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TV-Dokumentation

„Loveparade – Als die Liebe tanzen lernte“ blickt auf die Geschichte des Berliner Raver-Umzugs zurück

Peter Scholl dokumentiert die Geschichte der Loveparade und erzählt in seiner TV-Dokumentation wie aus Liebe, Techno und einem Berliner Sommer eines der größten Pop-Phänomene der Gegenwart werden konnte.

Techno-Wagen vor der Gedächtniskirche auf der Loveparade 1992.
Techno-Wagen vor der Gedächtniskirche auf der Loveparade 1992. Foto: Imago/Günter Schneider

Man kann es sich kaum noch vorstellen. Doch dann sieht man die Bilder wieder, sieht die wogenden Massen, sieht die Menschen, die „Wow“ sagen und „Geil!“, sieht wippende Busen, zuckende Körper, Schweiß auf nackter Haut und eine irgendwie deplatziert wirkende Jungreporterin namens Anne Will, die hochrechnet, dass sich demnächst, wenn das so weitergeht, die gesamte Weltbevölkerung in Berlin versammeln wird, um zusammen die ravende Weltrevolution zu ihrem Ende zu bringen.

Man sieht diese Bilder vom Ende der 90er-Jahre, als mehr als eine Million Menschen einmal im Jahr Berlin in die Welthauptstadt von Friede, Freude und Eierkuchen verwandelten, und man erinnert sich, wie selbstverständlich und zugleich wahnsinnig dieser Ausnahme­zustand war, und wie sich Berlin verändert hat durch diesen Aufmarsch der Feiersüchtigen und wie diese Stadt auch heute noch geprägt ist von der Loveparade.

„Loveparade – Als die Liebe tanzen lernte“ gibt vor allem den euphorischen Gründerjahren Platz

Wie es dazu kommen konnte, das zeichnet Peter Scholl in einer Dokumentation für den rbb nach. „Loveparade – Als die Liebe tanzen lernte“ gibt vor allem den euphorischen Gründerjahren Platz, als eine Schnapsidee von DJ Dr. Motte sich zuerst zur getanzten Utopie, dann zum „Soundtrack einer Generation“ (WestBam) und schließlich zum nach allen Regeln des Kapitalismus verwerteten Mainstream-Phänomen entwickelte.

Neues Image der Stadt

Von nicht einmal hundert Feiernden, die am 1. Juli 1989 über den Ku‘damm zogen, wuchs die Loveparade in wenigen Jahren zu einem Massenevent mit bis zu 1,5 Millionen Besuchern, die die Straße des 17. Juni entlangzogen. Ein weltweit beachtetes Ereignis, das über Stunden im Fernsehen übertragen wurde und der Stadt ein grundsätzlich ­neues Image verschaffte, aber auch den Tiergarten in eine Freilufttoilette verwandelte und als Müllhalde zurückließ.

Aus diesen von einer auch im Rückblick noch erstaunlichen Aufbruchstimmung geprägten Anfangstagen lässt der Film ausschließlich jene erzählen, die damals dabei waren: Motte natürlich und seine damalige Lebensgefährtin Danielle de Picciotto, die zusammen die Parade auf den Weg brachten. Techno-DJ-Pioniere wie Wolle XDP oder Der Würfler, Macher wie „Frontpage“-Herausgeber Jürgen Laarmann und Party-Organisator Armin Mostoffi Kamari.

Fest der Liebe und Riesenrave an der Siegessäule. Die Loveparade auf dem Höhepunkt ihrer Popularität.
Riesenrave an der Siegessäule. Die Loveparade auf dem Höhepunkt ihrer Popularität. Foto: Imago/Andreas Beil

Und natürlich Maximilian Lenz alias WestBam, der nicht nur freimütig die von ihm entscheidend mitangeschobene Kommerzialisierung der Loveparade zugibt, sondern in seiner unnachahmlichen Art auch noch ebenso schnoddrig wie schlüssig erklärt, warum der durchschlagende Erfolg der Loveparade ohne den Mauerfall und die nach Freiheit dürstenden Kids aus der untergegangenen DDR nicht möglich gewesen wäre: „Da ging es eben nicht wie bei den Jungen Pionieren darum, wo stehst du, Genosse? Sondern: Ich stehe auf der Tanzfläche und ich drehe durch.“

Die Welt retten?

Durchgedreht sind damals viele, durchgedreht war – vor allem in der Retrospektive betrachtet – die ganze Veranstaltung. Die Verwunderung, wie ein paar verstrahlte Nachtgestalten eine weltweite Jugend­bewegung initiieren konnten, die allen Ernstes glaubte, die Welt retten zu können, all das erzählt der Film sehr überzeugend.

Aber kritteln lässt sich natürlich immer: Einzelne prägende Figuren werden nicht gewürdigt, die herausragende Rolle der Drogen in ­dieser Revolution bleibt eher unterbelichtet, und nachgerade oberflächlich abgehandelt ­werden die Jahre, als der Loveparade der Demonstrationsstatus aberkannt wurde und sie Berlin verließ, kulminierend in der ­Katastrophe von Duisburg.

Mit den 21 Toten fand die Loveparade vor genau zehn Jahren ihr endgültiges, unrühmliches Ende. Anlässlich des Jahrestags hätte man sicherlich mehr darüber nachdenken können, welches kulturelle Erbe die Loveparade hinterlassen und auch wie sie Berlin auf lange Sicht verändert hat. Andererseits: Das wäre dann wieder Stoff für einen weiteren, ganz anderen Film. Dieser Film erzählt eine Erfolgsgeschichte – und das völlig zu Recht, denn die Loveparade war eine grandiose Erfolgsgeschichte. Eine, die man sich heute kaum noch vorstellen kann.

Loveparade – Als die Liebe tanzen lernte Mi 15.7.2020, 22.45 Uhr, ARD, Sa 18.72020 20.15 Uhr, rbb


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