Fußball

Alte Liebe: TeBe-Fans feiern andere Vereine

Dicke Luft bei TeBe: Vereins-Vorsitz und Fans liegen im Clinch. Zweitere unterstützen als Caravan of Love jetzt andere nette Vereine – und die empfangen sie mit offenen Armen
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Foto: Dennis Demmerle

Es riecht nach Chlor, wie früher im Schwimm­unterricht. Gut gegen die feuchte Hitze. Gegenüber, auf der Tribüne, sammelt sich eine Gruppe von Männern und Frauen, deren Kleidung veilchenfarben ist. Sie tragen Shirts, auf denen „Zartcore“ steht, „Nazis raus aus den Stadien“ oder auch „Bataillon d‘Amour“. Es ist Mitte April, die Champions League steht auf dem Tourplan der „Caravan of Love“, in der Sport- und Lehrschwimmhalle Schöneberg. Die Champions League im Wasserball: Die Wasserfreunde Spandau 04 empfangen Olympiakos Piräus, den griechischen Titelfavoriten.
„Nichts kann schöner sein auf Erden als ein Wasserfreund zu werden!“, skandiert die Fangruppe. Ein bunter Haufen, der an diesem Tag den angestammten S04-Wasserfreunde einen Dienst erweist.

Seit Anfang Februar tingeln die TeBe-Fans als Karawane durch Berlin und Deutschland, um andere Vereine zu supporten. Das ist einmalig. Sie eint, dass sie ihren Verein, Tennis Borussia Berlin, kurz „TeBe“, retten wollen.
Einer von ihnen ist Denis Roters, der einige Tage zuvor mit der „Caravan of Love“ nach Leipzig gereist war, um dort mit seiner Punk-Band Biberstand Boys vor dem Fußballspiel Roter Stern Leipzig gegen Zwenkau einzuheizen. „Aktuell gibt es kein Tennis Borussia“, sagt er bitter. Ihm sei „der Einzug ins Berliner Pokalfinale egal“. TeBe trifft dort auf Viktoria Berlin, den Lokalverein, der im Winter Insolvenz anmelden musste, nachdem ein chinesischer Investor seine Zusagen nicht einhielt. Statt die erfolgreiche Saison der „Veilchen“ zu genießen, wünscht er sich „Lichtenberg oder Greifswald als Aufsteiger“, damit „Redlich und Co. die Lust verlieren“ – und TeBe sich wieder in den Klub zurückverwandelt, der er einmal war.

Am 10. April feierte Tebe seinen 117. Geburtstag, doch nach Party war nicht allen zumute. Dabei könnte diese Saison der ­größte Triumph der letzten zehn Jahre werden. Nicht nur der Gewinn des Berlin-Pokals ist möglich, auch der Aufstieg in die Regionalliga. Den Traditionsverein dorthin führen will der Vereins-Vorsitzende Jens Redlich, der als Chef einer Fitnessstudio-Kette zu Wohlstand kam. 2,5 Millionen Euro hat er schon investiert.

Der Unternehmer unterstützt einen Verein mit großer Geschichte. Sepp Herberger, der die deutsche Nationalmannschaft zum WM-Titel 1954 führte, trainierte den Verein in den 20er-Jahren; der Showmaster Hans Rosenthal amtierte in den 60ern als Präsident.

Ein Streit um eine TeBe-Regenbogenfahne, die die „TBAF“ („Tennis Borussia Aktive Fans“) hissen wollten, was aber Redlich unter einem Vorwand nicht gestattete, hat den Konflikt ausgelöst. Der eskaliert seitdem. Eine Mitgliederversammlung im Januar führte zur Spaltung zwischen Fans und Vorstand. Redlich, der Self-Made-Man, soll Strohmänner in Vereinswahlen geschleust haben, um Gefolgsleute in den Aufsichtsrat zu bugsieren. Unter den Wahlberechtigten seien „viele unbekannte Gesichter, viele Bulgaren, die meinten, dass ihr Boss sie geschickt habe“ gewesen, berichtete Denis Roters damals dem „Tagesspiegel“. Rund zwei Drittel der 570 Anwesenden votierten am Ende für Bewerber, die Redlich vorgeschlagen hatte.

Die aufbegehrende Fan-Basis geißelte er als „Romantiker, die sich gegen Veränderung wehren“ oder auch als „Linke und Linksextreme“.
Die TeBe-Fans schalteten nach dem Schisma ein Inserat in der „Fußball-Woche“: „Kleine engagierte Fan-Szene mit dreistelligem Mobilisierungspotential sucht vorübergehend Verein, der für eine demokratische Kultur und gegen Rassismus, Sexismus und Homophobie einsteht.“ Der „Caravan of Love“ war geboren – benannt nach den Housemartins, einer britischen Indie-Band.

Seitdem rollen andere Vereine den Lila-Weißen den roten Teppich aus. Lars Tittmar, Vorstand der „TBAF“ und Doktorand in Philosophie, blickt auf einen Kunstrasen in Steglitz, wo sich der Stadtrand-Klub Stern 1900 mit einem Team aus Neukölln misst, nämlich Tasmania Berlin. Zwei Vereine aus der Sechsten Liga, denen die TeBe-Karawane mit Sympathie begegnet.
Es ist eine weitere Etappe auf einer Tour durch die Niederungen der Amateurligen, die Anfang Februar in Friedrichshain begonnen hat, wo Blau-Weiß, Abstiegskandidat der Kreisliga A, seine Heimspiele auf dem Dach eines Großmarktes austrägt.

Foto: Dennis Demmerle

Tittmar treibt die Frage um, wie es nach der Sommerpause weitergehen soll. Für ihn war TeBe „immer mehr als nur zum Fußball zu gehen“. Deshalb kommt für ihn keine Neugründung infrage, über die einige diskutieren. „Ich kann das nicht einfach weghauen.“ Sicher ist: Die Fanbasis will wieder eine größere Rolle im Verein spielen – wie die Meuterer dieses Ziel erreichen wollen, mögen sie jedoch nicht verraten.

„Mr. Bungle“, der fast 20 Jahre lang Stadion­sprecher und DJ im „Mommse“ war, kritisiert die „Diskursverweigerung“ der Vereinsspitze, die mit der „wiederholt erzählten Mär einer angeblich linksradikalen Fanszene“ einhergeht. Dass diese Behauptung gewagt ist, zeigt sich auch in Steglitz: Dort bildet sich im Fanblock weder ein „Schwarzer Block“ – noch eine andere subkulturelle Formation.

Redlich orientiere sich an Fanszenen wie in Dresden, Chemnitz oder Rostock, „die ein anderes Verständnis von Fankultur haben als das schon immer recht kosmopolitisch geprägte TeBe“, sagt Mr. Bungle.

Einen Tag vor dem Berlin-Pokal-Finale kehrt die Karawane nach Hause zurück, ins Mommsenstadion. Dann spielt der SC Charlottenburg, dessen Team dort ebenfalls regelmäßig aufläuft, gegen TuS Makkabi, Berlins deutsch-jüdischen Verein. „Dann stehe ich erstmals seit 20 Jahren wieder im E-Block“, sagt Mr. Bungle. Er will dann wieder jenen Freudensprung sehen, wie ihn Hans Rosenthal früher in der legendären Quiz-Show „Dalli Dalli“ kultivierte. Vor dem großen Zerwürfnis haben die TeBe-Anhänger mit dieser Pose die Tore ihres Lieblingsvereins gefeiert.

Termine: In der Berlin-Liga spielt am So, 26. Mai, um 19 Uhr im Mommsenstadion der SC Charlottenburg gegen TuS Makkabi. Im Berliner Pokalfinale treffen einen Tag zuvor, am Sa, 25. Mai, um 10.30 Uhr im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark Viktoria Berlin und TeBe Berlin aufeinander.