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Schmuck aus Keks und Kalbspergament

Was ist das für ein Material? Wie lange halten die Ohrringe? Und ist das eigentlich tragbar? Immer wieder muss Ulrike Hamm dieselben Fragen beant­worten. Unter dem Künstlernamen Anmut. Kühnheit fertigt sie ausschließlich Schmuckkreationen aus Kalbspergament an. „Viele Menschen denken im ersten Moment an Papier, dabei ist es Haut“, erklärt die studierte Schmuckdesignerin. Mit den Hintergründen und Eigenschaften des uralten Werkstoffes hat sie sich ­lange beschäftigt. Pergament diente im Altertum als Beschreibstoff, später für Bucheinbände und bis heute als Werkstoff im Instrumentenbau, beispielsweise für Konzertpauken und Orgeln.

In einem kleinen Berliner Hinterhofladen entdeckte Ulrike Hamm diesen Werkstoff – in einem Geschäft für Orthopädiebedarf. Neben Schuhsohlen und Leder fand sie einen Restbestand Kalbspergament und wurde neugierig. „Nach wenigen Versuchen habe ich das Potenzial des Materials erkannt. Aber leider auch, dass es sehr schwer ist, gute Qualitäten zu bekommen“, sagt sie rückblickend. Sie fing an zu forschen und fand schließlich den letzten deutschen Pergamenthersteller in Altenburg bei Leipzig. Zweimal im Jahr fährt sie hin, um mit dem Spezialisten zu fachsimpeln und ihr Lager mit neuem Rohstoff aufzufüllen.

„Meine Erfahrung im Umgang mit dem Material ist mein Kapital“, erklärt die Wahlberlinerin, die im schleswig-holsteinischen Bad Segeberg aufgewachsen ist. Die einfachen Grundformen für ihren Schmuck schneidet sie aus. Anschließend wird die Haut in Wasser eingefärbt, sodass sie weich wird und den gewünschten Ton erhält. Danach müssen die Einzelteile zu einem Ganzen zusammengefügt werden und können langsam trocknen. Das Pergament schrumpft beim Trock­nen an der Ober- und Unterseite in unterschiedlichem Ausmaß – so entstehen ­spannungsvolle Formen und eine einzigartige Struktur. Weil Spannung und Qualität des ­Materials immer unterschiedlich ist, weiß die Designerin am Anfang nicht genau, wie das fertige Schmuck­stück am Ende aussehen wird. ­Alle Modelle müssen deshalb einzeln nachbearbeitet werden.
Der Umgang mit dem fertigen Arm- oder Halsschmuck bedarf fast so großer Sorgfalt wie die Herstellung. Denn obwohl die Accessoires sehr haltbar sind, reagiert das Material äußerst sensibel. „Das erzeugt Ehrfurcht und Verantwortung und kommt bei den Kunden erstaunlicherweise gut an“, das ist Ulrike Hamm wichtig. Der Künstlerin ist es wichtig, den Kunden und Galeristen Informationen über das Material und seine Geschichte zu vermitteln. ­Ihre Arbeiten zeigt sie in Italien, Japan und den USA. In Deutschland ist sie neben Berlin noch in München vertreten. Auf einen Online-Shop verzichtet sie ganz bewusst, denn die Pergament-Designerin findet, dass ihre Sachen gefühlt und erklärt werden müssen. „Sonst steht der Kunde zu Hause, hat Fragen und schickt die Sachen womöglich zurück.“
Bei Mareile Tinzmann funktioniert der Vertrieb anders. Sie stellt ihre Schmuckstücke nicht nur in ausgesuchten Galerien vor, sondern benutzt zur Präsentation auch eine Website. „Da können einfach wahnsinnig viele Leute meinen Schmuck sehen“, sagt sie. Dafür verzichtet sie auf einen eigenen Laden, denn als Shop-Managerin müsste Mareile Tinzmann viel Zeit und Energie in organisatorische und betriebswirtschaftliche Aufgaben investieren. Zeit, die dann bei der Entwurfsarbeit fehlen würde. Ein Kompromiss, den sie nicht eingehen will.

Tinzmann hat schon immer mit Materialien experimentiert. In den 80ern machte sie Schmuck aus Kandiszucker und Cola-Dosen. Heute arbeitet sie mit Spazierstöcken, Kabelbindern und Silikon. Materialtechnisch will sie sich nicht festlegen, doch Silikon gehört zu ihren wichtigsten Werkstoffen, etwa in der aktuellen Unterwasserkollektion. „Viele Menschen fasziniert ­Silikon, weil das Material sich bewegt und sogar Geräusche macht“, sagt Tinzmann. Für ihre Unterwasserkollektion hat das Material die richtigen ­Eigenschaften. „Es ist transparent, ich kann es einfärben, und es ist beweglich wie die Lebewesen unter Wasser.“ Den variablen Werkstoff drückt die gelernte Zahntechnikerin und Schmuckdesignerin in mühevoller Handarbeit um die vorher ­gebastelten Rohformen. So entstehen Wasser­blumenbroschen, Seeanemonenringe und Krötenlaichketten – Zeugnisse für Mareile Tinzmanns Begeisterung für die Natur. Nicht nur die Formen inspirieren sie, sondern auch die Funktionen. So lassen sich die Blumentiere aus Polymer wie ihre natürlichen Vorbilder am Finger auf- und zuklappen.
Ein weiteres Projekt der passionierten Schmuck­­designerin ist der eigentlich paradox klingende „Schmuck für die Bescheidenheit„. Ein Edelstahlfaden mit einem Korken und einer Nadel als Verschluss soll als Anregung zur Nachahmung dienen. Dazu gibt es ein Heftchen mit Ideen, was man alles auf einen Draht auffädeln kann, zum Beispiel Lauch, diverse Notizzettel oder Gebäck. Tinzmanns Botschaft: „Alles kann Schmuck sein.“
Die Schönheit des Alltäglichen entdeckte auch Susanne Sous. Die Designerin ist ständig auf der Suche nach schönen Dingen und fertigt Schmuck aus banalen Gegenständen. Ihr geht es um die Loslösung von der materiellen Abhängigkeit. Noch zu oft würden Schmuckstücke als Gegenstände, die allein durch Edelmetalle und Edelsteine aufgewertet werden.
Die Suche nach edelsteinähnlichen Materialien und die Frage danach, wie haltbar bzw. vergänglich Schmuck sein kann oder muss, treibt die gelernte Goldschmiedin um. So sind ihre Schmuckserien aus vergänglichen Materialien wie Eis, Keks, Wachs und Seife entstanden. Diese Kreationen sind für den Augenblick gemacht, denn der Eisring ist nach wenigen Minuten ­geschmolzen, der Seifenring kann am Ende eines aufregenden Abends einfach abgewaschen werden. Die Arbeitstechniken von Susanne Sous sind ebenso unterhaltsam wie die Schmuckstücke. Das Material wird gefroren, geschnitzt oder gebacken. „Von der Arbeit eines Goldschmiedes unterscheidet sich meine Arbeit im Grunde nur durch das Material, nicht durch die Präzision“, erklärt sie.
Die Goldschmiedetechniken sind für Susanne Sous trotz aller Experimente immer noch die Grundlage des Schmuckmachens. Denn sie erlauben es ihr, geometrische Körper aus Edelmetall zu spannungsreich deformierten Gebilden zu formen oder Alltagsgegenstände zu veredeln. Zum Beispiel, wenn sie Tuschkastenfarbe wie einen Edelstein in Silber einfasst oder Bettwäsche zu Colliers umfunktioniert.

Text & Produktion: Susan Schiedlofsky
Fotos: Kerstin Nussbächer
Make-up: Betty Amrhein
Location: Kaisersaal

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