Essay

„Mein Graefe-Dorf“ – Björn Kuhligk über den Graefe-Kiez

Vor 15 Jahren schrieb unser Autor für den tip einen Text über den Graefekiez als gallisches Dorf. Jetzt hat er dort eine größere Wohnung – und so etwas wie Heimatgefühle

Foto: FA Schaap

Wir waren in den Sommerferien an der Nordsee. Die Schwertmuschel, die früher nur vereinzelt zu finden war, hat sich dort so weit verbreitet, dass sie haufenweise herumliegt, und die Kinder füllten damit ganze Eimer. Sie soll 1976 im Ballastwasser eines Schiffes von Amerika in die Deutsche Bucht gelangt sein und ist seither ein fester Bestandteil der dortigen Fauna. Ähnlich verhält es sich mit den Touristen, den Billigfluglinien und Kreuzberg.

Vor fast 15 Jahren habe ich für den tip einen Text über den Graefekiez geschrieben, die Gegend zwischen Hasenheide und Landwehrkanal, zwischen Kottbusser Damm und dem Urban-Krankenhaus. Ich verglich sie mit jenem gallischen Dorf, das sich erfolgreich zur Wehr setzt. Ich wohnte am Rand, fuhr hin und wieder hindurch und wunderte mich jedes Mal, dass es mitten in Berlin so ein nettes Etwas gibt. Nun wohne ich hier.

Wir haben drei Jahre nach einer größeren Wohnung gesucht, in der es möglich ist, gut zu fünft zu leben. Zwischendurch gaben wir zwei Mal auf. Entweder waren die Wohnungen nicht bezahlbar, zu klein oder hässlich wie ganz Berlin. Dann suchten wir in anderen Bezirken, fanden auch nichts und merkten dadurch, dass wir dort bleiben wollten, wo wir sind: in unserer Gegend, die Kinder auf ihrer Schule und bei ihren Freunden, ja, ist doch schön hier, die beste Gegend aller Gegenden von ganz Berlin. Kreuzberg hat ungefähr 180 Kilometer Straße und es musste doch möglich sein, auf einem dieser Kilometer eine gerade noch bezahlbare Wohnung zu finden! Und dann klappte es.

Die Häme, die ich früher hinter vorgehaltener Hand über jene auskippte, die aus ihren Dörfern oder Landstrichen nicht rauskamen, gebührt mir. Würde ich einem Brandenburger erzählen, wie lange ich schon hier lebe, könnte er sagen: „Wad bisstn du für eener? Kommst ooch nich aus deim Dorf raus!“ Ja, stimmt, ich lebe seit nunmehr fast 20 Jahren in Kreuzberg, es ist so lang, dass es schon etwas absurd erscheint. Ich habe ganze Straßen hässlich werden sehen. Ich bin in diesen Straßen älter geworden. Ich habe gesehen, wie sich ein ganzer Bezirk verändert hat und ich kann den neidvollen Glanz in den Augen derer nicht mehr sehen, die davon ausgehen, ich wäre in einer Art Paradies zuhause, in dem niemand mehr arbeiten muss, wo die Partys in andere Partys übergehen und die selbstgemachten Limonaden aus dem Wasserhahn kommen.

Der Umzug lag eine Woche zurück. Wir hörten morgens ein Kind im Innenhof singen. Es schien dort allein zu sein und vertrieb sich die Zeit mit singen. Ein Fenster wurde aufgerissen und ein englischer Muttersprachler hatte größte Mühe, den Konsonantenhaufen des ersten Wortes in die richtige Reihenfolge zu bringen. Und weil er das bemerkte und seine Botschaft schließlich ankommen sollte, rief er ein zweites Mal, nun in korrekter und verständlicher Reihenfolge: „Halt’s Maul!“, und schickte nach kurzer Pause ein „Fotze“ hinterher.
Ich spreche die Ladenbesitzerin an, die gerade Kleiderstangen auf dem Gehweg aufbaut. Sie hat keine Verwendung mehr dafür und möchte sie verkaufen. Über das Internet würde es nicht klappen, nun probiert sie es direkt auf der Straße. Wir reden und reden, fangen bei den Kleiderstangen an, sprechen über Vertriebswege, über Panama, über die Veränderungen des Kiezes und sehen dann eine Weile auf die begrünte Fläche vor uns.

„Die mussten alle zahlen hier im Haus, das hab ich durchgesetzt, na guck, und jetzt haben wir einen schönen Garten. Und mittlerweile helfen auch ein paar beim Gießen.“
Wir stehen vor dem Beet, wie man sagt, weil in Berlin jeder leere Joghurtbecher ein Beet sein kann, und sehen auf die uns überragenden Stockrosen.
„Ist doch schön, nicht?“
Ich nicke und sage: „Ja.“

Foto: FA Schaap

Die Bäume in der verkehrsberuhigten und kopfsteingepflasterten Graefestraße sind größer geworden und die alte Kreuzberger Sonne etwas müder. Die, die hier schon länger leben, sind weniger geworden, die Möbel-Antiquariate sind verschwunden, weitere Restaurants, Bars und Kneipen haben eröffnet und Menschen in meinem Alter bevölkern schon vormittags die Cafés. Die Hipster sind mittlerweile Eltern, sprechen mit ihren Kindern, als wären sie Erwachsene und tragen noch immer diese infantilen Abgrenzungsklamotten, die es ihnen auch nicht leichter machen, mit Kindern wie mit Kindern zu reden. Das Restaurant „Big Sur“ mit kalifornisch-inspirierter Küche hat Liegesitze aus Paletten gezimmert und darauf sitzen Menschen, führen Strohhalme zu ihren Mündern und wundern sich vielleicht ein bisschen, dass der Ozean ausgestellt ist.

Das Schlawinchen, eine Kneipe in der Schönleinstraße, fast an der Kante zu Neukölln, die rund um die Uhr geöffnet hat und deren Inneres mit ihren an der Decke befestigten Instrumenten ein bisschen aussieht wie das Oberstübchen eines Alkoholikers nach dem dritten Bier des Tages, beherbergte früher die Profis aus der Nachbarschaft und hat nun ab Freitagabend die Wochenend-Amateure aus aller Welt zu Gast.

Die alten Stammgäste leben längst woanders. Und doch hat sich in diesem Kiez etwas gehalten, was zwischen Funkturm und Müggelsee nicht sehr oft anzutreffen ist: Es ist eine angenehme Mischung aus neugieriger, offener Nachbarschaft, schroffem Desinteresse und einem alltäglichen Leben, das auf der Straße stattfindet. Und obgleich der Einzelhandel aus Läden besteht, die eigentlich niemand braucht, ist es immerhin der Einzelhandel, der Postpakete annimmt und vor dem Kinder auf Decken ihr gebrauchtes Spielzeug verkaufen.

Man kennt sich. Zumindest ein bisschen.

Ja, der Graefekiez ist noch immer ein Dorf. Ein sehr schönes Dorf. Ein Dorf allerdings, in dem es kaum noch alte Menschen gibt. Wenn wir hier dann alle 30 oder 40 Jahre älter geworden sind und der Kiez nur noch aus uns alten Menschen besteht und wir keine selbstgemachten Limonaden mehr trinken möchten, die Kinder längst aufs Land gezogen sind, weil Berlin dann wirklich das Allerletzte geworden ist, und sie die Schnauze voll haben von dieser merkwürdigen Tristesse aus arm-aber-sexy und markigen BVG-Sprüchen, die das Defizitäre abfeiern und sich unsere gelangweilten Gesichter in Vitamin-Getränken spiegeln, wird das Urban-Krankenhaus vielleicht ein Pflegeheim geworden sein, damit wir auch alle in unserem Dorf sterben können.

Bis dahin aber fahren noch viele Ausflugschiffe auf dem Landwehrkanal durch Kreuzberg, auf denen den Touristen von Häuserkämpfen aus dem letzten Jahrtausend berichtet wird. Am nördlichen Ende der Graefe­straße, wo das Dörfliche auf das Urbane des Kottbusser Damms prallt, befindet sich seit Ewigkeiten ein türkisches Café, vor dem ausschließlich Männer sitzen, die kaum reden. Sie sitzen und sehen und rauchen. Warum auch nicht? Es gibt Tee und auf der Straße hin und wieder Frauen, die wenig anhaben und Männer, die Fummel tragen und vielleicht ist zuhause auch der Fernseher kaputt.

Neulich bin ich mit den Kindern in einen dritten Hinterhof gegangen, um ihnen zu zeigen, wie die Häuser hier früher überall aussahen. Wir sahen auf die hässlichen Gemäuer und ich war etwas gerührt und dachte dann, was soll’s, diese Stadt ist nicht mein Wohnzimmer und selbst Wohnzimmer verändern sich, und wir, die wir immer wieder etwas über die Gegenwart maulen, haben auch alle etwas dazu beigetragen, dass es nun so ist, wie es ist.

Ich bin in dieser Stadt verwurzelt. Durch meine Leitungen pumpt 100 Prozent reines Berlin. Ich kenne den Zungenschlag, ich kann bretthart berlinern und mag die Freundlichkeit, die noch nie eine war, an die sich Zugezogene mühsam gewöhnen müssen und sich irgendwann einreden, es wäre Charme oder irgendetwas kurz davor. Es ist schlichtweg die Verabredung, sich nicht weiter auf den Sack zu gehen.

Als ich das erste Mal in den Kiosk ging, um Briefmarken zu kaufen und dem Mann den Betrag passend auf den Tresen legte, nahm er das Geld und sagte, ohne mich anzusehen: „Dit stümmt so, kannst wiedakommen!“ Ich hatte einen neuen Bekannten gefunden. Gehe ich sonntags zum Bäcker, stelle ich mich in die meterlange Schlange, und höre, wie eine Frau fast verzweifelt, weil sie nur Spanisch spricht und die Bedienung nur Berlinerisch. Ich höre Schwaben Konsonanten lutschen, ich höre Bayern „Grüß Gott“ sagen und wünsche mir, dass sie eines Tages an einen Busfahrer geraten, der das mit Gott in einem einzigen Halbsatz geraderückt. Bin ich dann endlich an der Reihe, hat sich hinter mir eine meterlange Schlange gebildet und ich sage laut und deutlich: „Tach! Zehn Schrüppen!“

Auf dem Rückweg von unserem Nordsee-Urlaub und den Schwertmuschelhaufen machten wir Halt in Bremen und besuchten für ein paar Tage Freunde. Sie wohnen zentral in einer stillen Straße. Bremen ist eine wunderschöne, unaufgeregte und kleine Stadt. Zurück in Kreuzberg stiegen wir die Stufen des U-Bahnhofs Schönleinstraße hoch und rochen diese großartige Mischung aus Zirkus und Jahrmarkt, die aus der Nussrösterei kommt. Vier Typen kamen uns entgegen, die mit ihrer Kleidung irgendwas zum Ausdruck bringen, was anders nicht zum Ausdruck kommen kann.

Dann saßen wir abends in der Küche bei offenem Fenster und hörten von links Hardrock und von rechts afrikanischen Ethno-Pop, eine Lüftung röhrte leise, im Flur standen die noch nicht ausgepackten Koffer und ich dachte, meine Fresse, sind wir denn bescheuert, was machen wir hier? Die Welt ist riesig, an vielen Orten besser, und wir sind noch immer hier? Und dann dachte ich: Na ja, so was wie Heimat, Keule.

An einem Sommerabend kam ich an einer Bar vorbei, vor der Menschen mit blinkenden Kopfhörern auf den wippenden Köpfen saßen. In dem Raum spielte eine Frau ein elektronisches Streichinstrument, das ich noch gesehen hatte, und ein Mann stand hinter den Turntables und bewegte die Regler. Nichts war zu hören. Durch die geöffnete Tür sah ich ihnen zu und gab mir eine ganze Weile Mühe, es scheiße zu finden. Dann ging ich neugierig hinein, nahm mir einen der Kopfhörer,
bestellte eine Zitronen-Rosmarin-Limonade und setzte mich raus. Die Luft war warm und die Sonne sackte ab. Ich wippte nach einigen Minuten auch mit dem Kopf und dachte: Ja, ja, schon gut, ich gehöre genau hier her.

Björn Kuhligk Jahrgang 1975, gebürtiger Berliner, schreibt Lyrik und Prosa und wurde mehrfach ausgezeichnet. Zuletzt erschien von ihm 2016 der Lyrikband „Die Sprache von Gibraltar“ bei Hanser Berlin.

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