Kultur & Freizeit in Berlin

Mehr Neugier für das Medium!

Gespräch mit dem Verleger Dirk Rehm

tip Herr Rehm, wie wurden Sie Comic-Fan?
Dirk Rehm Als Kind mochte ich "Petzi" und die "Peanuts". Dann habe ich mit "Zack" die frankobelgischen Comics entdeckt, als Teenager die amerikanischen Underground Comix und Anfang der 80er "В Suivre" und die neuen amerikanischen Independent-Comics.

tip Wann haben Sie sich entschieden, mit Comics auch Geld zu verdienen?
Dirk Rehm Während des Studiums habe ich mich als Letterer beim Hamburger Carlsen Verlag beworben und ab diesem Zeitpunkt meinen Lebensunterhalt mit Comics verdient.

tip Und daraus entstand die Idee, mit Reprodukt einen eigenen Verlag zu gründen?
Dirk Rehm Letztlich aus einer Trotzreaktion heraus: In den 80ern gab es in Deutschland nur wenige Comicverlage, außer Ehapa oder Carlsen – die vor allem mit Lizenztiteln wie "Asterix", "Lucky Luke" oder "Tim und Struppi" Umsätze machten. In Amerika tat sich damals viel mehr! Junge Zeichner fingen an, autobiografische Comics zu zeichnen. "Yummy Fur" von Chester Brown, "Eightball" von Daniel Clowes, ?"Dirty Plotte" von Julie Doucet, das waren Comics, die ich gerne in deutscher Sprache sehen wollte. Ich wollte Comics herausgeben, die etwas mit dem zu tun hatten, was mich bewegte, und das war 1991 zunächst "Love & Rockets", die Serie von Jaime und Gilbert Hernandez über das Leben in den Vorstädten von Los Angeles vor dem Hintergrund der Punkkultur.

tip Was waren die großen Hürden für einen anspruchsvollen Comicverlag hierzulande?
Dirk Rehm Die größte Herausforderung besteht nach wie vor darin, mit geringen finanziellen Mitteln eine Struktur aufzubauen, die es ermöglicht, Comics in alle Comicläden und Buchhandlungen der Republik und somit an möglichst viele interessierten Leser heranzubringen. Und Comics vor allem denen zu vermitteln, die noch gar nicht wissen, dass sie sich dafür interessieren! Mit Fils "Didi & Stulle", Tove Janssons "Mumins" oder "Aufzeichnungen aus Jerusalem" von Guy Delisle ist uns das allerdings teilweise sehr gut gelungen.

tip Wie hat sich in den letzten Jahren die Bedeutung von Comics in der breiten Öffentlichkeit verändert?
Dirk Rehm Es entsteht tatsächlich ein immer größer werdendes Publikum für zeit- oder kulturgeschichtlich interessante Comics, was wir bei Reprodukt etwa an dem Erfolg von Mawils ?"Kinderland" oder Barbara Yelins "Irmina" ablesen können. Auch Literatur-Adaptionen finden großen Anklang. Leider jedoch scheint dieses punktuelle Interesse des Publikums bislang nicht die Neugier für das Medium Comic zu beflügeln. Vielleicht fehlt es einfach noch an der Begeisterung der Buchhändler, auf Titel hinzuweisen, die nicht in den Besprechungen des Feuilletons hervorgehoben werden. Ich würde mir mehr Leser wünschen, die sich an Autoren wie Daniel Clowes, Anke Feuchtenberger, Killoffer, David Prudhomme oder Adrian Tomine heranwagen.

Interview: Jacek Slaski

Foto: atak/Reprodukt

Mehr unter:
www.reprodukt.com

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