden nicht in kürzester Zeit an die Wand fahre? Ich weiß es nicht.“

Vorn an der Kasse fragt ein Kunde nach dem Buch einer „Frau des Präsidenten“. Sie ruft rüber: „Er meint Michelle Obama!“ Und dann zum Reporter: „Ich höre immer alles.“

Das Schöneberger Geschäft ist eine Konstante

Die Zeiten wehen vorbei, der Buchladen bleibt eine Konstante, auf ihn ist Verlass. Die wilden 70er, die RAF-Zeit, der Deutsche Herbst. Die Demo-Bannmeile ums Rathaus Schöneberg ist nahe. Mauerfall, 9/11, das Internet. Der Laden zieht um, im selben Haus, 1990. Die alten Regale kommen mit. Bei den Lesungen gibt es erst Rot-, später Weißwein.

Im Sommer fährt die Chefin jedes Jahr nach Frankreich, 50 Bücher im Gepäck. Auch dieses Jahr, das Reisefenster in der Pandemie öffnet sich kurz. Im Oktober, die Frankfurter Buchmesse findet ausschließlich digital statt, veranstaltet sie kurzerhand eine eigene Messe im Laden. Gerade hat sie ihre 24 Weihnachts-Buchtipps allein in eine Kamera gesprochen. Der Clip geht bald online.

Zum dritten Mal als „hervoragende Buchhandlung“ ausgezeichnet

Der Buchladen sei „ein toller Typ“, schwärmt sie. Wie ein Theater. Hauptrollen: die Bücher, die Kunden. Im Hintergrund: die Autoren, Verlage. Und erst dann: sie selbst.

Ende November erhält der Laden zum dritten Mal den Deutschen Buchhandelspreis. In der Woche darauf wolle sie „Rosen auf die Kunden regnen lassen“, sagt sie.

Dann wird Benedict Lachmann auf Wolke Sieben, so glaubt sie, die nicht gläubig ist, wird also der Gründer, „der natürlich unentwegt liest“, herunterschauen auf den Laden – seinen, ihren – und sehen, dass das Leben nicht umsonst war, „trotz der ekligen Nazis“.  Und Christiane Fritsch-Weith wird ihm sagen: „Ey Alter, hat sich gelohnt!“


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