Kultur & Freizeit in Berlin

„Spex“ Chefredakteur Max Dax im Gespräch

Vor zweieinhalb Jahren ist „Spex“ unter großem Mediengetöse nach Berlin umgezogen. Im?Mai veranstaltet das Magazin nun ein hochkarätig besetztes Festival im Berghain – für uns ein Anlass, den Chefredakteur Max Dax um eine Zwischenbilanz zu bitten.

Max Daxtip Herr Dax, seit zwei­einhalb Jahren wird die „Spex“ nicht mehr in Köln, sondern in Berlin gemacht. Der Umzug war personell mit einem völligen Neuanfang verbunden. Für Ihre Berufung zum Chefredakteur gab es damals viel Kritik. Wie sieht Ihre Bilanz seither aus?

Max Dax Wir waren total überrascht von der Häme, die der Re­dak­tion damals entgegengeschlagen ist. Die Qualität der Kritik war er­schreckend. Das ging bis zum Aufruf von Wiglaf Droste in der „Jungen Welt“, mir „stundenlang in die Fresse zu hauen“, sollte man mir auf der Straße begegnen. Jedes Feuilleton, jede Zeitung, alle haben sie uns totgeschrieben und gesagt: Das war’s jetzt, dieser Mann macht die „Spex“ kaputt. Und was ist heute? „Spex“ hat die stabilste Auflage, die sie je hatte – und zwar auf höchstem Niveau, sie hat sich ungefähr bei 21.000 verkauften Exemplaren eingependelt. Und das in einer Zeit, in der es für die Printmedien sehr schwer geworden ist, sich am Kiosk zu behaupten. Es gab zwar viele Abo-Kündigungen, aber es gab noch mehr Leute, die neu dazugestoßen sind. Es hat bei der Leserschaft einen regelrechten Austausch gegeben.

tip Man könnte auch sagen, dass die „Spex“ älter geworden ist.

Dax Wir sind davon ausgegangen, dass es leichter ist, Leser zurückzuholen, denen die Zeitschrift mal etwas bedeutet hat, als neue zu gewinnen. Und das sind natürlich Leute, die in der Zwischenzeit älter geworden sind. Wir haben aber auch viele junge Leser, die heute zum ers­ten Mal zur „Spex“ greifen.

tip Warum kaufen junge Leute heute die „Spex“?

Dax Vielleicht, weil sie einen Freund aus Papier suchen, mit dem sie sich auseinan­dersetzen können. Mir ging es ebenso: Ich habe „Spex“ 1986 in der schleswig-holsteinischen Provinz entdeckt, da war ich 16 Jahre alt und verstand kein Wort von dem, was Diedrich Diederichsen, Rainald Goetz oder Jutta Koether damals geschrieben haben. Aber gerade deshalb hat es mich gereizt! Die Artikel waren harte theoretische Nüsse, die ich zu knacken hatte. Aber die Themen haben mich interessiert, die Filme, die Bücher und die Kunstwerke, um die es ging, und dass über Boxen und Fußball geredet wurde – und natürlich die Musik, die Heft für Heft vorgestellt wurde. Daran wollen wir anknüpfen. Nur, dass wir heute in „Spex“ eine verständlichere Sprache sprechen, lesbarer geworden sind. Man muss Türen öffnen, den Leuten zeigen: Das, was wir hier machen, ist seriös, die Artikel sind gut recherchiert, die Autoren wissen, was sie sagen, und sie haben eine Meinung.

tip Dabei setzen Sie meist auf wenig überraschende Themen, zuletzt auf die Pet Shop Boys, Grace Jones und Bob Dylan.

Dax Wir haben tatsächlich „Slots“ im Heft, in denen wir alten Helden mit Respekt und kritischer Auseinandersetzung begegnen. Aber solchen bewährten Themen setzen wir immer Leute gegenüber, von denen der Leser noch nie etwas gehört hat, die jung und unbekannt sind. Wir sind nicht mehr so berufs­jugendlich, wie die „Spex“ zwischenzeitlich mal gewesen ist, aber ich würde bestreiten, dass wir alt geworden sind.

tip Wie entscheiden Sie, was für „Spex“ relevant ist und was nicht?

Dax Die Themen ergeben sich, meist liegen sie in der Luft. Unser Interview mit Claude Lanzmann im März 2008 war da ein Schlüsselmoment. Lanzmann war unser bis dato ältes­ter Interviewpartner – er ist heute
83 Jahre alt. Der Anlass war ganz profan: Sein Film „Shoah“ erschien Anfang 2008 erstmals auf DVD – also auf einem Medium, das es dem Zuschauer erlaubt, sich einem so sperrigen Werk schrittweise zu nähern. Der Autor Jan Kedves und ich sind nach Paris geflogen und haben an zwei Tagen insgesamt neun Stunden mit Lanzmann über das schwierigste für uns Deutsche denkbare Thema geredet, nämlich die Ermordung der europäischen Juden durch die Nazis. Die Geschichte bekam eine Eigendynamik, als die Fotografen Eva Beth und Torsten Oelscher auf eigene Faust nach Treblinka flogen. Sie hatten sich den Film angeguckt und empfanden das dringende Bedürfnis, an einen der Tatorte zu reisen. 23 Jahre nach „Shoah“ fotografierten sie die von Gras und Gestrüpp überwucherten Felder des Ver­nichtungslagers. Das Interview haben wir dann auf 14 Seiten abgedruckt. Die Textlänge hat sich aus dem Wunsch nach Genauigkeit ganz von selbst ergeben. Auf keinen Arti­kel haben wir mehr positive Resonanzen bekommen.

tip Ein solcher Aufwand für einen Artikel ist doch sicher eher die Ausnahme …

Dax Sicherlich. Aber unsere Arbeit besteht ja unter anderem darin, ein Umfeld zu schaffen, in dem solche Ausnahmen möglich sind. Wir bezeichnen „Spex“ seit diesem Interview als Erkenntnisschnittstelle – jeder Artikel soll für den Leser ein Mehr an Wissen und Erkenntnis bedeuten und es ihm erlauben, weiterzuforschen, weiterzudenken, das eigene Leben zu überprüfen. Weitergabe von Erkenntnis basiert ganz oft auf Lebenserfahrung und auf Positionen, die man sich mühsam erarbeitet hat. Natürlich sprechen wir
also mit „älteren“ Menschen wie Grace Jones oder Claude Lanzmann, wenn wir als Redaktion der Meinung sind, dass der Leser etwas mitnehmen kann. …

Foto: Harry Schnitger/tip

Das ganze Interview unserer tip-Autoren Hagen Liebing und Heiko Zwirner lesen Sie im tip 11/09 aus Seite 14.

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