Shopping

Hinter den Kulissen der Fashion Week

estherperbandt_instrumental_Die Models sitzen vor grell erleuchteten Schminktischen. Um sie herum Make-up-Artis­ten, die einen goldenen Schimmer auf ihre Wangen zaubern. Eine Schar Hairstylisten verlängert ihre Ponys mit Haarteilen und bringt sie mit viel Treibgas in Form. Es wird getupft und gepudert, gebürstet und geföhnt – damit der Look frisch und natürlich aussieht. Gleich führen die Models die Kollektion vor, die Kilian Kerner für den nächs­ten Sommer entworfen hat. Es ist die dritte Fashion-Show des Berliner Designers, die letzten Juli im weißen Zelt am Bebelplatz über die Bühne geht. Im Backstage-Bereich verfolgen ihn die Kameraaugen von vogue.com und dokumentieren jeden Handgriff, den er macht. Jetzt überprüft er die 40 Outfits: Ob die Klamotten zu den Schuhen passen und zu den ausgesuchten Accessoires. Wo sind die Ohrringe?

Kilian wird nervös, weil sie unauffindbar sind. Während sich alle um ihn herum auf die Suche machen und Chaos ausbricht, versammelt sich das Modepublikum im Zelt bei Prosecco an der Bar. Plötzlich ertönt eine Durchsage: Die Kilian-Kerner-Show startet in wenigen Minuten – und alles marschiert nach drinnen, wo der 50 Meter lange Laufsteg aufgebaut ist. Am Eingang kontrollieren Ordner die Einladungen, die Kilians Presseagentur im Vorfeld verschickt hat: an Moderedakteure, Stylisten und Blogger, die sich eifrig Notizen machen, weil sie gleich nach der Show darüber berichten. An Freunde und Designerkollegen von Kilian, die auch irgendwo im Publikum sitzen. Und ganz wichtig: an Boutiquen-Besitzer, die sich die Show ansehen und dann überlegen, ob sie die Kollektion ordern oder nicht. In der ersten Reihe scherzt Schauspieler Matthias Schweighöfer mit Joko Win­terscheidt von MTV. Dann geht das Licht aus, und die Show beginnt.

Im weißen Zelt auf dem Bebelplatz werden sich in wenigen Tagen ähnliche Szenen rund 30 Mal wiederholen. Dann zeigen deutsche Modemarken wie Strenesse Blue, Rena Lange und Schumacher im Zweistunden­takt ihre Vorschläge für den Modewinter 2011. Auch Kilian Kerner ist wieder dabei, der seine zehnte Jubiläumskollektion vor 700 Leuten präsentiert. „Um sich in der Branche einen Namen zu machen, ist die Fashion Week ein Segen“, sagt der 30-jährige Designer. Auf der ganzen Welt sei schon über ihn berichtet worden: „Sogar in der brasilianischen ,Elle‘ und der englischen ,Vogue‘.“ Das wirke sich positiv aufs Geschäft aus, weil dadurch viele Shops auf ihn aufmerksam geworden seien. Diesen Effekt nutzen auch Deutschlands Global Player wie Joop! und Hugo Boss, die ihre Kollektionen ebenfalls bei der Fashion Week zeigen. Allerdings nicht im Zelt, sondern in sogenannten Offside-Locations wie dem Hamburger Bahnhof, wo Hugo Boss seine Modenschau inszeniert, um ein größeres Publikum zu erreichen. Nur Michael Michalsky tanzt diesmal aus der Reihe: Er veranstaltet seine eigene Show, die „Michalsky StyleNite“, bei der neben seiner Mode auch die von Kaviar Gauche und Lala Berlin vorgeführt wird (siehe Interview). Vereinzelt nutzen auch internationale Brands wie Diesel und Custo Barcelona die mediale Präsenz der Fashion Week. „Der deutsche Markt gehört im Moment zu unseren Prioritäten“, erklärt Labelchef Custo Dalmau. „Seitdem die Bread & Butter aus Barcelona nach Berlin zurückgekehrt ist, ist es für uns erst recht wichtig, in der Hauptstadt eine Modenschau zu veranstalten.“

Neben den großen Modemessen Bread & Butter und Premium Exhibitions ist die Fashion Week auf dem Bebelplatz ein zentraler Schauplatz der Berliner Modewoche, die in diesem Jahr vom 20. bis 23. Januar stattfindet. Vor allem die Bread & Butter lockt in dieser Zeit zehntausende Besucher in die Stadt, um hier die neuesten Trends zu entdecken. Die Berlin Touristik Marketing GmbH rechnet mit 200.000 zusätzlichen Hotelübernachtungen. „Eine fruchtbare Synergie“, freut sich Maia Guarnaccia, der europäische Vize-Präsident der globalen Medien- und Eventagentur IMG. „Durch die Messen konnten wir die Anzahl der Einkäufer in unserem Publikum erhöhen.“ Die IMG ist für die Umsetzung der Berliner Fashion Week verantwortlich und organisiert ähnliche Veranstaltungen in Moskau, Mumbai und Miami. Sie baut das Zelt auf, wählt die Designer aus und kümmert sich um den gesamten Ablauf. Hauptsponsor ist, wie auch bei der Fashion Week in New York, der Stuttgarter Automobilhersteller Mercedes-Benz. Dem liegt die Förderung von nationalen Topdesignern und dem kreativen Nachwuchs offensichtlich besonders am Herzen: „Unser Ziel ist es, he­rausragenden Talenten den Sprung auf die internationale Bühne zu ermöglichen“, sagte Anders Sundt Jensen, Kommunikations-Chef von Mercedes-Benz in einem Interview, das die „Berliner Morgenpost“ im letzten Sommer veröffentlichte.

KilianKerner_c_Mercedes_Benz_Fashion_WeekKilian Kerner gehört zu denen, die davon profitieren. Doch ganz uneigennützig agiert der Automobilhersteller natürlich nicht. „Durch unser internationales Modeengagement ist es uns gelungen, neue und vor allem jüngere Zielgruppen für unsere Marke zu begeistern“, erklärt Jensen weiter im „Morgenpost“-Interview. Das ist auch bitter nötig, wenn man dem Artikel „Daimler im Crashtest“ glauben darf, der vor ein paar Wochen in der „Zeit“ erschien. Darin heißt es, dass laut Umfragen führender Autozeitungen BMW und Audi die Schwaben überholt hätten, was Imagekriterien wie fortschrittliche Technik, Verarbeitung oder Design betrifft. 2008 sei der Durchschnittskäufer eines Mercedes in Deutschland 55 Jahre alt, bei Audi 51 und bei BMW nur 49. Auf die konkrete Frage vom tip, ob sein Engagement für die Berliner Fashion Week eine lohnende Investition sei, gab Jensen keine Antwort. Was hoffentlich nicht heißen soll, dass Mercedes-Benz seine Spon­sortätigkeit infolge der existenziellen Probleme überdenkt, mit denen die Automobilindustrie zu kämpfen hat.

Fotos: Kollektionsinszenierung „Instrumental“ der Modedesignerin Esther Perbandt, Mercedes Benz Fashion Week


weiter | 1 | 2 |

Mehr über Cookies erfahren