Shopping

Mode mit Geschichten

Mayer Peace Collection

Wenn Daniel Kroh über sein Arbeitsmaterial spricht, kriegen seine Augen etwas Leuchtendes. Dabei verarbeitet der Modemacher nicht kostbaren Samt oder Brokat. Es sind alte, ausgemusterte und aufgetrennte Arbeitslatzhosen, Malerjacken oder Bauarbeiterhosen, aus denen der gelernte Herrenschneider und studierte Designer neue Anzüge oder Mäntel anfertigt.
Entdeckt hat Daniel Kroh sein Material im Rahmen eines Jobs bei einem Arbeitsbekleidungshersteller, der seine Outfits an Firmen verlieh, reinigte und instand hielt. Regelmäßig wurden dabei ältere Teile ausrangiert und zu Müll erklärt. „Obwohl die robusten Gewebe ja eigentlich unkaputtbar sind“, sagt Daniel Kroh. Ihm tat es nicht nur um den schönen Stoff leid. Er mag auch die Geschichten, die die benutzten Sachen erzählen. „ReClothings“ nennt er sein Recycling-Projekt.
Frau WagnerWo manche nur überflüssige Jacken, Hosen oder Hemden sehen, die den Zenit des Trends überschritten haben und die Kleiderschränke zum Bersten bringen, entdecken immer mehr junge Designer interessante Stoffmuster, die es so nicht mehr gibt oder, in kleinen Details, Zitate aus anderen modischen Zusammenhängen. Susanne Wagner etwa hat ein Faible für alte Sportklamotten, denen man bei ihrem Label „Frau Wagner“ etwa als Teil eines eleganten Cocktailkleides oder als kesses Businessoutfit unverhofft wiederbegegnet. Doch auch Uniformen haben es Frau Wagner angetan: So kons­truierte sie aus einer alten Polizeijacke ein Couture-Abendkleid mit edlem Pelzbesatz.
Philippe Werhahn indessen hat einen besonderen Blick für abgelegte Sweatshirts, Jeans oder Herrenhemden, die er für sein Label „TingDing“ an einer Schneiderpuppe so lange dreht und drappiert, bis er sie schließlich neu kombiniert zu Röcken oder Kleidern zusammennäht. Wobei stets erkennbar bleibt, was das neue Stück früher war. Aus Herrenhemden etwa zaubert Werhahn sexy Frauenkleider: Der einstige Kragen wird zum Dekolletй, die Ärmel zu Gürteln oder zu Trägern.
Dass man durch diese „Reanimierung“ quasi auch in die Haut von anderen schlüpfen kann, finden Eugenie Schmidt und Mariko Takahashi von „Schmidttakahashi“. Auf ihrer Webseite werden nicht nur ihre puzzleartig zusammengewürfelten und gerne mit Strick ergänzten Outfits präsentiert. Es gibt bei ihnen auch ein Altklei­derarchiv, über das man den Werdegang abgegebener Teile bis hin zum neuen Stück verfolgen kann.
Was die neue Kleidung ein­­mal war, errät man auch bei Christine Mayer: Ihre oliv­grü­nen Pumphosen entstanden aus
alten Bundeswehruniformen. Die weißen, feminin taillierten Leinenjacken wurden aus historischen Tischdecken oder Mehl­säcken gefertigt. Auch Conny Kühl, Upcycling-Designerin aus Friedrichshain, hat es zugunsten ihrer Neu-Konstruktionen vor allem auf ältere Textilien abgesehen. Nur wenn sie ein echtes Vintage-Stück in die Hände bekommt, zögert sie manchmal, es zu zerlegen. „Da ist ja auch Mode-Geschichte drin. Davor habe ich Respekt.“

Text: Eva Apraku

Foto oben: Mayer Peace Collection (Foto von Billy & Hells)

Foto unten: Frau Wagner (Foto von Anja Bleyl)

ReClothings, Sybelstraße 43, Charlottenburg, Di–Sa 12–20 Uhr (wg. Öffnungszeit vorsichtshalber vorher anrufen), Tel. 41 99 46 87, www.danielkroh.com

TingDing, Bürknerstraße 11, Neukölln, Di–Sa 13-19 Uhr, Tel. 53 08 10 62, www.tingding.de. Philippe Werhahn lädt regelmäßig zu Upcycling-Workshops ein.

Schmidttakahashi, Atelier: Paul-Lincke-Ufer 41 (2.HH, 1. Stck.), Kreuzberg, Termine unter Tel. 0174-94 85 270 oder Tel.: 0162-13 52 722, www.schmidttakahashi.de

Frau Wagner, Atelier: Tempelhofer Ufer 32, Kreuzberg, Termine nach Vereinbarung unter Tel. 80 40 41 30, www.frauwagner.com. Susanne Wagner lädt am 26.3., 15–18 Uhr zum „Open Atelier“ ein.

Mayer Showroom, Große Hamburger Straße 1, Mitte, Mo–Fr 10–19 Uhr, Sa 11–18 Uhr, Tel. 97 89 45 69, www.mayer-berlin.com

Conny Kühl, Showroom und Atelier, Boxhagener Straße 110, Friedrichshain, Tel. 0163-468 91 96, http://connykuehl.wordpress.com

Es war einmal ein Hosenbein…
… Kleider und Wohnideen aus gebrauchten Textilien, von Laura Sinikka Wilhelm, Haupt Verlag 2010, 152 Seiten, 24,90 Ђ

Mehr über Cookies erfahren