Kunst und Museen in Berlin

Mauerbilder im Abgeordnetenhaus

Johannes Heisig hat in einem Zyklus Bilder von der Mauer gemalt, die für die einen Antifaschistischer Schutzwall war, für die anderen Schandmauer bzw. beste und längste Graffitifreifläche

Malerei_von_Johannes_Heisig_Foto_von_Harry_Schnitger„Es war einmal“, so heißt die Ausstellung von „Bildern vom Erinnern, den Erinnerungen und dem Innern“, die im Abgeordnetenhaus die Gelegenheit gibt, sich mit der Geschichte der geteilten Stadt noch einmal in den Bildern auseinanderzusetzen.
Es ist eine Auseinandersetzung, die jeder für sich privat führen kann, der jemals auf die eine oder andere Weise mit dem Bauwerk zu tun hatte. Und jeder hat eine völlig andere Geschichte zu erzählen. Grundsätzlich unterscheiden sich die Geschichten aus Ost und West, aber sie überlagern sich, sie verhärten sich oder verschwimmen im Unklaren.

So ist man doch erstaunt, dass eine Frau aus dem Osten der Stadt auch heute noch sagt, die Westberliner seien eingemauert gewesen, was diese sprachlos macht, war doch von Westberlin aus gesehen New York viel näher als der Alexanderplatz.
Johannes Heisig war und ist aber nicht nur von seinen Qualitäten als Maler eine Aus­nah­me­­erscheinung, was ihm selbstverständlich von manchem übel genommen wurde und wird. Er war privilegiert, weil er aus dem Os­ten ins westliche Ausland reisen konnte. Er hatte das Privileg, den Geist und die Geisteshaltung diesseits und jenseits der Mauer kennenzulernen.
Davon erzählt er malerisch in seinen Bildern, die oberflächlich gesehen auch privat daherkommen, weil darin eben auch Mutter und Vater vorkommen und ebenfalls sein Sohn. Wenn man die Bilder seines Vaters sieht, ist es eben mehr als das Porträt eines alten Mannes, es ist das Bild eines Mannes mit einer langen Geschichte, die sich zusammensetzt aus Kriegserlebnissen, Aufbruchstimmung im Sozialismus und seinem Scheitern.

Mauerbild_von_Johannes_Heisig_Foto_von_Harry_Schnitger
Im Porträt seiner Mutter muss man gar nicht lange suchen, bis man erkennt, dass diese alte Frau an ihrer Geschichte verzweifelt ist. Sie war schon auf dem Weg in den Westen, als der Mauerbau ihr dieses Ziel verbaute. Das ist ihr ins Gesicht geschrieben.
Wenn man dagegen das Bild seines Sohnes sieht, einem jungen Mann, der in der Welt zu Hause ist, muss man froh sein, über den Gang der Geschichte, der die Mauer hinter sich ließ, um in was für eine Geschichte auch immer voranzuschreiten.

Johannes Heisig ist lange um das Thema herumgeschlichen, und erst seitdem er im letzten Jahr in Kontakt mit der Gedenkstätte Berliner Mauer in der Bernauer Straße gekommen ist, hat es ihn nicht mehr losgelassen. So hat er eben nicht nur seine Familie porträtiert, er hat die Generationen gemalt, die im Schatten der Mauer gelebt und überlebt haben. Er hat düstere Visionen gemalt, zerplatzte Hoffnungen und die Tänze auf dem Vulkan. Er hat das Leben gemalt, das sich im Westen ausgetobt hat, er hat das Leben im Osten gemalt, das sich Nischen geschaffen hat, um zu toben.

Das ist bzw. war eine düstere Welt, so wie Johannes Heisig sie sah. Und es ist sicher eine richtige Ansicht, wenn auch sich die Welt sowohl in Ost wie West schöngetrunken oder -gekifft wurde. Es war sicher auch eine spannende Zeit, chaotisch, aggressiv. Als wenn es kein Morgen geben würde. Aber Heisig wäre nicht Heisig, wenn er in all der Vergangenheit nicht auch in die Gegenwart und vielleicht sogar in die Zukunft schauen würde. Umrahmt von zwei Bildern, die das Thema der Mauergedenkstätte haben, stellt er in die Mitte ein Werk des bunten Vogels Freiheit, der sich über alle Mauern erhebt. Ein Bild, das Träume weckt und die Albträume der Vergangenheit vergessen lässt. Das ist eine abstrakte Vorstellung und wahrscheinlich auch das abstrakteste Bild seiner Ausstellung, die so viele Geschichten erzählt, die man nicht vergessen kann: „Es war einmal“ ist eine Ausstellung, die keine Antworten gibt, aber Fragen stellt, wie es einmal gewesen sein mag, hinter, vor und zwischen der Mauer.

Text: Qpferdach

Es war einmal
Abgeordnetenhaus von Berlin,
Niederkirchnerstraße 5, Mitte, Mo-Fr 9-18 Uhr,
bis Fr 5.9.2008, zur Langen Nacht der Museen am
Sa 30.8., 18-1 Uhr

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