Shopping

Made in Berlin – Die neue Wertarbeit

Brettchen von Berliner ToechterManchmal ist ein Ausflug, raus aus Berlin, ein heilsamer Schock. Vor ein paar Jahren fuhr ich nach Lübeck und freute mich auf Buddenbrooks und Backsteingotik – doch was ich bekam, waren überregionale Einzelhandelsketten. Alle Geschäfte in den sorgfältig restaurierten mittelalterlichen Häu­sern waren Drogeriemärkte, Bäckerei-Filialisten, Mode-Discounter, McIrgendwas. Und alle mit dem üblichen Einerlei. Wenn ich meine Eltern besuche, die in einer Kleinstadt in der Nähe von Frankfurt am Main leben, dann sind Wohnen und Kaufen getrennte Welten. Es gibt die Siedlungen, in denen die Menschen leben. Und es gibt die Gewerbegebiete, wo sie sich bei Lidl oder Schlecker mit dem Lebensnotwendigen versorgen. Und wenn ein neuer Wintermantel fällig ist, geht’s nach Frankfurt zu P&C. Zum Einheitsvorgarten das Einheitsmüsli und der Einheitslook.

Wenn man diese Tristesse sieht, ist es kein Wunder, dass der Zuzug nach Berlin ungebrochen ist, die Neuberliner alle in Prenzlauer Berg, Friedrichshain, am Savignyplatz oder in der Akazienstraße wohnen wollen und dauernd ihre Begeisterung für die Stadt kundtun. Denn geht man in den Innenstadtbezirken aus dem Haus, dann findet man da Läden. Und Leben. In der Invalidenstraße sieht man durchs Schaufenster die Modedesignerin Bernadett Penkov bei der Arbeit. In ihrem Laden in der Goethestraße stellen Kirsten Remstädt und Daniela Herzig Pesto her. In der Pappelallee näht Annette Becker Lederkappen und -taschen. Sie macht das Label Aehrenkranz, sie ist Aehrenkranz. Ihre Nähmaschine steht in der Mitte ihres kleinen Geschäfts, und man könnte sie fragen, ob sie die Geldbörse „Bassy“ auch in Blau fertigt.

POLOLO_Greenpeace_MobyDas ist bei „Made in Berlin“ möglich, bei „Made in China“ nicht. Und diese Möglichkeit, selbst mit den Produzenten zu sprechen, ist in einer globalisierten Welt etwas sehr Besonderes. Das ist die neue Exotik. Denn um das Besondere zu finden, musste man früher einen Fernflug buchen. Heute gehören Rückenkratzer aus Thailand und Blumenketten aus Honolulu zum Sortiment jedes Warenhauses. Deshalb wird das wieder speziell, was unsere Urgroßmütter noch für selbstverständlich hielten: der Rock, den die Schneiderin an der nächs­ten Ecke genäht hat. Die selbst gemachte Marmelade. Der Schrank, den ein Tischler baut. Irgendwann in der Wirtschaftswunderzeit galt all das als überholt. Handgemacht war alt­backen, industriell gefertigt dagegen modern.

Doch der Lebensstil ändert sich in Zyklen. Jetzt gilt genormte Massenware als Zeichen für mangelnden Geschmack. Handgemachtes hingegen ist wieder angesagt. Auf dem Winterfeldt- und Kollwitzmarkt stehen die Menschen für Ravioli aus Berliner Manufakturen Schlange, denn sie wollen das Besondere. Der Wert dieser Teigwaren, einer Lederkappe von Aehrenkranz oder eines Kleides von Penkov setzt sich nicht allein aus den Material- und Arbeitskosten plus Gewinnspanne zusammen. Ein Teil des Wertes entsteht, weil man weiß, wo und von wem die Sachen hergestellt wurden. Hinter der Ware steht ein Individuum.

Senfsalon_HimbeersenfDeshalb hat auch das Produkt eine eigene Geschichte und ist nicht austauschbar. Vielleicht ist es sogar ein Einzelstück. Und das ist wichtig in einer Welt, in der jeder auf der Suche nach Individualität ist und sich von den anderen absetzen möchte. Man kann sich schon längst auf dem iPod seine eigene Musikkompilation zusammenstellen. Nun hat die Individualisierung auch die Produktwelt erreicht. Ein Unikat made in Berlin ist einzigartig – und sein Besitz macht mich einzigartig.

Distinktionsgewinn nennen das Holm Friebe und Thomas Ramge. Die Berliner Autoren haben das Phänomen der neuen Mini-Manufakturen in ihrem kürzlich erschienenen Buch „Marke Eigenbau. Der Aufstand der Massen gegen die Massenproduktion“ beschrieben. Von der Seite der Macher her, die in ihren kleinen Firmen ihr eigener Chef sind und jetzt an der Arbeit wieder den Spaß haben, der ihnen in ihrem früheren fremdbestimmten Angestelltendasein schon lange abhanden gekommen war. Und von der Seite der Konsumenten her, die durch den Kauf einer Spezialmarke, vielleicht sogar eines Unikats, endlich das Besondere bekommen, das ihnen die Massenproduktion nicht mehr geben kann. Die Marke Eigenbau, so prognostizieren Friebe und Ramge, wird die wichtigste Marke des 21. Jahrhunderts.
Sie haben in ihrem Buch den Trend aufgezeigt, doch die Sache an sich ist nicht neu. 1993 beispielsweise sind die Berliner Designer Oliver Vogt und Hermann Weizenegger mit dem Konzept Blaupause auf den Markt gekommen, einem auf Papier gedruckten Bauplan, mit dem man selber einen Stuhl herstellen konnte. Und sie haben 1998 die Imaginäre Manufaktur initiiert: Designer entwerfen Objekte, die dann in der Berliner Blindenanstalt (heute Union sozialer Einrichtungen) gefertigt werden. Auch Vogt und Weizenegger waren natürlich nicht die Ers­ten, aber was sie gemacht haben, zeigt zwei Entwicklungen, die in den 90er Jahren begannen. Zum einen, dass viele Berliner Designer sich auf innovative Produkte konzentrierten, deren Herstellungskosten überschaubar blieben. Und zum anderen die Zusammenarbeit mit Handwerksbetrieben.

S_Wert_SchalEiner von ihnen ist Jünemann’s Pantoffeleck. 1927 war der Pantoffelmacher Otto Jünemann von Magdeburg in die Berliner Lottumstraße gezogen. 2003 traten die beiden Design-Studentinnen Meike Böhme und Anja Mielke an den Traditionsbetrieb heran, und seitdem gibt es Wollfilzmodelle wie „cocoon white“ und „pedicure“. Meike Böhme hat inzwischen mit puschn – Namenszusatz „made in Berlin“ – ihre eigene Firma für Pantoffeln, die zwar in Potsdam sitzt, aber weiterhin bei Jünemann fertigen lässt. „Das war am Anfang für so einen kleinen Betrieb eine große Umstellung, und ich musste Überzeugungsarbeit leisten“, erzählt Meike Böhme, „aber jetzt geht das sehr gut.“

In der Brunnenstraße sitzen Sandra Siewert und Dirk Berger, vorne ist ihr Laden, hinten ihr Büro. Rund 50 Produkte haben sie mit ihrem Label s.wert seit 2005 produziert. Ihr Markenzeichen sind stilisierte Berlinmotive: Straßenbahngleise auf Schals, Straßen­laternen auf Vorhängen. Das Geschäft läuft, doch sie möchten, dass ihr Label noch ein bisschen größer wird. „Ich würde mich lieber auf die Gestaltung neuer Produkte konzentrieren als auf den Verkauf“, sagt Sandra Siewert. Momentan arbeitet mindes­tens einer von den beiden sechs Tage die Woche im Laden. Sie sind längst über das Stadium der Wohnzimmermanufaktur hinaus, doch die Schwelle zu überschreiten von einem Zweileutebetrieb hin zu einer Firma, die eine Verkäuferin anstellt, ist schwierig. Das hat auch die Senatsverwaltung erkannt und ein Coaching-Programm für besonders vielversprechende Minimarken aufgelegt. Jetzt hat s.wert eine senatsfinanzierte Un­ternehmensberaterin.
Lange waren Produkte aus Berlin für ihren Witz bekannt, an ihrer Funktionalität und Langlebigkeit gab es oft berechtigte Zweifel. Doch mittlerweile ist die Designszene professionell und erwachsen geworden. Und einige Firmen sind zu mittelständischen Unternehmen herangewachen. Das sind meist Gründungen aus den 90er Jahren. Sys­tem 180 gehört dazu, die Firma produziert in Schöneberg Möbel, das auf einem modularen Stahlrohrsystem basiert. Die Brillen von ic! Berlin werden inzwischen weltweit in führenden Optikerläden verkauft. Auch die Schuhe von Trippen sind international gefragt. Alle drei Firmen gründen ihren Erfolg auf einer sehr guten Idee, gekoppelt mit Professionalität.

KuehnKeramik_EisbaerUnd auf viel Energie. Beispielsweise, um eine Kundin zu überzeugen, nicht den Schal von Hugo Boss, sondern den Schal von s.wert zu kaufen. Viele Menschen geben ihrer Begeisterung über das tolle Angebot aus Berliner Manufakturen zwar sehr überschwänglich Ausdruck. Aber als Konsu­men­ten sind sie eher zurückhaltend, gehen auf Nummer sicher und kaufen die Markenware. Die Kundin habe sich dann doch für den s.wert-Schal entschieden, erzählt Sandra Siewert. Begründung: Der ist spezieller.

Text:
Stefanie Dörre

LINKLISTE:

Mehr über Cookies erfahren