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Othello im DT-Kammerspiele

OthelloWirkungsbewusst streicht sich Othello die langen Haare aus dem Gesicht, balanciert auf High Heels über die Bühnenschräge und verschwindet auch mal in einem Goril­la-Kostüm: Die 27-jährige Regis­seurin Jette Steckel hat den schwar­­­zen Feldherrn, der von seinem stets zu kurz gekommenen weißen Kontrahenten Jago aus Ehre, Ehe und Beruf heraus- intrigiert wird, mit einer Frau besetzt. Dass die Verschiebung der Rassismus- auf die zeitgeistige Gender-Thematik, sofern man sie ernst nimmt, ein hyperkomplexes theo­retisches Minenfeld aufreißt, ist gar nicht mal das Hauptproblem des Abends. Wesentlich schwerer wiegt die Tatsache, dass sich Jette Steckel, die auf die Übersetzung ihres Vaters Frank-Patrick Steckel zurückgreift, dafür letztlich gar nicht interessiert.

Zwar werden im Programmheft ausgewiesene Theoriegrößen а la Julia Kristeva zitiert. Aber auf der Bühne steigen die Schauspieler einfach nur vom Affenkostüm ins rote Abendkleid und von der Lang- auf die Kurzhaarfrisur um, weil Steckel uns zeigen will, dass Identität auf bloßer Projektion basiere. Abgesehen davon, dass das bestenfalls die Hälfte der postmodernen Wahrheit ist, wirkt es sich vor allem nachteilig aufs Bühnengeschehen aus. Denn weil Hüllen bekanntlich beliebig austauschbar sind und Attrappen keine Biografien haben, ist hier letztlich auch nichts von Bedeutung: kein szenisches Bild, kein Kostüm, kein Zitat. Susanne Wolff muss als Othello die Emotionen einfach so schnell wechseln wie die Klamotten oder wie der aus nicht unmittelbar ersichtlichen Gründen hinzugecastete Beatboxer den Sound. Und Ole Lagerpusch gibt statt des ebenso von narzisstischer wie von sozialer Not getriebenen Underdogs Jago nur den geschichtslosen Fiesling. Einzig Meike Droste erzählt die berührende Geschichte einer im Vergleich zur Vorlage erfreulich selbstbewussten und gleichzeitig bis über beide Ohren in einen Macho verliebten Frau namens Desdemona, der zusehends der Boden unter den Füßen weggerissen wird.

Text: Christine Wahl
Foto: Arno Declair

(tip-Bewertung: Uninteressant)

Termine: Othello

in den DT-Kammerspielen,
nächste Termine: Mo 14., Di 15., Mo 21.12., 20 Uhr
TICKETS

 

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