Brandenburg

Mein Sommerhaus in Brandenburg

Ich hab noch einen Koffer in Brandenburg ... oder sogar ?einen ganzen Hausstand. Eine Geschichte von Datschen, ?Bauern- und Gutshäusern. Und von Berlinern, die zu ?leidenschaftlichen Teilzeit-Brandenburgern geworden sind

obladen_3

Die Schönheit des Zusammengewürfelten: entspanntes Terrassenfrühstück bei Silke Obladen in Himmelpfort

Diese Geschichte beginnt im Bikini-Haus. Ausgerechnet. Metropolengefühl mit Blick auf den Breitscheidplatz. Hier hat der Gestalten Verlag gerade seinen neuen Showroom eröffnet. Die wichtigste Verlagsveröffentlichung dieses Frühjahrs liegt auf einem schlichten Holztisch: „The Outsiders – New Outdoor Creativity“. Ein Bildband über Menschen also, die es aus den Städten hinaus aufs Land getrieben hat. Und überhaupt, die Outdoorjacken, die Holzfällerhemden, die Vollbartkultur – sieht der coole, distinguierte Berliner nicht längst ohnehin so aus, als wolle er vor allem: nichts wie raus!?

Auch Silke Obladen hatte sich diese Frage irgendwann gestellt. Am Küchentisch in der Alten Schönhauser Straße, direkt über dem Mädchenitaliener, ihrem Lokal. Hier hatte sie die steile Karriere von Mitte mitgemacht, ja mitgestaltet. Diese Lebensphase, in der die Stadt nicht groß genug sein konnte, auch für jemanden aus einem Dorf im Hinterland des Bodensees. Dann kamen die Kinder und die warmen Erinnerungen an die eigene Kindheit zwischen Wäldern und Feldern: „Das klingt jetzt nach einem totalen Klischee, aber irgendwann war klar: entweder ein Reihenhaus in Pankow oder eine Datsche in Brandenburg.“ Aber das Reihenhaus in Pankow war ehrlich gesagt nie eine Alternative.

So kam Silke  Obladen also nach Himmelpfort. Sie kaufte ein 70 Quadratmeter kleines Holzhaus, das sich ein Architekt 1937 in die Seenlandschaft gestellt hatte. Und führt seit vier Jahren das Leben einer Doppelagentin. Eine Existenz im permanenten Stadt-Land-Konflikt? Von wegen: „Berlin schafft ein absolutes Bedürfnis nach solchen Orten.“

obladenDiesem Bedürfnis sind auch Jens und Uta Alder gefolgt. Es führte sie auf das Gut Sternhagen kurz vor Prenzlau. Ursprünglich waren sie dort während einer Radtour an die ?Ostsee vorbeigekommen. Damals hatten Gudrun Gut und ihr Lebenspartner Thomas Fehlmann den sanierungsbedürftigen Dreiseithof gerade gekauft. Man kannte sich aus dem Musikbetrieb – Jens Alder arbeitet beim Berliner Label Morr Music, seine Frau Uta jobbte damals bei Gudrun Guts Label Monika – und fand Gefallen an der Idee des kollektiven Alleinseins unter Freunden.

Dass alle Beteiligten irgendwie mit der elektronischen Musik verbandelt waren, Musiker, DJs, Labelmacher, schaffte eine gemeinsame Basis. Und doch ging es nie da-rum, das Berliner Nachtleben in die Uckermark zu transformieren. Im Gegenteil: „Ich muss nicht mehr nachts um eins in irgendeinem Club ’rumstehen, das habe ich lange genug gemacht.“

Weiterlesen: Die Freilandschweine von Bauer Schulz enden nicht anders als ihre Artgenossen im Stall. Bis dahin führen sie aber ein tolles leben. Ein Besuch bei Bernd Schulz in Gömnigk

Stattdessen macht Jens Alder jetzt einen Fahrradverleih auf. In dieser Woche war er auf dem Amt in Prenzlau, um das Gewerbe anzumelden. Die Zeit und die Lust, sich wieder mit den Fahrrädern zu beschäftigen, neben der Musik das andere große Thema seiner Jugend, habe er erst an den Wochenenden und den Sommerwochen in Sternhagen gefunden. „Es ist ja auch kein Abschalten hier draußen, es ist viel eher ein Umschalten. Letztlich bist du auch morgens um sieben auf den Beinen, erledigst dies und reparierst das. Aber du puzzelst ganz anders vor dich hin als in der Stadt.“

Den Mythos, vom Haus der Welt zu fallen, vom wortwörtlichen Draußensein mag Jens Alder dennoch bestätigen. Zumindest galt das noch gerade eben, im vergangenen Jahr, als ihre Wohnung im Gut noch keinen Internetanschluss hatte und sein Mobiltelefon noch keinen Empfang: „Beruflich hatte ich eine wirklich stressige Phase. Dass ich das Jahr halbwegs überstanden habe, lag schlichtweg an der Möglichkeit, richtig, richtig draußen zu sein.“

Wie viele Berliner einen guten Teil ihres Lebens und den Großteil ihrer Freizeit in Brandenburg verbringen? Die Antwort fällt allenfalls in gefühlten Werten leicht. In Zahlen also ist dieses Phänomen nur schwer zu fassen. Immerhin so viel: Rund 250?000 Datschengrundstücke soll es in Brandenburg geben, letztmalig gezählt im Wendejahr 1990. Darüber hinaus gestaltet sich das Protokollieren schwierig. Auch weil jedes Gebäude mit mehr als 50 Quadratmetern Wohnraum in den Statistiken als Einfamilienhaus firmiert. Und das Datschenglück umgekehrt auch in alten Bauern- oder aufgegebenen Bahnwärterhäusern zu Hause ist. Aber vermutlich beschreibt das nicht von ungefähr aus dem Russischen importierte Wort ja auch weniger einen konkreten als vielmehr einen Sehnsuchtsort.

obladenImmerhin das ist eine Grundkonstante dieser Patchworklebenswelten zwischen Stadt und Land: Das eine wäre ohne das andere nicht denkbar. Die urbane Lebenswirklichkeit bildet die Folie, auf der man seine ganz spezifische Vorstellung von Landleben inszeniert. Das weiß auch Silke Obladen, wenn sie das ästhetische Konzept ihres Holzhauses in Himmelpfort reflektiert: „Die Idee war von Anfang an, es so karg wie möglich zu halten. Möglichst schlicht und reduziert – mindestens unterbewusst auch als Kontrapunkt zu all dem Krams und Krempel, mit dem man in Berlin eben täglich konfrontiert wird.“

Weiterlesen: Wer wissen will, wie Brandenburg schmeckt, sollte Mathias Esbach fragen. Der 28-Jährige ist in Müncheberg aufgewachsen – und heute Chefkoch im buchstäblich naheliegenden Gut Klostermühle 

Umgekehrt mag Jens Alder auch nach nunmehr sechs Sommern auf Gut Sternhagen die Großstadt nicht missen: „Wenn man hier draußen am Lagerfeuer mit Menschen sitzt, die gar nicht mehr in die Stadt kommen, dann ist das schon ein Riesenunterschied. Da geht es dann um Trecker, Fußball, die Lokalpolitik … dann hören die Themen auf.“

Eine Erkenntnis, die Hannes Erdinger teilt. Sein Fehler: Der Verwaltungsjurist hatte seine Datsche in Klein Köris irgendwann gegen einen Bauplatz in beinahe direkter Nachbarschaft getauscht. „Die kollektive Miesepe-trigkeit jeweils montagsmorgens auf der Autofahrt zurück in die Stadt schien uns ein überzeugendes Argument.“

Was die Erdingers übersehen hatten: Das Geheimnis einer Datsche liegt gerade darin, eine Ausnahme der Regel zu sein. Abenteuer statt Alltag. Derselbe Seeblick wirkte aus dem Wohnzimmerfenster der Doppelhaushälfte weit weniger überzeugend. Die Erdingers wohnen längst wieder in Berlin.

Text: Clemens Niedenthal

Fotos: Silke Obladen

Kommentiere diesen Beitrag

Kommentiere diesen Beitrag

Kommentare