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Karl-Heinz Müller: Der Mode-Macher

breadandbutterNun eröffnet der Chef der Modemesse Bread & Butter seinen zweiten Berliner Edel-Jeans­laden 14 oz. im Haus Cumberland. Dort findet man, wofür der Mode-Mogul vor allem steht: schlichte Designs – und eine perfekte Qualität
Es soll doch tatsächlich Leute geben, die Karl-Heinz Müller nicht kennen. Dr. Thomas Bscher ist so einer. Der Immobi­lienbesitzer aus Köln hatte bis vor Kurzem noch nie etwas von ihm gehört. Bis Müller anrief. „Herr Dr. Bscher“, sagte er. „Ich würde gerne Ihre Ladenfläche am Kurfürstendamm mieten.“ Aha. Und was soll das für ein Laden sein? „Wissen Sie“, antwortete Müller, „man könnte es am ehesten als Jeans­geschäft bezeichnen.“ Ein schnöder Jeans-Shop in dieser exklusiven Lage? Neben all den Boutiquen von Chanel, Cartier, Valentino und Louis Vuitton? Irgendwie verständlich, dass sich der Immobilienbesitzer das zunächst nicht vorstellen konnte. Doch der 55-jährige Müller, Chef unter anderem der Messe Bread & Butter Berlin (BBB), ließ nicht locker. Schließlich geht es ihm um ein Jeanskonzept auf höchstem Niveau. Deshalb lud er Dr. Bscher nach Berlin ein und führte ihn in seinen edlen 14-oz.-Store in Mitte, der allein schon mit seinen Regalen aus wertvollen Hölzern und einem riesigen Aquarium, in dem lebende Quallen mehr schweben als schwimmen, beeindruckt. Außerdem besuchten sie die Bread-&-Butter-Zentrale, nur wenige Schritte davon entfernt.

Der Deal hat geklappt. Müller ist nun einer der neuen Mieter im Haus Cumberland, einer frisch renovierten historischen Luxus-Immobilie am Kurfürstendamm, wo er seinen zweiten Berliner 14-oz.-Store am 25. Oktober mit einer großen Sause eröffnen wird. Wie immer hat Müller sich durchgesetzt und erreicht, was er wollte. Genau wie etwa vor drei Jahren, als der Streit um den Flughafen Tempelhof als neuer Standort für die Bread-&-Butter-Messe für politischen Wirbel sorgte. Oder wie gerade kürzlich, als er den Termin für die kommende BBB im Januar um einen Tag vorverlegt hat und andere Veranstalter der Fashion Week Berlin zähneknirschend nachgezogen haben. Wie schafft es dieser Mann bloß, alle Leute so nach seiner Pfeife tanzen zu lassen?

Karl-Heinz_MuellerWir treffen ihn in seinem Büro. Am Tisch ein gut gelaunter BBB-Chef, kein aalglatter Manager-Typ, sondern ein bärtiger Kerl, der aussieht, als ob er auch selber gerne mal die Ärmel hochkrempelt und, vielleicht beim Möbelrücken, mit anpacken würde. Soeben kommt er von der Baustelle seines neuen Ladens im Haus Cumberland. Wie nicht anders zu erwarten, trägt Müller Jeans. Die hat er eigentlich immer an, auch wenn er auf abendliche Veranstaltungen geht. Zur Jeans trägt er ein schmal gestreiftes Hemd, mit dem er seinen runden Bauch kaschiert. Dazu Manschettenknöpfe, die so blau sind wie seine Augen. Unterm Ärmel blitzt eine Rolex hervor. Ganz offensichtlich hat Müller Stil. Dabei stammt er aus bescheidenen Verhältnissen aus dem saarländischen Dillingen. Sein Vater war ein Hallodri, der das Geld lieber versoff, als es für seine vier Kinder auszugeben. „Ich war froh, dass ich im Winter einen Pulli hatte, den mir meine Mutter gestrickt hat“, erzählt Müller.  
Seine erste Jeans bekam er von der Oma. Eine Levi’s. Mit einer Jinglers von C&A, eine Art Wrangler-Plagiat, hätte er sich in seiner Clique nicht blicken lassen dürfen. Nach seiner Ausbildung als Einzelhandelskaufmann in der Feinkostabteilung eines Kaufhauses landete er Jahre später als Außendienstmitarbeiter bei Levi’s. Seine erste Erfahrung in der Textilbranche. Da war er 25. Danach ging er zur Firma Big Star, wo er auf Edwin Faeh, seinen Förderer und Mentor, traf. Faeh war damals nur wenig älter als Müller, hatte aber schon seine eigene Firma. „Dieser Mann war und ist mein Idol.“ Er lächelt und zeigt dabei seine Zahnlücke. Edwin Faeh nahm ihn mit in die Fabriken, wo Karl-Heinz Müller alles über Denim erfuhr: Was ein guter Jeansstoff ist. Was gute Waschungen sind. Und wie man eine gute Hose herstellt. Edwin Faeh gab ihm auch ein paar Stilregeln an die Hand. Die wichtigste: „Trage niemals etwas, was billig ist, aber teuer aussieht – egal, ob Uhr, Schuhe oder Kugelschreiber. Es muss authentisch sein.“ Letzteres ist für Müller bis heute ehernes Gesetz.

Karl-Heinz Müller ist ein Mann der klaren Worte. Auch, wenn er manchmal abschweift und ins Plaudern kommt. Es ist schwer, von seinem Charisma nicht hingerissen zu sein. Was davon Taktik ist, bleibt sein Geheimnis. Er nippt an seinem Espresso. Dann lehnt er sich entspannt zurück und erzählt, dass erst seine Lebensgefährtin, eine Wilmersdorferin, sein Interesse für den Ku’damm geweckt habe. Er, der vor zehn Jahren mit seinen Bread-&-Butter-Kumpels Wolfgang Ahlers und Kristyan Geyr im Berliner Osten aufgeschlagen ist, hatte vorher mit Westberlin wenig am Hut. Dessen gewachsenen Strukturen lernte er erst durch seine Freundin schätzen. Sie lehrte ihn auch, die seltsamen Verhaltensweisen seiner Bewohner zu verstehen. Zum Beispiel, dass ein Westberliner nur ungern sein gewohntes Terrain verlässt. Dies brachte Müller auf die Idee, sein Shopkonzept in den Westen zu exportieren. „Diese Art von anspruchsvoller Alltagsmode fehlt dort ohnehin“, findet Müller. Man könne ja nicht den ganzen Tag im Saint-Laurent-Kleid herumlaufen. Und so bietet er ab Ende Oktober am Ku’damm Trendmarken wie Woolrich, Adriano Goldschmied und Nigel Cabourn an. Von Letzterem kann ein Parka schon mal bis zu 3?000 Euro kosten.

Bei 14 oz. am Ku’damm findet man aber auch Sachen von unbekannten Labels. Etwa die Hemden von Salvatore Piccolo oder Anzüge von Bergfabel. Alles Spezialisten, die in kleinen Serien in eigenen Manufakturen fertigen. Es muss authentisch sein, auch bei seiner Markenauswahl ist das Müllers oberstes Gebot. Was viele nicht wissen: Vor dreizehn Jahren, noch bevor er die Bread & Butter gründete, hatte er als Inhaber eines Jeansladens in Köln – der ebenfalls schon 14 oz. hieß –  bereits Erfahrungen gesammelt. Schon damals bot er Jeans an, die auf traditionellen Webstühlen hergestellt wurden. „Die kosteten 400 Mark“, erinnert er sich. „Viele haben mich als Wucherer beschimpft.“
Doch dann, nach einer durchzechten Nacht bei Adidas, hatte er diesen Traum, der alles verändern sollte. „Ich träumte von einer großen Party in einer alten Industriehalle mit coolen Marken und netten Leuten.“ Es war die Geburtsstunde der Bread & Butter, mit der er 2001 in Köln an den Start ging. Schon damals wusste er sich mit Charme und guten Argumenten durchzusetzen. Der Termin für seine erste Veranstaltung stand längst fest, doch er hatte immer noch keine Genehmigung. Nach einem Behördenmarathon und in letzter Minute bekam er sie doch. Solche Widrigkeiten begleiten ihn von Anfang an: Als er mit der Bread & Butter von Köln nach Berlin zog, dann nach Barcelona und wieder zurück – jedes Mal gab es Ärger. Und jedes Mal ein Happy End.

Wie 2004, als es um den Kauf der Pirelli-Hallen ging, die er beim ersten Berliner Bread-&-Butter-Standort in Spandau zusätzlich zum Kabelwerk anmietete. Die Besitzer wollten den Mietvertrag beenden und setzten ihm das Messer auf die Brust: Kaufen oder die Messe findet nur im kleinen Rahmen statt. Müller erinnert sich: „Wir saßen mit dem Pirelli-Obertypen, der extra aus Mailand gekommen war, an einem Tisch und verhandelten über Geld, das wir nicht hatten.“ Plötzlich fielen ihm die Olympischen Spiele ein, die alle vier Jahre woanders stattfinden. Müller sprang auf, verließ den Raum. Wolfgang Ahlers und Kristyan Geyr waren hinterher schockiert. Laut Müller regten die sich auf: „Jetzt hast du unsere Firma gefickt. Wir haben keinen Mietvertrag, wir haben nichts anderes, wir sind platt.“ Später stiegen Ahlers und Geyr aus dem gemeinsamen Unternehmen aus. Doch Karl-Heinz Müller behielt recht. Seine Vision, die Bread & Butter wie Olympische Spiele wandern zu lassen, war Initialzündung für den Start der Bread & Butter in Barcelona, deren letzter Austragung 2009 nicht nur katalanische Politiker viele Tränen nachweinten.

Müllers Ideen sind bei seiner Belegschaft gefürchtet. Oft hat er sie kurz vor Veranstaltungsbeginn, was bedeutet, dass immer wieder alles umgekrempelt werden muss. „Hoffentlich hat er nicht schon wieder eine Vision“, ist die geheime Sorge in seinem Team. Vergebens, denn ständig fällt dem BBB-Chef etwas Neues ein, um seine an die 100 Mitarbeiter auf Trab zu halten. Und wehe, das Ergebnis missfällt ihm, dann kann es schon mal krachen. Dabei ist Müller eigentlich ein fairer Chef, der Verständnis für seine Leute hat. Was er allerdings nicht leiden kann, ist schlechtes Benehmen. „Die kriegen dann die Ohren lang gezogen“, schimpft er. „Egal, wie gut sie sind.“
Ähnlich konsequent geht er nun auch in die nächste Bread-&-Butter-Runde. Das Portfolio soll noch ausgesuchter werden. „Ich konzentriere mich auf zeitgenössische Marken, die großstadtfähig sind“, sagt er. Für modische Trittbrettfahrer habe er künftig keinen Platz. Im Klartext heißt das, dass er sich von etwa 120 Ausstellern trennen wird. Die „tradeshow for selected brands“ geht „back to the roots“. Keine Frage, dass da Ärger wieder vorprogrammiert ist. Doch das hält der Müller aus, so wie er alles ausgehalten hat. Jetzt steht ohnehin erst Mal der Umzug an. Im Januar verlegt er seinen Firmensitz von der Münzstraße an den Kurfürstendamm, direkt über dem neuen 14-oz.-Store. Vermieter Dr. Bscher hat Müller auch noch die beiden Stockwerke über dem Laden vermietet. Schon wieder hat Karl-Heinz Müller erreicht, was er wollte. Wie immer. 

Text: Wolfgang Altmann
Foto: breadandbutter

14 oz. im Haus Cumberland
Kurfürstendamm 193/194, Charlottenburg,
www.14oz.net

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