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Martin Assigs Ausstellung „Glückhaben“ im Haus am Waldsee

Martin Assigs Ausstellung

Nicht länger als eine Stunde dauert die Fahrt aus Berlins Mitte nach Brädikow, wo Martin Assig seit einigen Jahren sein Atelier hat. In Sichtweite der Kirchturm, ein Reiterhof, weiter oben auf der grünen Wiese steht ein Dixi-Klo und kündigt das nächste Dorffest für die circa 400 Einwohner an. „Hier steht die Zeit mehr oder weniger still“, sagt der Künstler.
Nach seinem Studium an der Berliner Hochschule der Künste 79 bis 85 arbeitete der 1959 in Schwelm geborene Martin Assig jahrelang in einem ehemaligen Reitstall auf dem sogenannten Dragoner-Areal in Kreuzberg. Gleich nach der Wende kamen die Leute mit den Klemmbrettern, um das Gelände auszumessen. Da war dem Künstler klar, hier würde es jetzt eng werden.
Es sollte aber noch einige Jahre dauern, bis er auszog und sein Atelier in das Dörfchen im Havelland verlegte, wo er das Haus seines Galeristen übernehmen konnte. Die Entscheidung, aufs Land zu ziehen, war zunächst aus der Raumnot heraus entstanden. Doch dass er in diesem dörflichen Umfeld auf sich selbst zurückgeworfen ist, empfindet er inzwischen für seine Kunst als förderlich. Ein großer Vorteil sei es auch, dass jeder, der ihn hier besucht, entsprechend Zeit einplane und sich seine Bilder mit mehr Ruhe ansehe. Der Standort Berlin bleibt jedoch nach wie vor wichtig, um Kontakte zu pflegen und sich Ausstellungen anzusehen. Zum diesjährigen Gallery Weekend hat er sich zum Beispiel wieder gern in den Großstadttrubel gestürzt.
Seine Zeichenserie „St. Paul“, aus der 250 Blätter zusammen mit einigen Architekturplastiken aus den vergangenen zehn Jahren unter dem Titel „Glückhaben“ im Haus am Waldsee gezeigt werden, begann Martin Assig 2009. Hier hat jemand sein Innerstes, seine Seele in Ornamenten, Mustern, Gitterstrukturen, Linien und Figuren auf das wachsgetränkte Papier gelegt. Seine Arbeiten seien immer Metamorphosen, Selbstbefragungen, sagt der Künstler. Und die Serie „St. Paul“ entstand nach einer schweren, überwundenen Krankheit. Er hatte sich Kästen mit Farbstiften vorgenommen und in die Vollen gegriffen. Martin Assig hebt den Deckel einer Kiste mit Wachskreiden, die dort durcheinander in einem bunten Haufen liegen. Der Duft der Stifte schwebt im Raum. „Wie eine Pralinenschachtel, so was Übermäßiges“, schwärmt er. „Ich will auch das Chaos haben, um daraus zu schöpfen.“
Irgendwann hatte er seine beim Telefonieren entstandenen Kritzeleien näher betrachtet und festgestellt, dass diese auf dem Papier entstandenen Strukturen viel mehr von ihm selbst darstellten als jedes Bild, das er zuvor gemalt hatte. „Dann habe ich alles, was ich kann, über Bord geworfen und wieder von vorn angefangen, mit der Frage, was musst du alles weglassen. Ich stand auf einem freien Feld.“
Seine inneren Bilder seien keine realistischen Abbildungen, sondern eher ein Wirrwarr von Farben und Variationen von Bildern, die er wahrgenommen hat. „Ich hatte die Vorstellung, dass ich dieser inneren Ungenauigkeit möglichst genaue Entsprechung geben will.“ Die Zeichnungen spickt er mit Zitaten oder eigenen Gedankenwortfetzen, die nicht von ungefähr an katholische Votivbilder erinnern – in Martin Assigs Atelier befinden sich so manche Fundstücke wie Heiligenbildchen und Kruzifixe. Er sei in einem früheren Bergwerksdorf nahe Hannover mit vielen polnischen Flüchtlingen aufgewachsen, erzählt der Künstler. Jeden Sonntag ging es in die Kirche, was für den Jungen zunächst todlangweilig war. Aber die Bilderwelt des Katholizismus hatte ihn von Anfang an fasziniert. Wie zum Beispiel an einer Seite des Altars der heilige Joseph mit seiner zerbrochenen Axt, die später jemand durch ein neues Werkzeug aus dem Baumarkt ersetzt hatte. Das war eine echte Herausforderung für das kindliche Kunst­empfinden. „Aber diese Bildvorstellungen und das Antimaterialistische, das ist doch was Tolles“, schwärmt der Künstler. Und es waren eben vor allem die Votivbilder, die es ihm angetan hatten. Doch während sich bei diesen Dankesbildern die Texte auf das Bild beziehen, spielt Assig in seinen Zeichnungen heute mit der Spannung des Widerspruchs oder des Absurden.
Wie er zum Verfahren der Enkaustik kam, auf die sich im Zusammenhang mit seiner Kunst immer bezogen wird, erklärt der Künstler mit einem „verschnitzten“ Holzbild, das er reparieren wollte. Nach einer Party lagen noch Kerzenstummel herum, deren Wachs er erhitzte und auf die verunglückte Stelle tröpfelte. Später wurden Pigmente dazugemischt. Durch diese Technik, die eine längere Tradition als die Ölmalerei hat, entstanden die relief­artigen Oberflächen, wie sie an Assigs Architektur­objekten in der Ausstellung zu sehen sind. Doch dieses aufwendige und nicht gerade der Gesundheit zuträgliche Verfahren wendet Martin Assig kaum noch an.


Text:
Constanze Suhr

Foto: Martin Assig, VG-Bild-Kunst, Bonn 2015

Martin Assig im Haus am Waldsee, bis 28.5.

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