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Das Start-up Cucula kreiert Möbel mit Modellcharakter

Das Start-up Cucula produziert zusammen mit Flüchtlingen Möbel

Ein paar Holzbretter, eine Säge, Nägel und ein Hammer: Viel mehr braucht man nicht, um eine typische Berliner Szene-Location einzurichten. Denn ob improvisierte Bars oder Veranstaltungsorte wie die in einer ehemaligen Industriehalle untergebrachte Neue Heimat auf dem RAW-Gelände – der Charme solcher Treffpunkte gründet in ihrem Do-it-yourself-Ambiente.
Die Idee von der autarken Möbelproduktion verfolgte auch der italienische Designer Enzo Mari. In seinem 2002 herausgegebenen Buch „Autoprogettazione?“ versammelt er Bauanleitungen für von ihm entworfene Stühle, Sessel, Tische oder Regale. Besonders die Stühle strahlen mit ihrer umsockelten Sitzfläche etwas Grundsolides und Stabiles aus. Darauf sitzt man auch noch in 100 Jahren gut, möchte man meinen.
Eine Stabilität, die sich Ali, Maiga, Saidou, Moussa und Malik, fünf Flüchtlinge aus Mali und Niger, die über Lampedusa/Italien nach Berlin kamen und eine Zeit lang das Protest-Camp am Oranienplatz bewohnten, auch für ihr Leben wünschen. Im Winter 2013 nahmen Mitarbeiter des Internationalen Jugend-Kunst- und Kulturhauses Schlesische27 aus Kreuzberg Kontakt zu ihnen auf. Das Kulturhaus, das sich dem interkulturellen Miteinander, aber auch der Hilfe zur Selbstbefähigung etwa durch Koch- oder Handwerkskurse verschrieben hat, lud die Afrikaner ein, gemeinsam mit dem Produktdesigner Sebastian Daeschle Möbel für den Selbstbedarf zu bauen. Und dabei die eigenen Fähigkeiten weiterzuentwickeln. Denn richtig arbeiten dürfen die fünf Afrikaner in Deutschland nicht. Weshalb sie eigentlich auch keine eigenen Möbel benötigen, erklärten sie. Schließlich wüssten sie gar nicht, wo und in welcher Situation sie morgen leben würden: im Zelt, im Flüchtlingsheim, bei wohlwollenden Menschen, obdachlos?
Trotzdem waren die Flüchtlinge erst mal froh, ihren Tag mit dem Nachbau der Enzo-Mari-Möbel sinnvoll zu verbringen. Und sich durch den Kontakt auch sprachlich weiterzuentwickeln. Dabei entstand in der Schlesischen 27 die Idee, ein modellhaftes Ausbildungsprojekt für Personen zu entwickeln, die sonst aus allen Rastern fallen: Nach dem Dublin-II-Abkommen müssen Flüchtlinge eigentlich in dem europäischen Land leben, wo sie zuerst angekommen sind. Im Fall der fünf Afrikaner wäre das Italien. Doch dort gibt es weder Wohnraum noch Arbeit oder Fortbildungsmöglichkeiten für sie. Die Idee zu „Cucula“ („etwas gemeinsam machen“ auf Hausa, einer west-zentralafrikanischen Sprache), der Refugees Company for Crafts and Design war geboren.
Wer die Cucula-Werkstatt betritt, staunt nicht nur über das Flair der vielen Holzmöbel, die sich hier stapeln. Noch beeindruckender ist, was Menschen schaffen können, wenn sie davon überzeugt sind, mit ihrem Projekt die Welt ein Stückchen besser machen zu können. Obwohl eine Firma wie Cucula in der Bundesrepublik eigentlich nicht vorgesehen ist, ruhen und rasten die Initiatoren nicht, um das Unmögliche wahr zu machen. So ergatterte man sowohl bei Ventura Lambrate, der Off-Veranstaltung zur Mailänder Möbelmesse, als auch bei DMY Berlin und der Dutch Design Week Ausstellungsflächen, wo man die Möbel samt ihrer Entstehungsgeschichte präsentierte.
Ein Enthusiasmus, der ansteckt. Ein Steuerberater, karitative Organisationen, eine Stiftung oder befreundete Webdesigner steuerten ebenfalls Beiträge und Know-how bei. Mittlerweile steht das Projekt so weit, dass mithilfe einer Crowdfunding-Aktion konkrete Ziele angesteuert werden: Für jeden der derzeitig beteiligten Flüchtlinge sollen Ausbildungsstipendien gesammelt werden, die sie von Sozialzuwendungen der Bundesrepublik unabhängig machen. Und ihnen eine Perspektive eröffnen.
Als Dankeschön erhalten Spender für 35 Euro das Mini-Bauset eines Enzo-Mari-Stuhls, für 160 Euro den original großen Enzo-Mari-Stuhl „Klassiker“ und für 500 Euro den Stuhl „Botschafter“.
Bei Letzterem sind übrigens Plankenteile von Flüchtlingswracks eingearbeitet.

Text: Eva Apraku

Bild: Verena Brüning

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