Schinkel Pavillon

Louise Bourgeois: The Empty House

Spinnen, Zellen, Schmerz: Louise Bourgeois hat Rollen- und Körperbilder radikal hinterfragt

The Easton Foundation/VG Bild-Kunst, Photo: Andrea Rossetti

Warnung: Für Besucher mit ernsthafter Arachnophobie ist diese spektakuläre Versammlung von Werken der Künstlerin Louise Bourgeois (1911 – 2010) nicht wirklich geeignet. Schließlich ist die Spinne eines der zentralen Motive im Werk dieser mutigen Avantgardistin, die von der großen Kunstwelt vergleichsweise spät entdeckt wurde und inzwischen als feministische Pionierin der Installationskunst allgemein anerkannt ist. Und auch darüber hinaus könnten Teile der Ausstellung „The Empty House“ im kleinen, feinen Schinkelpavillon empfindsame Besucher zutiefst verunsichern. Denn trotz der poetischen, bisweilen nahezu hermetischen Verrätselung wird in all den Vitrinen, Skulpturen und Aquarellen deutlich, dass die Welt ein Ort voller Schmerz und Ängste sein kann.

Verstärkt werden die ohnehin verstörenden Werke, die von einer schwierigen Kindheit und Jugend inspiriert wurden und gesellschaftlich zugeschriebene Rollenerwartungen und Körperbilder radikal hinterfragen, durch eine größtenteils unterirdisch gelegene Präsentation. Diese schließt abseitige Funktionsräume mit ein, deren ungeschönter Zustand an das Berlin der frühen Neunziger mit seinen illegalen Kellerclubs erinnert und einen angemessenen Rahmen für eine Kunst schafft, die ihre bahnbrechende Kraft aus der Thematisierung des Verworfenen gewinnt: Hier haben sogar die Wände Wunden, Kabel führen ins Nichts, es riecht nach Wasserschaden und unansehnliche Gebrauchsspuren wurden einfach so belassen. Welche Verstrickungen und nun ans Tageslicht zu bringende, aber niemals lösbare Konflikte das Leben der Louise Bourgeois geprägt haben, zeigt dann oberirdisch auf bewegende Weise eine ihrer insgesamt sechzig „Zellen“, die nach Aussagen der Künstlerin die „verschiedenen Arten von Schmerz“ repräsentieren: „physischen, emotionalen, psychologischen, geistigen und intellektuellen Schmerz“.

In einem ovalen Metallkäfig versammelte die Künstlerin sowohl zarte Stoffe als auch schwere, rostige Rasselketten, dazwischen hängen kleine, mehr oder minder anthropomorphe schwarze Figuren kopfüber von der Decke und erinnern an flugunfähige Fledermäuse. Wen oder was übrigens die teils monströs großen Spinnen in ihrem Werk darstellen sollen? Nun ja: Jemanden, der nicht nur von Berufs wegen als Restaurateurin von Teppichen, sondern auch im familiären Kontext beständig mit der immerwährenden Reparatur von Schäden an einem fragilen Gewebe befasst war – ihre Mutter.

Louise Bourgeois: The Empty House Schinkel Pavillon, Oberwallstraße 1, Mitte, Do–So 12–18 Uhr und n.V., bis 29.7.

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