Kommentar

eBay Kleinanzeigen als Tor zur Hölle: Das Elend der Verkauf-Chats

Weihnachten in Berlin und der Lockdown: Die Geschäfte sind geschlossen, außer Büchern kann man in der Stadt höchstens Geschenke im Supermarkt oder in der Apotheke besorgen. Wer freut sich denn nicht über eine Familienpackung Frischkäse oder ein neues Fieberthermometer? Alle anderen müssen auf die schöne Welt des digitalen Handels ausweichen und ihrem Konsumtrieb online bei Amazon, Zalando & Co. nachgehen. Oder auf eBay Kleinanzeigen. Wahre Abgründe tun sich dort auf.

Einkaufen bei eBay Kleinanzeigen: Gern auch das Tor zur Hölle. Foto: Imago/Schöning

Handeln auf eBay Kleinanzeigen ist ein zweischneidiges Schwert. Ist man Käufer oder Verkäufer? Die meisten waren schon mal in beiden Rollen. Als Käufer hat man es noch einigermaßen leicht. Man findet das Objekt seiner Begierde und kontaktiert den Verkäufer. Im besten Fall vereinbart man den Abholtermin oder Versand, einigt sich über die Zahlungsmodalitäten und das Geschäft ist abgeschlossen.

Im besten Fall. Wohlgemerkt. Fies wird es, wenn man den Abholtermin nicht vereinbart bekommt. Ständig von Seiten des Verkäufers verschoben und aufgeschoben wird, der Verkäufer sich irgendwann nicht zurückmeldet und irgendwann die Anzeige verschwindet. Viel Stress für gar nichts. Ist das hier Tinder oder wollte man nur eine Lampe kaufen?

Kein Umtausch da Privatverkauf, brüllt der Verkäufer

Oder der Verkäufer hat das Produkt falsch beschrieben. Man wollte den großen Kuschel-Falmingo haben und eine Woche später steht der DHL-Bote mit einem überdimensionierten Pelikan vor der Tür. Was nun? Kein Umtausch, da Privatverkauf, brüllt der Verkäufer im Chat und ein Zoologe sei er auch nicht. Nun muss man sich mit dem Hautsackschnabel anfreunden. Blöd gelaufen.

Bei Autos, Smartphones und Spielkonsolen kommt es auch immer wieder zu problematischen Produktbeschreibungen. Die Sache beschränkt sich nicht auf exotisches Wasservogelspielzeug. „Ey, das iPhone hat 32 GB nicht 64 GB“ oder „Die Palme, ist gar keine Palme“. Potentielle Käufer treten gerne in die Rolle des Oberstudienrats und neigen zu Belehrungen. Der Instagram-Kanal „Best of Kleinanzeigen“ versammelt Kleinode zur Kunst der Kleinanzeigen-Kommunikation und ganz allgemein zur Absurdität der Kleinanzeigen-Kultur. Hier mal ein (belehrendes) Beispiel:

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Die großen Abgründe tun sich aber auf, wenn man versucht, selbst etwas zu verkaufen. Zum Beispiel einen großen Tisch, zum Festpreis und nur an Abholer. Die erste Nachricht: „Letzter Preis?“. Ist doch ein Festpreis, denkt man sich, steht doch da. 300 Euro. Aber auf eBay Kleinanzeigen wird jeder Betrag grundsätzlich angezweifelt. Ob FP oder VB. Alles ist Verhandlungsbasis. Mit etwas Kreativität kann man zum anvisierten Ziel kommen, wie dieser Schlaumeier.

Ganz klar war hier ein Großmeister in Verhandlungsfragen am Werke. Ein Jemand, dem die große Karriere in der gehobenen Diplomatie oder im Finanzsektor bevorstehen dürfte. Doch eigentlich ist es eine ignorante und höchst nervenaufreibende Angelegenheit, wenn man 300 Euro Festpreis sagt und dann auf Nachrichten wie „sind 220 ok?“ antworten muss. Nein, sind sie nicht.

Auch will man den 1,60 Meter langen Tisch nicht unbedingt versenden und schreibt ja wohlweislich in Großbuchstaben NUR AN SELBSTABHOLER unter die Anzeige. Prompt, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche, schreibt ein Möbelfreund aus dem Saarland oder Schleswig-Holstein und erkundigt sich, ob man, nur in diesem Fall und wirklich, wirklich, ausnahmsweise, den Tisch nicht doch verschicken würde. Denn seine Tante, die hatte damals in den 1950er-Jahren auch mal so einen Tisch gehabt und der hätte den jetzt gerne, wegen der Erinnerungen und…

ebay Kleinanzeigen kosten Zeit, Geld und nervten: NEIN, NUR SELBSTABHOLER

Kein Mensch will das alles wissen und nein, der verdammte Tisch wird nicht verschickt. Da muss man nämlich Speditionen anrufen, Verpackungsmaterial suchen, den Tisch auseinanderbauen und verpacken, Abholtermine mit dem Spediteur vereinbaren, die Rechnung bezahlen, sich das Geld vorab überweisen lassen. Das kostet Zeit und Geld und nervt. NEIN, NUR AN SELBSTABHOLER.

Manchmal hat man es auch mit wirklichen Genies zu tun, etwa beim Verkauf von Bananenkartons. Immerhin wird ein Posten mit 22 Stück dieser praktischen Pappkisten angeboten. Aber da muss natürlich auch kritisch nachgefragt werden. „Hallo! Was wiegen die Kisten, wenn die voll sind?“. Herrlich!

Und so geht es endlos weiter. Absurde Anfragen, Belehrungen, freche Preisvorschläge, völlige Ignoranz hinsichtlich der Versandpolitik und gelegentlich auch Beleidigungen und Drohungen. Einfach mal ein nicht ganz so altes Smartphone einstellen und schauen was passiert. Viel Freude damit.

Kleinanzeigen haben viele Vorteile. Man kann etwas günstiger erstehen oder an seltene Dinge herankommen und nachhaltig und umweltschonend ist der Second-Hand-Markt auch. Alles richtig. Alles schön und gut. Und doch ist die Sache zuweilen grenzwertig und geht auf die Nerven. Das ist vielleicht der Preis, den man bei Kleinanzeigen-Geschäften miteinberechnen muss und im Hinterkopf sollte Albert Einsteins berühmtes Zitat mitschwingen: „Zwei Dinge sind unendlich…“


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