Berliner Schriftstellerin

Marion Poschmann

Leises Leuchten: Weil sie „alle anderen Möglichkeiten einfach nicht zufriedengestellt haben“, ist Marion Poschmann Schriftstellerin geworden. Eine der besten, die wir haben

Foto: Heike Steinweg/ SV

Der „Kaffeeraum“ im Bötzowkiez, wenige Meter von ihrer Wohnung entfernt, ist Marion Poschmanns Interviewzone. Das ist insofern skurril, als dass sie zu Tee neigt. Gilbert Silvester, der von einem schlechten Traum aufgescheuchte Held in ihrem Roman „Die Kieferninseln“, müsste sich hier ungleich wohler fühlen. Er schätzt die „Tradition der Sichtbarkeit, der Vorhandenheit, der Deutlichkeit“ der Kaffeekultur.

Poschmann aber hat anderes mit ihm vor, weshalb es ihn nach Japan verschlägt – ein Land, das er mit seiner „aufreibend langat­migen, äußerst kleinteiligen, ja, niederschmetternd manierierten Teekultur als höchste Steigerungsstufe eines Teelandes“ betrachtet. Er wird sich dort um einen lebensmüden Studenten kümmern, seiner Frau wehmütige Briefe schreiben und auf den Spuren des japanischen Dichters Matsuo Bashō wandeln, was ihn bis auf die sagenumwobenen Kieferninseln von Matsushima führt. Aus seinen Strukturen gerissen ist Gilbert Silvester auf sich selbst zurückgeworfen. Eine ideale Voraussetzung für einen Roman, der dem Chaos der Gegenwart Kontemplation und Stille entgegensetzt.
Der mit der Teekultur verbundene „Schleier der Mystik“ passt zum Schreiben der 1969 in Essen geborenen und seit Anfang der 90er-Jahre in Berlin lebenden Schriftstellerin. Sie ist eine der wenigen Doppelbegabungen in der deutschsprachigen Literatur. Ihr gelingt es, die zarte Poesie ihrer Gedichte in ihre Prosa hinüber­zuretten, während sich die Klugheit und Lakonie ihrer Erzählkunst subtil durch ihre Lyrik zieht.

Erinnerungen und Träume spielen dabei eine wichtige Rolle, weil sie Lücken reißen in die Wirklichkeit, in denen das Geheimnisvolle in all seiner Intensität Platz hat. „Wer jemals versucht hat, einen Traum zu beschreiben, der wird festgestellt haben, dass sich die Brillanz, die Farbigkeit und die Intensität eines Traums absolut nicht in Sprache überführen lassen“, erklärt Poschmann ihr Interesse am Traum. „Was man auch immer niederschreibt, ist nur ein blasser Abklatsch des Geträumten.“

„Die Kieferninseln“ standen wie schon ihr Roman „Die Sonnenposition“ von 2013 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Mit dem Gedichtband „Geliehene Landschaften“ war sie 2016 für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Gerade wurde ihr der Berliner Literaturpreis zugesprochen, der mit einer Gastprofessur an der Freien Universität verbunden ist. Als sie 2015 in Bonn unterrichtete, ging es um Blumen und Pilze. „Das werde ich zwar nicht noch einmal machen, aber vielleicht wird es etwas Ähnliches“, deutet sie schmunzelnd an.
Die Natur spielt in ihren Texten eine besondere Rolle – ist weniger Kulisse als vielmehr Protagonist. Kürzlich hat sie den erstmals verliehenen Deutschen Preis für Nature Writing gewonnen. Dabei geht es ihr weniger um Anschauung als vielmehr um geistige Durchdringung. „Ich will nicht mimetisch einen Baum beschreiben. Das gelingt schon allein wegen der vielen Blätter nicht. Ich muss ein literarisches Mittel finden, das abzukürzen. Ich will die sinnlichen Eindrücke in eine Sprache bringen, dass von dem, was man sieht, noch etwas rüberkommt, ich aber mehr beschreibe als das. Ich möchte in meinen Texten konkret wiederfinden, was dieses Baumartige ausmacht.“

Dafür müsse sie sich dem Prozess des Schreibens und der Kräfte, die dabei wirken, überlassen. Nur so könne es ihr gelingen, „in Räume vorzudringen, in denen ich noch nie war.“ Die Melancholie scheint hier zentral, vielleicht aber auch ihre Herkunft. Das Schürfen in der Tiefe und Aufdecken verschiedener Schichten, das mit dem Ruhrpott verbunden ist, ist zentraler Bestandteil ihrer Poetologie. Marion Poschmanns Literatur speist sich aus dem Kontrast der Oberflächlichkeit des Profanen und der Tiefe des Existenziellen. Unaufgeregt leise leuchtet sie über allen Dingen.

Die Kieferninseln von Marion Poschmann, Suhrkamp, 168 S., 20,60 €

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