500 Jahre Reformation

„Luther und die Avantgarde“ in Wittenberg und Berlin

Luther hat die Welt verändert. Doch was hat er als Avantgardist den Gegenwartskünstlern zu sagen? Die Ausstellung „Luther und die Avantgarde“ geht dieser Frage mit Werken 69 internationaler Künstlerinnen und Künstler nach – in Wittenberg, Berlin und Kassel

Julian Rosefeldt: Asylum, 2001-2002. (c) artist/ VG Bild-Kunst, Bonn

Wer durch den historischen Stadtkern der Lutherstadt Wittenberg spaziert, vorbei an Angeboten wie Luther-Quietsche-Entchen, Lutherbüsten, Lutherlikör und den üblichen Devotionalien der Neuzeit, bemerkt schnell, wie viel dort in den vergangenen drei Jahren renoviert und erneuert wurde. In diesem Zentrum der Reformationsbewegung gehören vier der historischen Gebäude zum Unesco-Welterbe.
500 Jahre nachdem Martin Luther in Wittenberg seine 95 Thesen gegen „die Kraft der Ablässe“ der katholischen Kirche veröffentlichte, die zur Reformationsbewegung führten, finden zum Jubiläumsjahr zahlreiche Veranstaltungen an den Wirkstätten Luthers statt. Aber eine Kunstausstellung mit Arbeiten von 69 zum Großteil prominenten internationalen Künstlerinnen und Künstlern in Wittenberg, Kassel und Berlin ist schon etwas Besonderes. Luther hat in seiner Zeit Themen wie die Integrationsproblematik und den Freiheitsbegriff diskutiert, die im 21. Jahrhundert wieder oder noch aktuell sind. „Wenn Luther in soziokultureller Hinsicht ein Avantgardist war, wie reagieren heute darauf die Künstler? Welchen Wirkungsanspruch haben sie?“, fragte sich Walter Smerling, Sprecher des sechsköpfigen Kuratorenteams und Vorsitzender der Stiftung Kunst und Kultur in Bonn, die in Kooperation mit dem Reformationsjubiläum e.V. die Ausstellung veranstaltet. „Es geht nicht um das Porträt von Luther, es geht um die Haltung der Künstler heute“, betont Smerling. 66 Künstlerinnen und Künstler stellen im 1906 errichteten Gefängnis Wittenbergs aus. Die seit 50 Jahren leer stehenden Zellen, die ihre atmosphärische Wucht durch düstere Wände mit bröckelndem Putz und blätterndem Anstrich noch immer bewahrt haben, feuerten viele der Beteiligten in ihrer Kreativität noch an. Um die 40 Arbeiten sind eigens für diese Ausstellung entstanden.

Gleich im Treppenhaus führen uns filigrane chinesische Zeichen an den Wänden vom Keller bis ins oberste Stockwerk. Es sind traditionelle Schriftzeichen, die in den 1950er-Jahren in China von der Staatsmacht aus dem Verkehr gezogen wurden. Die 1979 in Peking geborene Künstlerin Jia beschäftigt sich mit Sprache als identitätsstiftendem Element. Mit ihren zarten Symbolen, diesen uralten, historischen Zeichen, verweist die Künstlerin auf die Veränderung, Kanalisierung und Unterdrückung von Kommunikation.

In den Zellen, Gängen und Gemeinschaftsräumen nehmen viele der Künstler direkt Bezug auf diesen Ort des Eingesperrtseins, spielen mit den Assoziationen Flucht, Freiheit und Verboten. In einer etwa sieben Quadratmeter großen Zelle stehen links und rechts jeweils ein Betonblock mit einander zugewandten Aushöhlungen. Dazwischen bleibt gerade genug Platz, um sich hindurchzuzwängen und zum winzigen Fenster zu gelangen. Im Vorbeigehen sind die eingemeißelten Bilder kaum zu erkennen, erst vom Fenster aus ist die Silhouette eines asiatischen Männerprofils auszumachen. Ai Wei Wei, der sich in diesem alten Gefängnis an seine eigene Inhaftierung 2011 erinnert, gelingt es, dieses klaustrophobische Erlebnis durch seine in Beton eingeschlossene Gestalt eindringlich zu materialisieren.

Auch Günther Uecker greift mit seiner Arbeit auf eine traumatische Erinnerung zurück. Er hatte als Kind miterleben müssen, wie an der Ostseeküste Schiffe voller flüchtiger Häftlinge bombardiert und die Leichen an Land gespült worden waren. „Ungefähr an den Orten, wo sie wahrscheinlich verscharrt wurden, habe ich weiße Tücher aufgespannt und mit weißer Farbe und Kreide bemalt, als letzte Handlung eines unerklärbaren Empfindens“, sagt Uecker, der dieses erschütternde Erlebnis mit seinem Mahnmal zur aktuellen  Flüchtlingssituation in Bezug setzt.

Auch wenn das Kuratorenteam keinen direkten Bezug zu Luther und seinem Wirken erwartete, so beschäftigt sich doch ein großer Teil der Arbeiten mit Religion und Fanatismus, Demagogie und Widerstand, Toleranz und den medialen Veränderungen, die ja auch zu Luthers Zeit durch die Buchdruckerfindung stattgefunden haben. Die Arbeiten umfassen eine Bandbreite künstlerischer Positionen, die vom konventionellen Denkmal für Martin Luther (Markus Lüpertz) über diverse gesellschaftliche Themen bis zum Bezug auf sich selbst (Jonathan Meese) reichen.

Im Erdgeschoss stellt Ulrike Kuschel ihre Lutherbilder in Form traditioneller Figurengedichte aus. Kuschel, Jahrgang 1972, kann sich dunkel an die 500-Jahrfeier 1983 zum Geburtstag Martin Luthers erinnern und wunderte sich über diese Verehrung des Reformators durch die DDR-Führungsriege, die doch eigentlich Thomas Münzer als Helden gefeiert hatte. Ihr Thema ist die politische Vereinnahmung der Person Luther, die verschiedenen Wahrnehmungen des Reformators im Laufe der Jahrhunderte. Die Texte können nicht ohne Mühe gelesen werden, und so findet nur derjenige die ideologischen Spitzfindigkeiten, der sich mit körperlichem Einsatz in die Worte, die diese Figuren bilden, hineinbegibt und das Gewand aus Glaubensbekenntnissen erforscht.

In der Berliner Matthäus-Kirche und der Karlskirche in Kassel finden zwei Satelliten-Ausstellungen statt, beides Gotteshäuser, die sich schon lange für die zeitgenössische religionskritische Kunst geöffnet haben. In der Matthäus-Kirche zeigt das Künstlerduo Gilbert & George seine Sündenbockbilder, während Thomas Kilpper mit „Leuchtturm für Lampedusa!“ und Shilpa Gupta mit „I Keep Falling at You“ die Karlskirche bespiele.

Luther und die Avantgarde Altes Gefängnis, Lutherstadt Wittenberg, Berliner Str., 19.5.–17.9., tgl. 10–19 Uhr, Eintritt 7/ erm. 5 €

Matthäus-Kirche Berlin-Tiergarten, Matthäikirchplatz, 20.5.–17.9., Di–So 11–18 Uhr, Eintritt frei
Karlskirche, Kassel, Karlsplatz, 22.5.–17.9., Mo–Sa 10–20 Uhr, Eintritt frei

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