Shopping

Shoppen in Neukölln

Sing_BlackbirdEin Möbelgeschäft? Eine Galerie? Eine Mode-Boutique? Wer vor dem Laden Lum! in der Neuköllner Reuterstraße 68 steht, spürt Ratlosigkeit. Einerseits regen die im Schaufenster miteinander verwobenen textilen Gebilde nebst den Wandbehängen und neu mit Stoffgeflechten bespannten Stühlen die Neugierde an. Andererseits weiß man nicht, mit welchem Anliegen man um Einlass bitten soll. Tröstlich ist jedoch der Eindruck, dass es sie im angesagten Reuterkiez noch gibt: Geschäfte ohne klar erkennbares Angebot, die wie Lum! – die Ladenwerkstatt der Textildesignerinnen Moa Hallgren und Lisa Spengler – Experimentierräume junger Kreativer sind. Auch Crop Cosecha, ein höhlenartiger Ladenraum in der Reuterstraße 52, ist so ein Geschäft: Hier werkelt Moritz Wolfgruber, 26, ein Autodidakt, an sperrigen Hüten, bunten Gürteln oder merkwürdigen Taschen aus Recycling-Materialien.

Bewegt man sich hingegen mehr zum Kottbusser Damm Höhe U-Bahnstation Schönleinstraße, wird das Angebot eingängiger und typischer für einen Kiez, der sich zunehmend zum Magneten für junges, kulturinteressiertes Volk entwickelt: Unabhängige Mode-Designerboutiquen wie TingDing in der Bürknerstraße 11 oder Icke Berlin in der Friedelstraße 35, Independent- beziehungsweise Re­tro-Plattenläden wie Soultrade in der Sanderstraße 29 oder Static Shock in der Bürknerstraße 6, Schmuckgalerien wie Nina Leonhard Accessoires in der Lenaustraße 5 oder Fajalobi in der Bürknerstraße 5 sowie eine fein sortierte Buchhandlung wie Stadtlichter in der Bürknerstraße 1 oder die ebenso liebevoll zusammengestellte Videothek Videoland am Maybachufer 23 stehen für das Interesse der Anwohner und Besucher an ausgesuchter Mode, Musik und Medien.

Doch auch umweltfreundliche Mobilität ist in diesem Viertel wichtig: Beinahe auf jeder Straße findet sich ein Fahrradgeschäft. Dass fast alle von ihnen Secondhand-Räder anbieten, sagt weniger etwas über die Finanzknappheit der Kundschaft aus, sondern mehr über deren Sehnsucht nach Individualität: Läden wie Glücksvelo in der Pannierstraße 53a oder die Velothek in der Bürknerstraße 29/30 bieten nicht nur in Stand gesetzte Räder aus verschiedenen Epochen an. Sie pimpen das gute Stück auf Wunsch auch zu einem einzigartigen Vehikel auf. Understatement herrscht dagegen bei Dailybread vor, einer Fahrradmanufaktur in der Sanderstraße 33. Die hier nach Kundenauftrag einzeln „konfigurierten“ Räder basieren auf einem einzigen Rahmenmodell, das in drei Größen vorhanden ist, und auf unauffälligen, hochwertigen Equipmentteilen.

Besuchenswert sind bei einem Einkaufsbummel durch den Reuterkiez aber auch die unscheinbaren oder alteingesessenen Läden. Denn um zu einer handgemachten, akustischen Cogg-Gitarre oder Ukulele zu kommen, muss man sich in die Souterrain-Werkstatt von Gary Neath in der Schinkestraße 3 hinab bemühen. Und um sich mit der ethisch korrekt erzeugten Dr. Baumann-Kosmetika behandeln zu lassen, sollte man Schwellenängste überwinden und sich in die eigenwillig gestaltete, 33 Jahre alte Cosmetic Lounge Berlin in der Reuterstraße 54 wagen. Fast aktuell dagegen der Laden Fantasien auf der Bürkner­straße 26: Als er vor über 20 Jahren eröffnete, waren die hier angebotenen Blech- und Holzspielzeuge bei jungen Eltern noch nicht so beliebt wie bei der derzeitigen Eltern-Generation Wickeltasche.

Text: Eva Apraku

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