Theater und Bühne in Berlin

Lucinda Childs: Weltstar der Avantgarde

Die Choreografen-Legende Lucinda Childs, New Yorker Weltstar der Avantgarde, eröffnet mit einem Remake ihres Minimalismus-Klassikers Dance den Tanz im August.

Lucinda-Childs_Peggy-KaplanAls die amerikanische Choreografin Lucinda Childs vor zehn Jahren ihre Lucinda Childs Dance Company auflöste, war sie davon überzeugt, dass das Ende ist. Childs war damals 61 Jahre und eine Ikone der Tanz-Avantgarde. Childs hat 1976 gemeinsam mit Robert Wilson und dem Komponisten Philipp Glass an „Einstein on the Beach“ auf die Bühne gebracht, einer der wichtigsten Operninszenierungen und Theaterneuschöpfungen des 20. Jahrhunderts. Drei Jahre später, 1979, definierte Childs, wieder zu Musik von Philip Glass, den Formenkanon des Minimal Dance. Mit einem Stück, dass sie, der Dimension der Sache angemessen, schlicht und prägnant „Dance“ nannte. „Strenge und Einheit der Formen herrschen über jede Arbeit der Choreografin Lucinda Childs“, schrieb Ivan Nagel, schwer fasziniert, über ihre Kunst: „Allein ein innerer Widerspruch und Stachel verhindert, dass sie blass und leer wirken; Purismus schlägt in kalt entfesselte Energie um. Abstraktion in nicht nur gegenstandslose, sondern sujet- und ausdruckstilgende Wut, Besessenheit.“ 

Seit 1963 war die Tänzerin und Choreografin, gemeinsam mit anderen Tänzern wie Trisha Brown oder Yvonne Rainer, die zu Ikonen des neuen Tanzes werden sollten, Mitglied des Judson Church Theater gewesen, des legendären Gründungsort des amerikanischen Postmodern Dance. Kurz: Vor zehn Jahren war Lucinda Childs eine Künstlerin mit viel Geschichte. Nur allzu viel Zukunft schien ihre Kunst nicht mehr zu haben. In den USA interessierte sich kaum noch jemand mehr für sie.  Nur in Europa hielt man ihren Namen hoch. Jetzt wird die Choreografin mit ihrem zum Klassiker der Avantgarde gewordenen Stück „Dance“ im HAU das Festival Tanz im August eröffnen. Seit zwei Jahren tourt die wieder aktivierte Lucinda Childs Dance Company mit diesem Stück Tanzgeschichte durch die Welt, sogar auch durch die USA. In Frankreich mit seinem gebildeten Tanzpublikum habe man Lucinda Childs immer geschätzt, aber doch nicht in den USA, wunderte sich erst unlängst die „Washington Post“. Aber nun toure „Dance“, diese radikale, intellektuelle Arbeit einer Hohepriesterin des Minimalismus so erfolgreich durch die Staaten, als wäre es eine Broadway-Road-Show.

Warum dieses Revival jetzt so ungemein erfolgreich ist, weiß auch Lucinda Childs selbst nicht so genau. „Aber ich genieße es“, sagt sie mit ihrer vornehm-heiteren, ein wenig ironisch klingenden Stimme bei unserem Telefongespräch. Und dass die elf Tänzer ihrer neuen Company, die meisten waren nicht einmal geboren, als „Dance“ vor 32 Jahren entstand, immer besser werden würden. Auch wenn es so aussieht, leicht ist es nicht, was sie in „Dance“ leisten müssen. Wie die Minimal-Musik von Philip Glass besteht auch die Choreografie von Lucinda Childs aus einem Geflecht pulsierender, sich ständig wiederholender, dabei aber unmerklich verschiebender Bewegungsmuster. Ein unendliches, temporeiches, synchrones Drehen und Springen in Reihen und Diagonalen. Verdoppelt durch Gazewand, auf die ein Schwarz-Weiß-Film des Konzeptkünstlers Sol DeWitt projiziert wird. Zeitgleich, frei schwebend und surreal, sieht man im Film den gleichen Tanz wie auf der Bühne. Damals begegneten die Tänzer tanzend ihren eigenen filmischen Alter Egos. Heute begegnen sie in dem digital aufbereiteten Film den historisch gewordenen Vorgängern von 1979, darunter auch Lucinda Childs selbst.

Davon, dass sie nach „Dance“ noch weitere ihrer früheren Stücke aufnehmen wird, ist Childs inzwischen fest überzeugt. Im Frühjahr 2012 folgt erst einmal als nächstes großes Revival-Werk die Wiederaufnahme der fünfstündigen Oper „Einstein on the Beach“. 2008 haben sich die Recken von einst, Robert Wilson, Philipp Glass und Lucinda Childs, in Wilsons Watermill Center bei New York getroffen und dort das große „Einstein“-Comeback besiegelt. Die Wiederaufbereitung von „Dance“ zum 30-jährigen Bühnenjubiläum war da bereits in Arbeit. Bevor Robert Wilson sie Mitte der 70er Jahre fragte, ob sie nicht an der Uraufführung einer Glass-Oper mitwirken wolle, sagt Lucinda Childs, habe sie nie zu Musik getanzt. Es gab in der Frühphase ihres Schaffens Soli, in denen sie, wie in „Carnation“, Haushaltsgegenstände wie Fritteuse, Schwämme und Eimer benutzte und absurd und durchaus komisch zweckentfremdete. In „Geranium“ machte sie Rundfunkübertragung eines Football-Spiels zur akustischen Folie ihres Stücks. Es folgten ab den frühern 70er Jahren kurze Arbeiten mit bereits sich wiederholenden Bewegungsphrasen aus Gehen, Laufen und Drehungen mit kleinsten, zeitlich-räumlichen Verschiebungen.

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