Dokumentarfilm

„Mein wunderbares West-Berlin“ im Kino

Keine Kleinfamilie: Schwules Leben in der Mauerstadt

Foto: Peter Hedenstroem

„Was studierste?“ – „Soziologie.“ – „Na, das ist ja ein Modefach.“ – „Also politische Sachen mach ich da überhaupt nicht im Augenblick, ich konzentrier’ mich da eher auf mein Schwulsein.“ Dabei war das damals, in den Siebzigern, doch hochpolitisch – zumindest im Verständnis vieler Homoaktivisten, die in West-Berlin eine Hochburg hatten. Über das schwule Leben dort hat Jochen Hick jetzt einen abendfüllenden Dokumentarfilm gemacht, das Pendant zu seinem Werk „Out in Ost-Berlin – Lesben und Schwule in der DDR“ (2013). Ein Film über die Stadt nach 1990 soll folgen.

Wie so viele war Hick, Jahrgang 1960, durch eine Klassenfahrt zum ersten Mal in die Mauerstadt gekommen. Die, als Kapitale ausrangiert, aber noch immer bevölkerungsreicher als jede Kommune im Bundesgebiet, bot Freiräume im übertragenen wie im buchstäblichen Sinn: Nachdem die Wiedervereinigung mit dem Mauerbau auf St. Nimmerlein vertagt schien, hatte sie eine neue Identität und Aufgabe gefunden als eine Art Abenteuerspielplatz der BRD, für Ausgestoßene und Ausgestiegene verschiedenster Sorte. So eben auch für Schwule.

Zwar galt der berüchtigte Paragraph 175 bis 1969 in der von den Nazis verschärften Form, und es gab Razzien (wobei auch der noch heute so gern bemühte Jugendschutz als Vorwand herzuhalten hatte), aber schon in den Sixties auch ein relativ reiches Szeneleben. So beklagte 1965 eine TV-Reportage als eine Ursache für die vielen Stricher am Bahnhof Zoo, dass Berlin die einzige deutsche Stadt sei, in der Männer mit Männern tanzen dürfen: „In fast dreißig einschlägigen Lokalen wird von dieser Freizügigkeit reichlich Gebrauch gemacht.“
Hick (auch für Buch, Produktion und teilweise Kamera verantwortlich) widmet jeder Mauerdekade ziemlich genau ein Drittel seines Films: dem relativ verborgenen Leben in den Sechzigern, dem euphorischen Aufbruch in den Siebzigern, den von Aids geprägten Achtzigern. Er reflektiert nicht besonders viel, sondern beschreibt eher, was war, und das in der heute für Dokumentationen üblichen Art (zumal der RBB koproduziert hat): viele Schnitte, viele Schnipsel, viele, auch rare, historische Aufnahmen, viele Zeitzeugen. Langeweile kommt nicht auf.

Hicks Suche nach den Wurzeln des heutigen „queeren“ Berlin ist ein ebenso wichtiges wie spannendes Stück Geschichtsschreibung. Was dabei fehlt, ist der „stinknormale“ Schwule: Die Zeitzeugen – fast alles Zugezogene, viele im Rentenalter – stammen nahezu ausschließlich aus der Sphäre der Künstler und Aktivisten. Entsprechend viele Prominente sind darunter: René Koch, Romy Haag, Salomé, Wolfgang Müller, Wieland Speck, Ades Zabel, Westbam, um nur einige zu nennen.

Man kann die daraus entstehende Oberflächlichkeit beklagen, man kann aber auch sagen: Auf diese Weise macht der Film neugierig und regt dazu an, sich mit den angerissenen Themen und erwähnten Personen näher zu beschäftigen. Und auch zum Nachdenken darüber, wie es heute ausschaut, und welche Probleme heute als wichtig gelten. So erschien das Nachäffen der bürgerlichen Kleinfamilie in den Siebzigern nicht als der Weisheit letzter Schluss. Damals eigneten sich die Homoaktivisten bekanntlich das Schimpfwort „schwul“ stolz an und besetzten es positiv, statt darauf zu bestehen, nur noch „Mensch mit gleichgeschlechtlicher Sexualorientierung“ genannt zu werden. Und wie hieß eines der alternativen Schwulenblätter jener Zeit? „Schwuchtel“.

Mein wunderbares West-Berlin D 2017, 98 Min., R: Jochen Hick, Start: 29.6.

Kommentiere diesen Beitrag

Kommentiere diesen Beitrag

Kommentare