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Im Gespräch mit den Macherinnen des Modelabels Kaviar Gauche

Alexandra_Fischer_Roehler_und_Johanna_Kuehl_von_Kaviar_Gauchetip Nicht mehr lange bis zur Fashion Week. Sind Sie arg im Stress?
Alexandra Fischer-Roehler Ja, es wird schon ein bisschen knapp.
Johanna Kühl Die Phase des Rumprobierens und Testens ist nun vorbei. Jetzt heißt es, letzte Entscheidungen zu treffen. Die Kollektion muss fertig werden.

tip Hat Ihnen die Berlin Fashion Week dabei geholfen, sich als junges Label zu etablieren?
Kühl Sie hat uns sehr geholfen. Wir sind froh darüber, dass wir unsere Kollektionen da zeigen können, wo sie entstehen. Das erleichtert die Arbeit ungemein: Wir können bis zuletzt in unserem eigenen Atelier arbeiten und müssen nicht das ganze Team ins Ausland verschiffen. Überhaupt hat die Fashion Week der deutschen Mode einen Schub gegeben.

tip Wie macht sich das bemerkbar?
Kühl Durch sie ist deutsches Design greifbarer geworden. Mittlerweile kann man ja richtig stolz darauf sein, was hier entsteht. Inzwischen ist deutsche Mode nicht mehr so verpönt – auch international.

tip Und wie hat sich diese Entwicklung auf Ihr eignenes Label ausgewirkt?
Fischer-Roehler Auf jeden Fall positiv. Als wir 2004 unsere erste Kollektion fertiggestellt hatten, gab es in Berlin noch keine adäquate Plattform für uns. Wir mussten nach Paris gehen, schon aus pragmatischen Gründen. Deshalb war für uns der internationale Markt zunächst bedeutender als der nationale. Seit wir 2007 zum Karstadt New Generation Award nach Berlin eingeladen wurden, hat sich das verändert. Seither wissen wir, dass wir unseren Fokus auf Deutschland setzen wollen. Und seit Januar 2009 stehen wir ganz offiziell auf dem Terminplan der Mercedes Benz Fashion Week.

tip Heißt das, dass die Berliner Fashion Week nicht nur gut fürs Image ist, sondern auch für den Verkauf?
Kühl Berlin dient der Orientierung der Einkäufer, hier wir in erster Linie gekuckt. Die Fashion Week ist für unsere Kunden eine wunderbare Gelegenheit, zu sehen, wie die Kollektion aussieht, wenn sie von Models getragen wird. Geordert wird dann bei Showroom-Präsentationen in München, Düsseldorf und Paris.

tip Im Rahmen der Modewoche suchen etablierte Firmen den Kontakt zu jungen Labels, um das eigene Image aufzupeppen. Die kleinen Labels bekommen dadurch Auftritte, die sie sich sonst nicht leisten könnten. Klingt nach einer Win-Win-Situation …
Fischer-Roehler Das kann funktionieren, muss aber nicht. Wir waren jedenfalls sehr dankbar für die Gelegenheit, uns in Berlin zu präsentieren.
Kühl Obwohl wir am Anfang gezögert haben, war es ein richtiger Schritt, eine Kollektion für Karstadt zu machen.

tip Es hat Ihnen also nicht geschadet, dass Sie sich mit einem Großkonzern eingelassen haben?
Fischer-Roehler Man muss das Ganze natürlich auch von einem wirtschaftlichen Standpunkt aus betrachten. Am Ende muss jeder schauen, wo er bleibt und wie er seine nächste Kollektion finanziert. Was nützt es einem, wenn man am langen Arm verhungert? Für uns war das Ganze eher eine designtechnische Herausforderung, für eine breitere Zielgruppe zu entwerfen und nicht nur für den elitären Spitzenmarkt. Ich denke, dass wir daran nur gewachsen sind, ohne dass es uns in irgendeiner Form geschadet hat.

tip Sind solche Überlegungen auch der Hintergrund Ihrer jüngsten Kooperation mit einer großen Schuhhandelskette?
Fischer-Roehler Der Grund, warum wir an Görtz herangetreten sind, ist eigentlich ein anderer: Wir hatten schon immer den Wunsch, eine eigene Schuhkollektion zu entwerfen. In unserem Atelier haben wir sogar schon Prototypen zusammengetackert. Schuhe sind einfach ein wichtiger Teil des gesamten Looks.
Kühl Durch diese Kooperation war es und auch möglich, ein bisschen mit dem Preis runter zu gehen, obwohl die Schuhe in Italien gefertigt werden. Uns freut es natürlich, wenn ein tolles Stück günstig zu haben ist. In der Realität ist das meistens schwer umzusetzen.

tip Warum?
Kühl Dafür steckt viel zu viel Entwicklung in unseren Produkten. Trotzdem versuchen wir, die Preise so günstig wie möglich zu halten. Wir rufen keine künstlich hohen Preise auf.

tip Sie haben sich auf der Modeschule kennengelernt. Hat man Sie nicht für verrückt erklärt, gleich nach dem Abschluss ein Label mit einem so exklusiven  Anspruch zu gründen?
Kühl Wir hatten von Anfang an eine Positionierung im Kopf, die relativ hoch angesetzt war. Das ist aber auch der Anspruch unserer Modeschule gewesen, die international ausgerichtet ist. Da hieß es nicht: Wir fertigen jetzt etwas aus der „Damenoberbekleidung“ oder irgendeinen Standardrock. Das erste, was wir dort umgesetzt haben, war ein Blazer von Yves Saint Laurent. Stilistisch war für uns französische Mode immer maßgeblich, weil sie so raffiniert ist und so fantastisch gearbeitet.
Fischer-Roehler Berlin war damals ein modisches Brachland. Es gab den Departmentstore und das Quartier 206 – aber die waren unerreichbar für uns. Unser Label ist aus der Motivation entstanden, dass wir Sachen entwerfen wollten, die wir selbst gerne anziehen würden. Denn die Sachen, die wir uns wünschten, waren meist zu teuer oder man bekam sie oft nur im Ausland.

tip Hat Berlin aufgeholt?
Fischer-Roehler Berlin hat sich sehr verändert, oh ja. Die Stadt ist viel glamouröser geworden. Ich bin seit fünfzehn Jahren hier und habe die ganze Entwicklung mitgekriegt. Früher liefen wir hier noch mit Springerstiefeln und Parka durch Underground-Bars in Abrisshäuser. Mittlerweile stöckeln wir durch Szene-Restaurants und hoffen, dass wir einen Tisch kriegen (lacht). Für solche Auftritte braucht man natürlich die passenden Kleider. Nicht nur wir, sondern eben auch das neue, das internationale Berlin.

tip Das neue Modebewusstsein macht sich besonders in der Filmbranche mit ihren Preisverleihungen und Gala-Premieren bemerkbar. Schauspielerinnen wie Marie Bäumer oder Heike Makatsch schwören auf Kaviar Gauche.
Fischer-Roehler Marie Bäumer hat uns von Anfang an unterstützt und war fast so was wie eine Geburtshelferin. Sie war schon unsere Kundin, als wir noch die Modeschule besuchten. Sie wollte unbedingt eine zeltartige Robe haben, die wir im Rahmen unseres Studiums entworfen hatten: Das ist doch wunderbar, hat sie gesagt, da passt ja meine ganze Familie drunter (lacht). Heike Makatsch kam durch Zufall zu uns. Seit fünf Jahren ist sie eine treue Kundin.

tip Als Modeschöpfer reicht es nicht, kreativ zu sein, man muss auch unternehmerisch denken und handeln. Lernt man das auf der Modeschule?
Kühl Im besten Falle ja, aber eigentlich werden die unternehmerischen Aspekte nur rudimentär vermittelt. Letztlich bleibt einem nichts anderes übrig, als sich selbst damit zu beschäftigen. Wir konnten uns da rantasten, da wir in Berlin wohnen.

tip Durch learning by doing?
Kühl Ja, ganz genau. Man muss einfach immer wieder nachschauen, ob noch was drin ist im Schuhkarton oder nicht (lacht). In Paris oder London hätten wir das Ganze vermutlich nicht ohne größeres Startkapital stemmen können.

tip Trotz der vergleichsweise niedrigen Mieten und Honorarkosten müssen auch Berliner Labels darauf achten, dass sie mehr Geld einnehmen als ausgeben. Ambitionierte Designer wie Pulver und Unrath & Strano haben die Krise nicht überlebt.
Fischer-Roehler Es ist ein hartes Business. Auch uns stand das Wasser hin und wieder bis zum Hals …

tip
Aber Sie haben doch einen Geldgeber, der daran interessiert ist, Ihre Marke langfristig aufzubauen.
Fischer-Roehler Klar, das hilft uns. Trotzdem können wir uns nicht in Sicherheit wiegen. Auch wir müssen mit jeder Kollektion überlegen, was sich rentiert und was nicht. Wie jede Hausfrau ihren Haushalt überblicken muss, müssen auch wir unsere Ausgaben im Auge behalten.

tip Kaviar Gauche ist immer wieder mit spektakulären Modenschauen aufgefallen. Bei der letzten Fashion Week haben Sie nur Brautkleider gezeigt. Davor schickten Sie Models nackt über den Laufsteg, um ihre Taschenkollektion besser zur Geltung zu bringen. Wie wichtig sind originelle Präsentationen für den Erfolg im Modegeschäft?
Kühl Die richtige Präsentation ist das A und O. Beim letzten Mal haben wir uns auf Brautkleider konzentriert, damit die Leute verstehen, wofür mitunter unsere Marke steht, nämlich auch für außergewöhnliche Kleider für besondere Anlässe. Es war quasi der offizielle Launch der Bridal Couture.

tip Zeigen Sie dieses Mal wieder nur Brautmode?
Fischer-Roehler Das können wir natürlich nicht verraten.
Kühl Jede unserer Inszenierungen ist eine Überraschung. Das erhöht den Wow-Effekt.

tip Wie würden Sie Ihren Stil beschreiben?
Kühl Wir beschreiben ihn gerne als modernen Glamour, der aber doch noch greifbar ist. Niemand soll sich in unseren Sachen verkleidet vorkommen, man soll sich einfach schön fühlen. Wir versuchen, die Proportionen so anzulegen und die Akzente so zu setzen, dass sich auch bei eleganten Kleidern ein Wohlgefühl einstellt. Man soll sie zum Beispiel bei einer Hochzeit den ganzen Tag tragen können, ohne dass es hier und da zwickt.

tip Woher nehmen Sie Ihre Ideen?
Kühl Unser Ausgangspunkt ist immer die Frage: Was macht eine Frau schön? Was bringt sie zum Leuchten? Der Rest kommt fast von allein. Zum Beispiel bei einer Ausstellung, auf der wir ein besonderes Detail entdecken. Oder durch eine Bewegung oder Lichtreflektion – eben Dinge, die uns emotional berühren.
Fischer-Roehler Auch die Natur ist eine Inspirationsquelle. Ein typisches Merkmal, das bei uns immer wieder auftaucht, sind Lamellen. Zum Beispiel bei unseren ersten Taschenmodellen, den Lamella-Bags, wie auch bei unseren zarten Hochzeitskleidern. Auch bei der Einrichtung unseres Stores haben wir uns an der Natur orientiert. Das sieht man an den weichen, organischen Formen, die im Kontrast zum harten Edelstahl stehen.

tip Warum haben Sie Ihren Shop in der Linienstraße eröffnet? Er hätte doch auch gut an den Gendarmenmarkt gepasst.
Kühl Das hätte aber auch ein paar Cent mehr gekostet (lacht). Für uns ist dieser Standort ideal wegen der Nähe zu unserem Atelier, das wir über den Hinterhof erreichen können. Das ist auch praktisch für unsere Schnittdirektrice, wenn sie zu Maßanfertigungen in den Shop geht.

tip Wo lassen Sie ihre Kollektionen produzieren?
Kühl Die Taschen werden in Italien hergestellt. Unsere Kleider lassen wir in Berlin produzieren. Für uns lohnt es sich nicht, in Asien produzieren zu lassen. Das rechnet sich nur bei kommerziellen Teilen und sehr großen Stückzahlen. Wir haben beschlossen, mit einer Berliner Firma zusammenzuarbeiten. Das funktioniert gut, und die Wege sind kurz.

tip In der Mode sind Nachhaltigkeit und ökologische Herstellung derzeit ein großes Thema. Auch bei Ihnen?
Fischer-Roehler Wir produzieren ja keine Wegwerfware. Auf unseren Taschen gibt es beispielsweise eine lebenslange Garantie. Wir reparieren sie, solange es Sinn macht – falls irgendwann mal ein Henkel abreißen sollte.
Kühl Was ökologische exklusivere Stoffe betrifft, ist das Angebot auf Messen leider noch immer sehr begrenzt. Nicht unbedingt bei Baumwolle und Jersey – da gibt es bereits einige Hersteller, die ein Ökosiegel führen – aber bei Leder? Trotzdem versuchen wir, wenn es möglich ist, in diese Richtung zu gehen. Wenn wir zum Beispiel vegetabiles, also natürlich gegerbtes Leder einsetzen können, machen wir das.

tip Sie arbeiten jetzt schon seit sechs Jahren zusammen. Verläuft Ihre Partnerschaft harmonisch?
Fischer-Roehler Sie wird immer besser …
tip Wie in einer guten Ehe?
Fischer-Roehler Ja, genau.
Kühl Gerade bei großen Entscheidungen ist es so …
Fischer-Roehler …, dass wir oft gar nicht viel reden müssen …
Kühl …, weil wir sowieso ganz ähnliche Gedanken haben.
Fischer-Roehler Wir sind nicht immer einer Meinung, aber am Ende gehen wir trotzdem immer in dieselbe Richtung (lacht).

tip Frau Kühl, Ihr Partner ist der renommierte Designprofessor Joachim Sauter. Ist das hilfreich oder gar wichtig für Ihre Arbeit als Modedesignerin?
Kühl Es ist natürlich sehr schön, einen Partner zu haben, mit dem man sich austauschen kann, der einen inspiriert und der sich für das, was man macht, interessiert, da er ebenfalls viel Energie und Herz in sein Schaffen steckt.

tip Und Sie, Frau Fischer-Roehler: Wenn man wie Sie, mit einem Regisseur verheiratet ist, der mit fast allen relevanten deutschen Schauspielerinnen zusammengearbeitet hat, nämlich mit Oskar Roehler, dann bringt das doch sicher auch Vorteile fürs Geschäft?
Fischer-Roehler Am Anfang vielleicht, da wird eben schnell ein erster Kontakt hergestellt. Doch letztlich zählt doch nur die Qualität des Produkts. Nur weil es Verbindungen gibt, würde sich doch keine Frau etwas überziehen, was ihr nicht gefällt.


Interview: Wolfgang Altmann und Heiko Zwirner
Fotos: Harry Schnitger


Kaviar Gauche

Seit 2004 entwerfen Alexandra Fischer-Roehler und Johanna Kühl raffinierte Taschen und elegante Kleider, die glamourös und ein bisschen verrucht sind. Für ihre Kollektionen sind Sie vielfach ausgezeichnet worden, unter anderem mit dem Londoner Visionairy Award und dem Swiss Textile Award. Anfang Juni haben die beiden einen Flagship-Store in der Linienstraße eröffnet.
www.kaviargauche.com/


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