Kultur & Freizeit in Berlin

Marion Kiesow über Clärchens Ballhaus

Zum hundertjährigen Jubiläum von Clärchens Ballhaus hat die Grafikdesig­nerin und leidenschaft­liche Ballhausbesucherin Marion Kiesow die bewegte Geschichte des Hauses in einem Buch zusammengetragen

Marion_Kiesow_DavidvonBeckerFrau Kiesow, was ist Ihre erste Erinnerung an Clärchens Ballhaus?  
Marion Kiesow Das war ein Erlebnis der besonderen Art im Jahr 2006. Ich kam in Begleitung einer Freundin und wir wurden von dem Garderobier gefragt, ob „die Damen erwartet“ würden. Es wurde einem die Tür aufgehalten und man wurde zum Platz ge­leitet. Das hatte etwas angenehm Altmodisches, ohne altbacken zu sein. Die Tanz­fläche war noch leer, der Saal war quasi in Erwartung und ich fühlte mich plötzlich wie in einer anderen Welt.

Macht das den Flair von Clärchens Ballhaus aus?  
Ja, es ist, als ob es einen Abstreifer an der Tür gibt. Der Alltag bleibt sofort draußen. Ich glaube, das geht allen Leuten so, die hierherkommen. Dass man sich an einem Ort versammelt, wo alles andere unwichtig ist und man nur im gegenwärtigen Augenblick tanzt. Da finden sich dieselben Seelen zusammen.

Im Buch geht es nicht nur um Clärchen. Wie sind Idee und Konzept zu dem Buch entstanden?  
Die Idee kam, als ich mir das Mobiliar angeschaut und überlegt habe, wer auf diesen Tischen schon sein Glas abgestellt und wer auf diesen Stühlen schon gesessen hat. Die Vorstellung, in die anderen Jahrzehnte gucken zu können, hat mich bewegt. Gesellschaftliche Gepflogenheiten, politische Verhältnisse, die Mode und die Musik ändern sich, dieser Wandel zieht sich durch alle Jahrzehnte und damit auch durch das Buch. Es war teilweise wie ein Puzzle, an dem ich fast vier Jahre, mehr oder weniger durchgängig, gearbeitet habe.

Sie sprechen von Clärchens Ballhaus als transzendentalem Ort, was ist damit gemeint?  
In dem Haus tanzen Paare aus der heutigen Zeit auf einem Boden, der fast so alt ist wie das Haus selbst. Die Wandtäfelung und das Mobiliar sind noch original erhalten. In diesem Raum mischen sich die Ebenen von Gegenwart und Vergangenheit. Das ist das richtige Ambiente für eine gedankliche Zeitreise. Manchmal glaube ich, die alten Paare tanzen zu sehen, die hier mal übers Parkett gewirbelt sind.

Interview: Lea-Maria Brinkschulte

Foto: David von Becker

Marion Kiesow: „Berlin tanzt in ­Clärchens Ballhaus. 100 Jahre Ver­gnügen – eine Kulturgeschichte“ Nicolai Verlag, 400 Seiten, 33 Ђ

Festwoche zum 100-Jährigen Jubiläum in Clärchens Ballhaus 9.–15. September, Auguststraße 24, Mitte www.ballhaus.de

 

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