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Das ist Bikini Berlin

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Ikonografie der Moderne: Passenderweise werden künftig auch Klassiker verkauft, Alvar Aaltos Hocker etwa. Fotos: Benjamin Pritzkuleit

Aus Berlin werden neben Andreas Murkudis etwa das Modelabel Umasan, die Brillenmanufaktur Mykita, der Schufilialist Riccardo Cartillone und der Kreuzberger Gestalten-Verlag mit eigenen Läden vertreten sein. Der Lautsprecherbauer Teufel zieht mit ­seiner kompletten Entwicklungs­abteilung ins Bikini-Haus. Der Immobilienentwickler Bayerische Hausbau hatte den Gebäudekomplex, das Eckhochhaus am Hardenbergplatz, den Zoo Palast, das Bikini-Haus sowie das angrenzende Hotelhochhaus 2002 erworben und seit 2009 für 100 Millionen Euro saniert. Der Zoo ­Palast war im vergangenen Herbst, das vom Berliner Designer Werner Aisslinger gestaltete 25hours-Hotel ­Anfang des Jahres eröffnet worden.

Harald Juhnke hängt hier nicht mehr. Dabei war er doch für Jahrzehnte der markanteste Posterboy der Stadt: der Entertainer, die Peking­ente und der Alte Westen. Das Chinarestaurant von Juhnkes Schwiegervater im ersten Stock des 1957 eröffneten Bikini-Hauses, Flanierblick über den Breitscheidplatz. Dit war Berlin.

Indes: „Es gibt in dieser Stadt bekanntermaßen kein Sein, es gibt immer nur ein Werden.“ Nils Busch-Petersen, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Berlin-Brandenburg, begrüßt mit diesem abgewandelten Döblin-Zitat also Bikini Berlin. „Das“, und Busch-Petersen rechnet genau, „inzwischen 63. Einkaufzentrum der Stadt.“ Wobei diese Zahl gewiss andeutet, dass das nicht unbedingt ein Thema sein müsste. Wäre da nicht dieses Gebäude, dieser Gebäudekomplex. Und wäre da nicht ein Konzept, von dem mindestens gesagt werden kann, dass es anders ist als jene Mall-Manie in der Schloßstraße, rund um den Alex oder ganz aktuell am Leipziger Platz.

Weiterlesen: Umasan ist eines der wenigen veganen Modelabels in Berlin. Sandra Umann erklärt das Besondere daran.

Kein H&M, kein Saturn, kein Zara – Bikini Berlin verspricht Qualität statt Quantität, was immerhin schon mal die typischen Kannibalisierungseffekte unterbinden würde: Große Namen mit großen Flächen ziehen aus der nächsten Nachbarschaft in die neuere, modernere, zumindest kurzfristig angesagtere Immobilie. Zwar liegt das Europa-Center direkt gegenüber, aber doch eine Geistes­haltung – oder zumindest eine Vermarktungsstrategie – weit weg.

Ist es das also schon? Ist Bikini Berlin so etwas wie das Stilwerk in der Kantstraße, nur dass es eben nicht (nur) um Möbel, sondern einen umfassenderen Begriff der schönen Dinge geht? Andreas Murkudis steht synonym für diese Dinge. Kaum, weil er, der sozialisierte West-Berliner, langjähriger Geschäftsführer des Werkbundarchivs war, des heutigen Museums der Dinge. Und doch verweist diese biografische Notiz darauf, das Murkudis immer mehr war als ein Einzelhändler. In einem Hinterhof in der Münzstraße und vor zweieinhalb Jahren dann in der alten Tagesspiegel-Druckerei in der Potsdamer Straße war er Raumpionier, hat die nicht ganz so naheliegenden Sachen – Tische von e?15,

Mode von Martin Margiela, Dries van Noten oder seinem Bruder Kostas Murkudis – an zumindest auf den ersten Blick noch weniger naheliegenden Orten verkauft. Teuer ist das manchmal, aber längst nicht immer. Exklusiv irgendwie auch, aber anders als am hinteren Kurfürstendamm. Warum jetzt also die Budapester Straße, warum Bikini Berlin?

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Hinter dem Pflaster liegt der Zoo: Die 7000 Quadratmeter große
Terasse des Bikini-Hauses wird 24 Stunden am Tag frei zugänglich sein.

Die Utopie ist auserzählt

„Als ich in Mitte angefangen habe, war da nichts. Miete: Sechs Euro der Quadratmeter. Heute kostet der Quadratmeter 120 Euro und es gibt nur noch die Flagship-Stores der großen Marken, und selbst von denen überlegen sich viele, ob es das noch wert ist. Diese Utopie ist zu Ende erzählt. Die Stadt mischt sich neu.“ Und Andreas Murkudis mischt mit. Rund 1?200 Quadratmeter wird er im Bikini-Haus bespielen, mehr Platz noch einmal als in seinem Laden in der Potsdamer Straße. 2?000 neue Produkte hat er dafür kuratiert und nebenbei noch italienische Familien­unternehmen wie Aspesi und Grifoni davon überzeugt, eigene Läden im Bikini-Haus zu eröffnen. Die ersten diesseits der Alpen.

Nebenan wird der Kreuzberger Gestalten-Verlag Bücher verkaufen, Ausstellungen kuratieren und ein Cafй betreiben. Leider als eines der wenigen originär kleinteiligen Gastro­nomiekonzepte im Bikini Berlin. Die Burger beispielsweise – ein originäres Berliner Gastro-Thema – kommen vom Block-House-Ableger Jim Block. Auch das Steakhaus selbst wird eine Filiale eröffnen. Systemgastronomie ohne Lokalkolorit. Vermutlich ein Indiz dafür, dass das Geschäft mit dem Essen noch einmal schwieriger ist als jenes mit den Dingen.

Mit der Kunst kommen die Kunden

Eine Luxus-Mall soll Bikini Berlin dabei gerade nicht werden. Schon alleine, weil 17?000 Quadratmeter bespielt werden wollen, auch von den Menschen, der sogenannten Laufkundschaft. Die 7?000 Quadratmeter große Freiterrasse bleibt so auch für die Allgemeinheit geöffnet – 24 Stunden am Tag. „Das wusste ja keiner mehr, dass es da diese Terrasse gibt, direkt über den Flamingos und dem Affengehege.“

So, wie dieser Blick über Jahre verstellt war, so war es der Blick auf den Westen selbst. Auch und gerade im Westen. „Tatsächlich ging es dem Ku’damm und dem Tau­entzien all die Jahre ja besser, als man es dort selbst sehen wollte“, sagt Handelsverteter Busch-Petersen. Auch Andreas Murkudis sucht nach den Kontinuitätslinien: „Wenn ich am Wochenende mit den Kindern in den Tiergarten gehe, dann ist da verhältnismäßig wenig los. Dabei ist das ist ein traumhaft schöner Park, der müsste doch voller Leute sein.“

Werden künftig also all die Rennradmenschen aus Mitte und aus Kreuzberg bis an den Breitscheidplatz radeln? Wird der Alte Westen  umgekehrt das neue Konzept ganz selbstverständlich in die eigene Shoppingroutine integrieren? Andreas Murkudis hofft auf zwei unterschiedliche Impulsgeber: Mit dem künftig im Amerika-Haus in der Hardenbergstraße beheimateten Ausstellungsort C/O Berlin wird auch die Kunstszene regelmäßig in den Westen kommen. Zudem eröffnet in diesen Tagen nebenan am Tauentzien die erste Deutschlandfiliale des japanischen Textilnternehmens Uniqlo. Und dessen überraschend schlichte Alltagsmode gilt unter jungen, modeaffinen Menschen bis auf Weiteres als das coolere, zeitgemäßere H&M.

Text: Clemens Niedenthal

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