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Hinter den Kulissen der Fashion Week – Teil 2

Fashionfotobuch_ClaudiusHolzmannDies wäre zumindest kein Einzelfall: Auch VW stieg im April als Förderer der Berlinale aus – und wird jetzt abgelöst von BMW. Ein anderes Motiv, weshalb Jensen sich im tip nicht äußern wollte, könnte auch die Dis­kussion um den Bebelplatz gewesen sein. Denn am Ort der Bücherverbrennung sollen aufgrund einer Petition des Historikers Hans Coppi keine kommerziellen Events mehr abgehalten werden.

In der Modebranche jedoch steht die Fashion Week imagemäßig besser da denn je: „Während man am Anfang noch im Zweifel war, ob sich Berlin als Schauplatz einer Fashion Week etablieren würde, ist inzwischen eindeutig, dass die Wahrnehmung der Medien ernsthafter geworden ist“, sagt Michael Werner, Chefredakteur der sonst eher skeptischen Fachzeitschrift „Tex­tilWirtschaft“. In der Tat hatten viele Journalis­ten noch über das dilettantische Debüt am Brandenburger Tor im Sommer 2007 die Nase gerümpft oder es gar mit Missachtung gestraft.
Doch jetzt sind sich alle einig: Die Fashion Week hat sich in Berlin etabliert. „Selbst renommierte Blätter wie die ,FAZ‘ berichten kontinuierlich und geben dem Ganzen einen Raum“, so der Werner. Bei manchen Modenschauen sitzen gar Chefredakteurinnen in der ersten Reihe – von „Vogue“, „Instyle“ und „Women’s Wear Daily“. Auch Klaus Stockhausen, der Fashion Director des Männermagazins „GQ“, war letzten Sommer da und würde auch gerne wiederkommen: „Nur überschneidet sich der Termin dieses Mal mit den Männerschauen in Paris“, sagt er. „Und da, tut mir leid, ist für uns Paris immer noch wichtiger.“ Nun schickt er seine Assistenten nach Berlin, die ihm von den Schauen berichten.

Dass Berlin mit der Modemetropole an der Seine nicht konkurrieren kann und es wahrscheinlich niemals wird, liegt auf der Hand: „Es ist ein Unterschied, ob man an vier Tagen 100 Kollektionen von renommierten Top-Designern sieht – wie in Mailand oder Paris – oder 30 in Berlin“, sagt Michael Werner. Dennoch: Im Prinzip unterscheiden sich diese Fashion Weeks nicht großartig voneinander. Sie alle sind Medien­events, bei denen zu 80 Prozent Journalisten im Publikum sitzen und dazu einige
Celebritys. „Nur sind die Gesichter in Berlin nicht so prominent wie Sienna Miller oder irgendeine Prinzessin, die in Mailand oder Paris in der ersten Reihe sitzt.“ Und auch der akute Einkäufermangel im Publikum sei kein spezielles Berlin-Problem. „Viele der internationalen Topeinkäufer und -Ein­­zel­­händler gehen auch in Mailand und Paris nicht zu den Schauen“, weiß der Chefredakteur von „TextilWirtschaft“.
„Wie in Berlin werden auch dort die Kollektionen im Wesentlichen in den Schauräumen gesichtet und geschrieben.“ Trotzdem sollte es in Berlin um etwas anderes gehen als in den klassischen Modemetropolen.

Dessen ist sich auch IMG-Europa-Vize Maia Guar­nac­cia bewusst. Von seinem urspünglichen Kurs, internationale Spitzenmarken wie Bottega Veneta und Vivienne Westwood an die Spree zu holen, ist er inzwischen abgerückt. „Wir wollen der Spiegel der deutschen Modeszene sein, und diese besteht sowohl aus großen Namen als auch aus jungen Design-Talenten, deren Kollektionen in ausgefallenen Boutiquen in Tokio oder anderswo verkauft werden“, erklärt er. Dieses Konzept findet zunehmend Beachtung: „Nach ein paar Saisons haben sich ein paar Namen herauskristallisiert, die eine eigene Handschrift und eine international vergleichbare Qualität herausgebildet haben“, bestätigt Werner. Zu seinen Favoriten aus Berlin zählen Lala Berlin, Mongrels in Common und Penkov.

Esther_PerbandtAuch die Berliner Designerin Esther Perbandt präsentiert ihre Kollektion im Rahmen der Fashion Week. Aber nicht im Zelt, sondern in einem Projektraum an der Schönhauser Allee, wo sie eine Kunstperformance mit Filmen und Video-Installationen mit Hilfe von Streetartist J-Bo aka Monk in Szene setzt. „Wir wollen etwas anderes machen, als die Models nur rauf und runter zu schicken“, sagt die 34-Jährige. Im Zelt würde ihr zwar alles zur Verfügung stehen: Laufsteg, Make-up, Licht. Aber dafür gleich 10.000 Euro bezahlen? Soviel kostet eine Catwalk-Show im Zelt – mindestens. Da mache sie lieber ihr eigenes Ding, wie im Juli zur letzten Fashion Week, als sie die Straße am Hackeschen Markt zum Laufsteg umfunktionierte. Passend zum Motto ihrer Sommerkollektion „Instrumental“ führte eine Damenkapelle, deren Musikerinnen alle ihre Kleider trugen, die Fashion-Parade an. Die Modenschau wurde zum fröhlichen Happening, bei dem nicht mehr ersichtlich war, wer dazugehörte und wer zufällig in der Nähe stand. Tags darauf veröffentlichte die „Financial Times“ ein großes Bild ihrer Inszenierung – und die von Hugo Boss und Michalsky ganz klein daneben.


Esther Perbandt ist ein gutes Beispiel dafür, dass Berlin viele Möglichkeiten bietet, Dinge neu zu interpretieren oder anders zu machen
. Die Kreativität, die mit einer quirligen Jugendlichkeit umgesetzt wird, macht den Charme dieser Stadt aus, den viele so inspirierend finden. Auch Modekritikerin Suzy Menkes, neben Anna Wintour von der amerikanischen „Vogue“ die mächtigste Frau im internationalen Modezirkus, zeigte sich beeindruckt von der Vielseitigkeit Berlins. Als sie im Juli zum ersten Mal die Fashion Week besuchte, fand sie vor allem die Vernissagen und Veranstaltungen
jenseits des Mercedes-Zelts interessant. Und das freut nicht nur die deutsche Modebranche, sondern vor allem auch die Berliner Designer.


Text: Wolfgang Altmann
Fotos: Fotobuch MercedesBenzFashionWeekBackstage/Claudius Holzmann

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