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Saisonvorschau Hertha BSC – Angriff auf Europa?

Der Hertha BSC startet diesen Samstag in Bremen in die 58. Bundesligasaison. Nach schlechten Testspielergebnissen und dem Pokal-Aus gegen Braunschweig, ist die Stimmung aber jetzt schon angespannt. Was können wir diese Saison von dem neuerdings so zahlungskräftigen „Big City Club“ erwarten?

Diese Saison soll bei Hertha BSC wieder mehr gejubelt werden. Foto: Imago/Christian Schroedter

Die letzte Saison: Berliner Chaos Club

Langweilig wurde es in der letzte Saison bei Hertha BSC selten. Auf die frühe Entlassung von Trainer Ante Covic folgte die überraschende Verpflichtung von Jürgen Klinsmann als neuer Cheftrainer, der zwar einen Medienrummel auslöste und große, sportliche Ziele formulierte, aber mit seinem Team auf dem Platz weitestgehend erfolglos blieb. Schon nach knapp elf Wochen schmiss er wieder hin, was er allerdings selbst für Vereinsverantwortliche völlig unvermittelt über Facebook verkündete.

Dass wenig später eine Art Tagebuch Klinsmanns veröffentlicht wurde, in dem er sowohl Herthas Spieler als auch Verantwortliche hart anging, stieß den Verein vollends ins Chaos. Bei Hertha „fehlt jegliches Charisma in der Geschäftsleitung“ schrieb der ehemalige Nationaltrainer, deshalb müsse diese „sofort komplett ausgetauscht“ werden. Kein Wunder das Klinsmann auch seinen Job im Aufsichtstrat des Vereins los wurde. Und generell: Mit Facebook hat es die Alte Dame nicht so.

Jürgen Klinsmann bei Hertha BSC auf der Bank.
Jürgen Klinsmann saß bei Hertha BSC nur 11 Wochen auf der Bank, bevor er den Verein abrupt verließ. Foto: Imago / ActionPictures

Denn auch ein Facebook-Live-Video von Kalou, indem er inmitten der Coronapandemie sorglos durch die Vereinsräume lief, dabei so ziemlich alle Hygieneregeln missachtete und sich mit Ibisevic über die Gehaltsabrechnung austauschte („Warum lügen sie uns an?“) trug nicht direkt zu Ruhe im Verein bei. Sportlich stabilisierte sich Hertha unter dem neuen Trainer Bruno Labbadia immerhin, konnte am Saisonende mit sicherem Abstand auf die Abstiegsränge auf Platz zehn der Bundesligatabelle einlaufen.

Der Kader: Individuell stark, aber ohne Führungsspieler?

Seitdem der durchaus umstrittene Investor Lars Windhorst Millionen ohne Ende in den „Big City Club“ pumpt, spielen Ablösesummen für Hertha BSC nur noch eine untergeordnete Rolle. Im letzten Wintertransferfenster hat Hertha mehr Geld für neue Spieler ausgegeben als alle anderen Bundesligavereine. Und auch diesen Sommer hat Hertha einige vielversprechende Spieler in die Hauptstadt geholt. Gerade erst kam der dynamische, robuste Stürmer Jhon Cordoba aus Köln, der seine Torgefahr letzte Saison unter anderem im Olympiastadion eindrucksvoll zur Schau stellte: Bei dem 5:0 Auswärtserfolg der Kölner erzielte er zwei Tore gegen die Hertha und bereitete noch ein weiteres vor.

Jhon Cordoba beim Spiel Hertha BSC - 1.FC Köln
Schwer zu halten: Jhon Cordoba stürmte in der Bundesliga schon für 1.FC Köln und den 1.FSV Mainz. Foto: Imago/Bernd König

Aber auch die anderen Neuzugänge können sich sehen lassen. Neben dem aus Freiburg kommende Torhüter Alexander Schwolow, den die Hertha dem finanziell stark angeschlagenen FC Schalke 04 unter der Nase weggeschnappt hat, stößt der bereits im Winter für eine Rekordablöse von 24 Millionen Euro verpflichtete Lucas Tousart endlich zum Team. Und damit hat es sich wahrscheinlich noch nicht, denn der Club ist noch auf der Such nach einem Spieler für die offensive Außenbahn und das zentrale Mittelfeld.

Zu verschmerzen sind dagegen vor allem die Abgänge von Per Skjelbred, Salomon Kalou und Vedad Ibisevic. Sie hinterlassen weniger eine sportliche, als eine menschliche Lücke. Die drei waren als absolut charakterstarke Führungsspieler bekannt, wer jetzt in ihre Fußstapfen treten soll, ist unklar. Insgesamt verfügt Hertha über einen sehr starken Kader, mit vielen wirklich hochkarätigen Spielern. Allerdings sind die Transferaktivitäten kurz vor Saisonstart noch nicht abgeschlossen und einige Positionen im Team noch nicht besetzt. Deshalb, und weil sich neue Spieler wie Tousart erst einmal einfinden müssen, könnte es eine Weile brauchen, bis die Mannschaft eingespielt ist und harmoniert. 

Das Umfeld: Bleibt es auch bei Misserfolg ruhig ?

Herthas Investor Lars Windhorst kommt bei Union-Fans nicht so gut an. Aber nagut: Wer von Hertha tut das schon ? Foto: Imago/Matthias Koch

Die sportlichen Erwartungen an Hertha BSC sind groß, wurden bei dem 4:5-Pokal-Aus gegen Braunschweig aber schon ein Stück weit enttäuscht. Und weil auch die Saisonvorbereitung nicht wirklich optimal lief, vor allem auch von vielen Testspielniederlagen ohne eigenes Tor begleitet war, ist die Stimmung durchaus angespannt. Lars Windhorst aber zeigt sich weiterhin zahlungswillig: Auf die 224 Millionen Euro, die er bereits in die Alte Dame investiert hat, sollen bis zum Herbst weitere rund 150 Millionen folgen. Das führt in eine Abhängigkeit von dem Unternehmer, der bereits zwei Mal Pleite ging. Und mit dem vielen Geld und den sportlichen Ambitionen, kommt auch ein gewaltigeres Medienecho auf den Verein zu, der bisher eher weniger im Fokus überregionaler Medien stand.

Unsere Prognose: Bei Hertha BSC kann etwas Großes Entstehen

Wie lange brauchen neue Spieler wie Lucas Tousart um sich bei Hertha BSC einzufinden ? Foto: Imago/MIS

Wenn die Mannschaft gut zusammenwächst, kann sie diese Saison einiges erreichen. Allerdings könnte dies einige Zeit in Anspruch nehmen, denn die Kaderplanung ist noch nicht abgeschlossen und viele neue Spieler müssen sich erst einmal in den Strukturen integrieren. Indivduell sind die Spieler jedoch so stark, dass hier ein wirklich starkes Team entstehen kann. Ein Team, dass locker auch um Europa mitspielen kann.

Eine wichtige Frage wird sein, ob es auch bei einem misslungenen Saison-Start ruhig bleibt. Oder ob die Verantwortlichen dann, auch aufgrund medialen Drucks, die Nerven verlieren. Aber: Eigentlich wollen alle Beteiligten eine Chaos-Saison wie im letzten Jahr vermeiden und wünschen sich Kontinuität. Hoffen wir mal, dass es klappt – und wir im Winter nicht Labbadias Tagebücher in der „Bild“ lesen können.


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