Musik & Party in Berlin

Maximilian Hecker im Flamingo Club

Versoffene Nächte, Liebesdesaster und Selbstzweifel: Der Wahlberliner hat eine Autobiografie geschrieben. Mit großer dramatischer Geste und viel Sarkasmus schildert der Musiker seine Selbstsuche.

Maximilian Hecker

Es ist ein schwüler Montagmittag im Juli. Maximilian Hecker sitzt am offenen Fenster eines Cafйs in der Torstraße. Er trägt Flipflops und eine gemütliche Zauselfrisur. Ein wenig sieht er aus wie einer der chillenden Berlin-Reisenden, die ringsum in den Hostels absteigen und ihren Urlaub genießen. In diesem Sommer veröffentlicht der Berliner Musiker nicht nur sein siebtes Studioalbum. Der 34-Jährige hat auch ein Buch mit dem so schicksalsschweren Titel „The Rise and Fall of Maximilian Hecker“ geschrieben. So entspannt, wie Hecker an diesem Nachmittag in seinem Stammkiez Mitte über seine neue Platte und sein Debüt als Schriftsteller plaudert, so desolat wirkt er oft in seinen Betrachtungen zwischen den Buchdeckeln.
In dem autobiografischen Text beschreibt der Songschreiber in sehr klarer Sprache und mit oft erfrischend trockenem Humor einen Trip des persönlichen Scheiterns, eine taumelnde Suche nach sich selbst. Der Hauptteil seines Buches spielt in Asien, in Taipeh, Seoul­, Peking und Tokio. Dort, wo der Wahlberliner mit der schwebenden Falsettstimme ein begeistertes Publikum hat und zeitweise ein ausgewachsener Popstar-Hype um ihn tobt. Je wildere Ausmaße die „Heckermania“ in Fernost annimmt, umso dramatischer klafft aber die Lücke zwischen dem Selbstbild des grüblerischen Romantikers und dem Ideal seiner Fans, die ihn nur als „melancholischen Prinzen“ verklären.
Hochgefühle schlagen ständig in Depression um. Dem Sänger droht immer wieder die Stimme zu versagen. In seinen Aufzeichnungen über versoffene Nächte im Karaoke-Hotel, absurde Nobel-Dinner und fast automatisch eintretende Liebesdebakel wirkt er oft so schön verloren wie Bill Murray beim Whisky-Ordern in „Lost In Translation“.
„Seit ich 17 oder 18 bin, schreibe ich besondere Erlebnisse auf, meistens rückblickend am Ende eines Jahres“, erzählt Hecker. Zwei Bücher hätten ihn schließlich auf die Idee gebracht, selbst was zu veröffentlichen: „52 Wochenenden“ von Jens Friebe und „The Tokyo Diaries“ von David Schumann. „Ich dachte, das kann ich vielleicht auch, ich glaube, ich habe genug Material.“ Dann kam ein Anruf von seinem späteren Literatur-Agenten. „Er hatte ein Interview von mir über meine Asien-Erlebnisse gelesen und fragte, ob ich nicht ein Buch schreiben will.“ Heckers Antwort: „Ich hab bald schon eins.“
Maximilian HeckerIm Buch beschränkt er sich nicht nur auf seine Erfahrungen und Erlebnisse in Asien. Er schildert auch seinen Karrierestart als romantischer Songwriter in Berlin-Mitte, gewissermaßen ein Flüchtling aus der bürgerlichen Enge der ostwestfälischen Provinz, wo ihn eine Zukunft als Krankenpfleger erwartete. Mitten im vermeintlichen Glamour, zwischen kreischenden Mädchen und klickenden Kameras in Japan, ist er dann plötzlich nur noch „Klein-Maxi aus Bünde“.
„The Rise and Fall of Maximilian Hecker“, der Titel mit dem so dramatischen Gestus, passt zu dem Mann, dessen Musik so etwas ist wie eine fortlaufende poetische Feier der naturgemäß unerfüllten Sehnsucht. Ein charakteristischer Träumerstil, für den Hecker hierzulande einst gefeiert wurde. „Infinite Lovesongs“ hieß sein Debütalbum von 2001 und wirkte im Kanon des damaligen Szenelabels Kitty-Yo so wie das zartschmelzende Gegenbild zum lauten Electro-Clash von Neuberliner Stars wie Peaches oder Gonzales. Warum der Begeisterungssturm später teils ins Gegenteil umschlug, erklärt sich Hecker damit, dass viele Kritiker in seinen Songs einen doppelten Boden vermuten, wo er selbst aber keinen eingezogen habe: „In westlichen Ländern habe ich immer den Eindruck gehabt, mich verteidigen zu müssen gegen den Vorwurf, meine kitschige Musik könne nur ironisch gemeint sein“, heißt es im Buch. In Taiwan dagegen scheine „sich niemand von einer Musik, die von Tod, Liebe, Schmerz und Seligkeit handelt, provoziert zu fühlen“.
Von seinen Erlebnissen und Erfahrungen während seiner Selbstsuche erzählt Hecker ungeschönt und mit einem erfrischend sarkastischen Humor. Er schildert etwa, wie er von grazilen „Okeaniden“ und begehrenswerten Frauen mitunter „notgeil“ abgewiesen werde. „Ich werde anscheinend als eine jugendliche, asexuelle Figur wahrgenommen, ein Mann mit weiblichen Gefühlen, kein Ficker auf jeden Fall“, schreibt er. Im Gespräch bekennt er: „Ich empfand es als befreiend, diese nackte Wahrheit auch so zu schildern. Auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob ich nicht teils zu offen bin.“
Den Buchautor Hecker zeichnet eine fast schon halsbrecherische Ehrlichkeit aus, die im direkten Zusammenhang mit seiner Art steht, Songs zu schreiben. Dafür steht auch sein neues Album, „Mirage Of Bliss“ (etwa: „Trugbild der Glückseligkeit“). Darauf setzt er seine Suche nach dem perfekten Lovesong fort: klanglich ein süßer Nachhall seiner Asien-Selbstsuche. Nach dem spartanischen, für Hecker ungewöhnlich roh belassenen Vorgänger-Album, „I Am Nothing But Emotion, No Human Being, No Son, Never Again Son“, ist er wieder zurück in seinem Element: erhebende Moll-Euphorie, orchestrale Synthie-Arrangements, die Produzent Youth in leisen Glamour taucht. „Maximilian als diesen weichlichen Balladensänger zu sehen, ist schon verrückt“, sagt der Britpop-Veteran. „Dabei ist er in Wahrheit absolut furchtlos.“ Hecker nennt das in seinem Buch „unvermeidliches Man-selbst-Sein“. Darin war er schon immer groß.

Text: Ulrike Rechel

Autobiografie: „The Rise and Fall of Maximilian Hecker“, Schwarzkopf & Schwarzkopf, 288 Seiten, ET 1.8., 12,95 Euro

Album: „Mirage Of Bliss“, Blue Soldier Records (Rough Trade), VÖ 27.7.

Release-Party mit Lesung, Flamingo Club, Mi 1.8., 21 Uhr, AK: 5 Euro / erm. 3 Euro

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