Berlinale

Maike Mia Höhne, Kuratorin der Berlinale Shorts, im Interview

Die Berlinale ist ein gigantisches Filmfestival, im Zentrum steht natürlich der Wettbewerb, dann Folgen Panorama und das Forum, die anderen Sektionen können da schnell ins Abseits rücken. Etwa das Kurzfilmprogramm Berlinale Shorts. Wir sprachen mit der Kuratorin Maike Mia Höhne über die thematische Bandbreite der Produktionen, die Juryarbeit und die Schwierigkeiten des kurzen Genres, sich gegen Langfilme durchzusetzen

Maike Mia Höhne

tip Weshalb sollte man sich die Berlinale Shorts in diesem Jahr anschauen?
Maike Mia Höhne Die Berlinale Shorts sind von einer starken Dringlichkeit der Filmemacherinnen und Filmemacher geprägt. Da die Produktion eines Kurzfilms meist deutlich weniger Zeit in Anspruch nimmt, sind die Themen in der Regel sehr aktuell und unmittelbar. Unsere Auswahl ist international und divers. Es geht um das erste Mal. Wir haben viele erste Male. In Onde o Verão Vai (episódios da juventude) inszeniert der portugiesische Regisseur David Pinheiro Vicente einen queeren Auszug aus dem Paradies und stellt somit die Frage nach dem Anfang neu. Erstmals läuft mit der Koproduktion Imfura von Samuel Ishimwe ein Film aus Ruanda im Wettbewerb. In City of Tales von Arash Nassiri erklingt eine Polyphonie persischer Mundarten und Los Angeles wird zu Teheran. In den Berlinale Shorts präsentiert sich die ganze Welt in aller Kürze mit geballter Kraft. Wir haben schöne, poetische Bilder, die uns schwelgen lassen ­– aber auch heftigen Tobak, der eine große Bandbreite an harten Realitäten, abbildet. Jayisha Patel zeigt in ihrem Dokumentarfilm Circle die Familie als Keimzelle für den Frauenhandel – wichtig, dass wir über diese Themen sprechen! Es sind die Selbstermächtigungsstrategien, die den roten Faden bilden. Und die spiegeln sich nicht nur bei den Shorts, sondern ziehen sich durch das Programm der Berlinale hindurch. Es geht um Visionen und alternative Versionen des Status Quo.

tip Wie sah Ihre Vorbereitung aus, vermutlich mussten Sie sich hunderte von Einsendungen ansehen?
Maike Mia Höhne Durch die immer größer werdende Zahl der Einreichungen in den letzten Jahren hat sich zur 68. Berlinale auch das Gremium der Berlinale Shorts erweitert, denn wir möchten die Vielfältigkeit der Perspektiven maximal ausschöpfen. Alejo Franzetti, Anna Henckel-Donnersmarck, Egbert Hörmann, Maria Morata, Saskia Walker, Simone Späni und Wilhelm Faber haben mich hier mit ihrer Expertise unterstützt. Gesichtet wird bei uns immer von mindestens zwei Personen, bevor die Filme, die es auf die Warteliste geschafft haben, in großer Runde vom gesamten Gremium besprochen werden. Und wie im Leben abseits des Berlinale-Trubels auch, prallen unterschiedliche Ansichten gerne mal aufeinander und es herrscht nicht immer Einigkeit. Es wird heiß diskutiert.

Bilder

tip Gibt es besondere Schwerpunkte im Berlinale Shorts Programm?
Maike Mia Höhne Die Gesamtheit der Auswahl erzählt von der großen Bandbreite der Sehnsüchte, die uns umgeben und leiten, von den Fragen, denen wir uns gesellschaftlich stellen müssen. In Russa erzählt das Regieduo João Salaviza und Ricardo Alves Jr. von den Folgen der Unmenschlichkeit der Immobilienbranche, dem Goldrausch des 21. Jahrhunderts. Was bedeutet es, wenn Menschen erneut und erneut aus ihrem Umfeld vertrieben werden, um denen Platz zu machen, die gesellschaftlich die Macht haben? In Alma Bandida von Marco Antônio Pereira sucht ein junger Mann in einer Grube nach Edelsteinen. Diese Kostbarkeiten sind Synonyme für ein anderes Leben – anders als jenes, das er am Rande des Urwaldes in Brasilien führt. Gleich zwei Filme konzentrieren sich auf die Lebensumstände von Tieren und interessanterweise sind beide, sowohl Le Tigre de Tasmanie von Vergine Keaton als auch Blau von David Jansen, Animationsfilme. Neben dem internationalen Wettbewerb präsentieren wir auch ein Sonderprogramm mit Kurzfilmen zu 1968. Valie Export, Claudia von Alemann, Ula Stöckl, Peter Nestler, Wilhelm und Birgit Hein und andere haben zeitlose Kunstwerke geschaffen.

tip Kurzfilme sind ja nach wie vor eine Nische. Ist es eigentlich schwer, sich gegen die Langfilme im Wettbewerb, Forum und Panorama durchzusetzen?
Maike Mia Höhne Kurzfilm ist das Barometer für das, was kommt. Die kurze Form ist ein großartiger Möglichkeitsraum und die Berlinale ist für die weltweite Kurz- und Langfilmszene ein Impulsgeber und ein Sprungbrett von enormer Tragweite. Die Vergabe des Goldenen Bären für den Besten Kurzfilm hat für die internationale Öffentlichkeit schon einen ganz besonderen Stellenwert. Grundsätzlich muss ich an dieser Stelle sagen: Wir, die Programmerinnen und Programmer der verschiedenen Sektionen, begreifen einander nicht als Konkurrenz – im Gegenteil: wir sind im Austausch und empfehlen einander auch Werke. Wir möchten einander und das Publikum gemeinsam maximal bereichern und inspirieren.

tip Wird es neben den Shorts auch ein Rahmenprogramm mit Gesprächen und Partys geben?
Maike Mia Höhne Generell findet immer Montags bis Freitags im Anschluss an die 16:00 Filmvorführungen der Berlinale Shorts ein Artist Talk mit den anwesenden Regisseurinnen und Regisseuren statt und vieles mehr. Gefeiert bis in die Puppen wird am 22. Februar im Säälchen bei unserer Sektionsparty und wir freuen uns sehr auf verschiedene Wortveranstaltungen, wie beispielsweise am 22. Februar „Notes on Cinema #68“ in der Botschaft von Kanada: Eine Diskussion über die Langlebigkeit und Sichtbarkeit von Filmen im Netz und in Archiven. Wie können wir den Filmkanon erweitern? Wie können wir Zugriff erhalten auf Filme, die nicht mehr sichtbar sind? Bietet die Digitalisierung eine Möglichkeit, Filme (wieder) zu entdecken, die verloren oder übersehen wurden? Außerdem screenen wir dort u.a. die Kurzfilme Le Tigre de Tasmanie von Vergine Keaton und Circle von Jayisha Patel. Spannend wird auch „In Conversation With Karam Ghossein“ in der Audi Lounge am 18. Februar. Dort unterhalte ich mich mit dem letztjährigen Gewinner des Audi Short Film Awards. Sein Film „Street Of Death“ war sehr beeindruckend. Es ist immer interessant zu sehen, was nun innerhalb eines Jahres bei den Filmemacherinnen und Filmemachern passiert ist.

tip Haben Sie einen absoluten Lieblingsfilm bzw. einen, der Sie am meisten beeindruckt hat, den Sie empfehlen würden?
Maike Mia Höhne Meine eigenen sechs Wettbewerbs-Programme liebe ich alle gleichermaßen. Da gibt es keine Hierarchie. Wer für sein Wirken einen Bären erhält – das wird unsere Internationale Kurzfilm Jury entscheiden. Diese Entscheidung liegt glücklicherweise nicht bei mir! Allerdings kann ich sehr gerne eine Empfehlung außerhalb meiner eigenen Sektion aussprechen: Forum Expanded – kuratiert von meiner sehr geschätzten Kollegin Stefanie Schulte Strathaus! Bereits am 14. Februar eröffnet ihre Ausstellung in der Akademie der Künste. Das würde ich mir auf keinen Fall entgehen lassen.

Das Programm der Berlinale Shorts finden Sie hier

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