Urbane Mobilität

Man kann Glück erradeln

Amsterdam gilt als Fahrradhauptstadt der Welt. Doch auf dem Weg zur menschenfreundlichen Metropole war auch dort das Fahrrad, sagt der „Fietsprofessor“ Marco te Brömmelstroet, nicht Selbstzweck, sondern die Antwort auf die alles entscheidende Frage, die sich auch Berlin stellen muss: Wie wollen wir leben?

Foto: Franklin Heijnen/Flickr/CC BY-SA 2.0

Amsterdam gilt als Fahrradhauptstadt der Welt: Auf den Straßen der niederländischen Hauptstadt ist das Fahrrad – zumindest in der Innenstadt – König und das Auto nur mehr Gast. Autos fahren defensiv, bei Unfällen mit Fahrrädern bekommen sie so gut wie immer die Schuld, die Ampelschaltungen sind auf Fahrradgeschwindigkeit ausgelegt. Umgekehrt aber fließt der Fahrradverkehr unaufgeregt, der typische Berliner Kampfradler ist in Amsterdam geächtet. Dass das „fiets“ hier kein Statussymbol, sondern profanes Fortbewegungsmittel im Alltag ist, sieht man schon an den Rädern: Der Amsterdamer fährt nahezu ausnahmslos heruntergekommene Möhren ohne Gangschaltung, selbst eine Lichtanlage fehlt meistens, absolut niemand trägt Helm.

Eine vollkommen andere Kultur, die nicht so selbstverständlich ist, wie sogar die Niederländer glauben. Nach dem zweiten Weltkrieg und mit wachsendem Wohlstand begann in den Niederlanden – wie überall in Europa – das Auto das Kommando auf der Straße zu übernehmen, die Infrastruktur wurde autogerecht umgebaut. Doch als die Verkehrstotenzahlen explodierten und in den 1970er-Jahren jährlich 400 Kinder allein in Amsterdam umkamen, gingen die Bürger auf die Straße und protestierten gegen den „Kindermoord“. Erst nach jahrelangen Auseinandersetzungen wurde die Stadt nach und nach zur fahrradfreundlichen Metropole entwickelt, in der nun – so sagen es Studien – glücklichere und gesündere Menschen leben als in Städten, in denen weniger Rad gefahren wird.

Diese Zusammenhänge erforscht Marco te Brömmelstroet. Der studierte Stadtplaner ist Direktor des an der Universität Amsterdam angesiedelten Urban Cycling Institute und twittert als „Fietsprofessor“. Der Fahrradprofessor kommt allerdings, sagt er, kaum noch zum Forschen, weil er ständig Städte beraten muss, die sich ein Beispiel an Amsterdam nehmen wollen. Ungefähr 150 Delegationen haben im vergangenen Jahr die Stadt an der Amstel besucht, um die niederländische Fahrradkultur zu studieren. Sogar der US-amerikanische Verkehrsminister war kürzlich da.

tip Sind 400 tote Kinder nötig, um zur Fahrradhauptstadt der Welt zu werden?
Marco te Brömmelstroet Eine provokante Frage, aber eine gute Frage, weil sie den Kern des Problems berührt.

Marco te Brömmelstroet, Foto: Teska van Overbeeke

tip Was ist der Kern des Problems?
Marco te Brömmelstroet Ich bin jetzt 37 Jahre alt. Seit ich lebe, sind ungefähr 30 Millionen Menschen weltweit im Straßenverkehr umgekommen. Im Vergleich zu solchen Zahlen erscheinen die meisten Diktatoren wie Weicheier. Aber wir akzeptieren diese Zahlen, das ist der Kern des Problems.

tip Und die Lösung ist das Fahrrad?
Marco te Brömmelstroet So einfach ist es nicht. Fahrradfahren ist nicht deshalb interessant, weil es Fahrradfahren ist. Diesen Denkfehler begehen viele Fahrrad-Aktivisten. Das Fahrrad ist aber viel mehr: Nämlich ein einfaches Mittel, um viele verschiedene, teils sehr komplexe Probleme zu lösen. Dabei geht es aber nur scheinbar um technische Fragen, die ständig diskutiert werden und die all die Delegationen aus anderen Städten, die zu uns kommen, beantwortet haben wollen: Welche Farbe soll der Fahrradweg haben? Wo wird er angelegt? Wie wird die Ampel geschaltet? Das sind alles langweilige technische Details, das Spannende aber sind die politischen Fragen, die dahinter stehen.

tip Welche Fragen sind das?
Marco te Brömmelstroet Welche Art von Stadt wollen wir? Welche Art von Gesellschaft wollen wir? Welches Leben wollen wir leben? Oder eben: Wollen wir uns 400 tote Kinder jedes Jahr leisten? Auch in den Niederlanden haben wir heute noch jedes Jahr 600 Verkehrstote, zehntausende Verletzte und Traumatisierte. Aber wollen wir das? Wollen wir Vereinsamung und Depression? Oder wollen wir Menschen, die interagieren, sich engagieren, die raus gehen auf die Straße und aktiv sind? Schlussendlich lautet die Frage: Wollen wir glücklich sein?

tip Fahrradfahren macht glücklich?
Marco te Brömmelstroet Wir haben nachweisen können, dass Kinder nicht nur glücklicher sind, sondern in der Schule auch bessere Leistungen abliefern, wenn sie nicht mit dem Auto gebracht werden, sondern mit dem Fahrrad oder zu Fuß in die Schule kommen. Das wichtige Ziel ist es nicht, die Menschen aufs Fahrrad, sondern sie aus dem Auto heraus zu bekommen. Dazu muss man an der Infrastruktur arbeiten. Denn das Auto hat Vorteile, Bequemlichkeit und Flexibilität vor allem, mit denen Fahrrad oder ÖVNP allein nicht konkurrieren können – aber sehr wohl, wenn man die beiden zusammen denkt. Metropolen begehen oft den Fehler, das Fahrrad als Alternative zum ÖVNP zu fördern – anstatt die beiden sinnvoll miteinander zu kombinieren. Es muss um intelligente, integrierte Lösungen gehen, ein System, das in den Niederlanden eher zufällig entstanden ist, aber durch seine Synergieeffekte dem Auto erfolgreich Konkurrenz macht. Wenn ich von Amsterdam nach Utrecht will, dann bin ich mit Fahrrad und Bahn viel schneller – und auch noch stressfreier und sicherer unterwegs.

tip Berlin will innerhalb von zehn Jahren zu einer fahrradfreundlichen Stadt werden. Ist das Ziel des Fahrradgesetzes realistisch?
Marco te Brömmelstroet Ja, durchaus. Berlin ist zwar ein Spezialfall, weil es relativ dünn besiedelt ist und die Entfernungen groß sind. Aber grundsätzlich haben alle europäischen Städte, vor allem westeuropäische, gute Voraussetzungen, zu Fahrradstädten zu werden – im Gegensatz zum Beispiel zu den USA, wo in großen Arealen nur noch gewohnt oder nur noch gearbeitet wird. Europäische Städte sind noch vermischter, hier gibt es ein großes Potential, das in dem Moment, in dem man eine gute Infrastruktur baut, abgerufen wird. Wenn man es richtig macht, kann es massiven Wandel in kurzer Zeit geben, denn es gibt einen großen Bedarf: Die Menschen steigen sehr gern aufs Fahrrad um, sobald sie merken, dass es sicher und sinnvoll ist. Dafür hat Berlin alle Voraussetzungen, schon weil es fast so flach ist wie die Niederlande – und auch noch weniger windig.

tip Und Berlin hat außerdem noch breitere Straßen als Amsterdam, also genug Platz, um Fahrradwege anzulegen…
Marco te Brömmelstroet Ein interessanter Aspekt. Ja, es gibt in Berlin mehr Platz für Infrastruktur. Aber wenn man die Menschen aus dem Auto rauskriegen will, dann muss man dem Auto Platz wegnehmen. Ich war kürzlich in Australien, dort versuchen sowohl Perth als auch Sydney fahrradfreundlicher zu werden. Beide haben vollkommen verschiedene Voraussetzungen: Perth ist eine einzige große Vorstadt mit viel Platz, Sydney dagegen ist eng und dicht besiedelt. In Perth bauen sie mit viel Geld ein Radwegenetz parallel zu den Straßen – das passiert ohne großen Widerstand. In Sydney aber wird Straße für Straße wieder neu um den Platz gekämpft, den das Fahrrad bekommen soll und der dem Auto weggenommen wird. Trotzdem glaube ich, dass Sydney auf lange Sicht mehr Erfolg beim Umbau zu einer menschenfreundlicheren Stadt haben wird. Also: Um Menschen aus dem Auto raus zu kriegen, können breitere Straßen sogar kontraproduktiv sein.

tip In Deutschland haben wir zudem ein kulturelles Problem: Der Deutsche liebt sein Auto und will freie Fahrt für freie Bürger.
Marco te Brömmelstroet Das ist ein Problem, aber vor allem für Politiker und Institutionen, weil das Auto so wichtig für die deutsche Wirtschaft ist, weil die Auto-Lobby so stark ist. Sicherlich hilft es, wenn man wie die Niederlande oder Dänemark nie eine nennenswerte Automobilindustrie hatte, sondern stattdessen Blumen und Käse produziert. Aber es ist ja nicht so, als hätten wir Niederländer keine Autos und würden sie nicht lieben. In großen Teilen des Landes geht nichts ohne Auto, und man muss nur mal rausfahren aus Amsterdam, um die breitesten Autobahnen von ganz Europa zu bestaunen. Die A2 nach Utrecht hat 17 Spuren.

tip Es braucht einen kulturellen Wandel?
Marco te Brömmelstroet Ja. Es gibt Traditionen und eine Kultur, die sich nicht einfach über Nacht verändert. Aber sie kann sich verändern, sie verändert sich schon jetzt. Dazu aber müssen wir anders über Mobi­lität sprechen: Dass Straßen nicht nur dazu da sind, möglichst schnell von A nach B zu kommen und dabei mit einem dicken Auto anzugeben. Sondern dass Straßen öffentlicher Raum sind, der wiederbelebt werden kann.

Marco te Brömmelstroet twittert als „Fietsprofessor“ und leitet das Urban Cycling Institute

 

Die Berliner Fahrradrevolution

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