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Die Kehrseite der neuen Sale – Jahreszeit

Konk_c_AchimHatziusEs scheint, als gebe es eine neue Jahreszeit in Berlin – oder zumindest eine neue Saison mit eigenem Touristenstrom. „Fashion Week“ und „Sale“ sind die beiden Hauptattraktionen dieser Jahreszeit, und sie beginnt ungefähr Ende Juni. Die dazugehörigen Reisenden erkennt man in diesem Jahr an Neon-Tops, Neon-Haaren und runden Brillen – sowie in jedem Jahr an Bergen von Shoppingtüten. Nicht zuletzt erkennt man sie am entschlossenen Gesichtsausdruck: Beim Sale werden aus netten Mädchen-Reisegruppen Einsatzkommandos in Sachen Schnäppchen und aus harmlosen Jungsgruppen regelrechte Raubritter-Cluster. Sale, den Älteren vielleicht noch unter „Sommerschlussverkauf“ ein Begriff, war eigentlich mal ein Kniff des Handels, um die Lager für die kommende Wintersaison freizumachen und nicht verkaufte Sommerware schnell loszuwerden. Der internationale Nachfahre des einst etwas biederen Schlussverkaufs, eben der Sale, hat dagegen regelrecht Eventcharakter und scheint für Modebegeisterte schon den klassischen Sommerurlaub zu ersetzen – nicht umsonst jubelt das Modeblog LesMads passend zur Saison: „Summer-Sale, die schönste Zeit des Jahres!“
Ein bisschen weniger euphorisch sind Berliner Boutiquenbesitzer wie Lyon Roque von Trüffelschwein in der Rosa-Luxemburg-Straße oder Edda Mann von Konk. Zwar freuen sie sich über die vielen Besucher der Fashion Week, die ihre Räume nach Sommerware durchforsten, aber gleichzeitig drückt die Rabattschlacht etwas auf die Stimmung. Oder wie es Lyon Roque von der Männer-Boutique Trüffelschwein sagt: „Sale fängt immer früher an, und die Kunden fragen auch immer früher nach Preisnachlässen. Viele wollen schon Mitte Mai keine regulären Preise mehr zahlen, und das geht den kleineren Läden an die Substanz.“

Und die kleineren Läden haben im großen Ausverkauf neben nachfragenden Kunden noch ein weiteres Problem – Konzerne wie H&M und deren Edel-Ableger Cos oder der Fashion-Gigant Zara funktionieren wie Durchlauferhitzer in Sachen Mode. Ständig kommen neue Kollektionen rein, dadurch ist vieles nach kurzer Zeit bereits in die Sale-Abteilung gewandert – oft schon lange, bevor die Konkurrenz die Sale-Schilder überhaupt in die Schaufenster stellt. Möglich ist dies seit 2004, seitdem der reglementierte Sommer- oder Winterschlussverkauf per Gesetz als unlauterer Wettbewerb verboten worden ist. Zuvor durfte der Handel Jahrzehnte nur in der letzten Juli- und ersten Augustwoche zu diesem Mittel greifen und auch nur Saisonware reduziert verkaufen. Diese zeitlichen Begrenzungen sind aufgehoben, und seitdem heißt das Ganze halt „Sale“ oder „Alles muss raus“ –, und es ist jedem Händler selber überlassen, wann er was reduziert. Mit weitreichenden Folgen: „Die Leute werden regelrecht auf Sale programmiert“, sagt Lyon Roque. Diese Erfahrungen werden von Umfragen das Branchen-Fachblattes „Textilwirtschaft“ untermauert – demnach warten sieben von zehn Deutschen beim Bekleidungskauf bewusst auf Reduzierungen.

TrueffelschweinDass kleinere Läden das Sale-Tempo der großen Ketten nicht mitgehen können, selbst wenn sie wollten, und vor ihren Kunden in Erklärungsnöte geraten, alarmiert die Branche durchaus. Aber auch bei den großen Konzernen ist ein gewisses Unbehagen über die vielen frühen Reduzierungen zu spüren. So sagt der Chef von Galeria Kaufhof, Lovro Mandac, der „Textilwirtschaft“: „Wenn der Handel immer schneller, immer öfter Rabatte gibt, führt das letztendlich nur dazu, dass wir beim Kunden unsere Glaubwürdigkeit verlieren.“ Und da könnte was dran sein: „Beim Kunden kommt das an, als sei die Ware den regulären Preis auch nicht wert. Oder wir hätten extra Sale-Ware, die wir nur für den Ausverkauf raushängen“, wie Lyon Roque sagt. Was in Läden wie Trüffelschwein, wo alle Teile vom Besitzer nach Qualität und Verarbeitung ausgesucht werden, nicht der Fall ist.

Auch Edda Mann von Konk, einem Laden mit hochwertiger junger Berliner Designermode, sucht selber aus. In ihrem Verkaufsraum in der Großen Hamburger Straße mustert sie die Reihe der Sommerkleider für die anstehende Ausverkauf-Saison. Ihr Blick bleibt an einem schwarzen Seidenkleid hängen. Toller Schnitt, aufwendig mit Lederapplikationen versehen, von einer Berliner Designerin: „Wenn ich solche Stücke stark reduzieren muss, tut es mir richtig weh.“
 Es sind also schwierige Überlegungen, die kleine Händler wie sie treffen müssen. Ohne einen Konzern, der vorgibt, wann was reduziert wird, müssen sie selbstständig entscheiden. Dass der Sale gerade zur Fashion Week auch ein gutes Geschäft ist, das alle gerne mitnehmen, und dass die Sommerware ja auch tatsächlich raus muss, verheimlicht Edda Mann nicht. „Aber ich kann nicht schon Anfang Juni die Sachen reduzieren, das geht einfach nicht.“ Ansonsten kann es auch mal der finale Sale in einem Geschäft werden, wie Lyon Roque sagt: „Manchmal fragen Kunden nach Läden, die es nicht mehr gibt. Dann heißt es: „Schade, die hatten immer so tolle Sales.“ Dann kann ich nur sagen: „Ja, und deshalb gibt es sie auch nicht mehr.“

Text: Iris Braun
Foto: Achim Hatzius (Konk)

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