Kino & Film in Berlin

„Merida – Legende der Highlands“ im Kino

Unbezähmbarer Wildfang: Mit seinem verflixten 13. Film wildert das Pixar-Studio erfolgreich in der Domäne des Mutterkonzerns Disney.

Merida - Legende der Highlands

17 Jahre nach „Toy Story“, der ersten Langfilm-Produktion des Pixar-Studios, ist auch am Sitz der Animationsfilmschmiede in Emeryville, Kalifornien, jetzt so etwas wie die Normalität des Filmbusiness eingekehrt. Lange Jahre hatten sich die Zuschauer darauf verlassen können, dass sie mit jedem neuen Pixar-Film etwas zutiefst Originelles und Überraschendes zu sehen bekamen: Mit Ausnahme der „Toy Story“-Trilogie produzierte das Studio keine Sequels, jeder Film entführte das Publikum in neue Welten, präsentierte neue animationstechnische Errungenschaften, rang dem Geschichtenerzählen neue Perspektiven ab. Doch der selbst gesetzte Zwang zur Originalität muss für die Filmemacher auch einen so erheblichen Druck bedeutet haben, dass man unlängst ein wenig umschwenkte – vielleicht auch dank tätiger Mithilfe des Mutterkonzerns Disney und dessen stark zu vermutender kommerzieller Erwartungshaltung: Schließlich lassen sich Kinoerfolge relativ gefahrlos auch immer mindestens noch ein zweites Mal verwerten. So kam im vergangenen Jahr „Cars 2“ in die Kinos, und die Sequels zu „Die Monster AG“ und „Findet Nemo“ sind auch schon angekündigt. Und was die Erfolgsformel für Animationsfilme angeht – darauf besitzt Disney ja praktisch das Patent. 
Merida - Legende der HighlandsWas uns zum jüngsten Pixar-Film „Merida – Legende der Highlands“ führt. Der beruht zwar auf einer Originalgeschichte der Autorin und Regisseurin Brenda Chapman („Der Prinz von Ägypten“), wirkt dafür jedoch in nahezu jeder Hinsicht wie ein Disney-Film. Was gar keine Kritik sein soll, schließlich entstanden beim Mäuseimperium über die Jahrzehnte hinweg ganz wundervolle Werke.
Und ganz wunderbar ist auch „Merida“: in der Figurencharakterisierung ebenso wie in seiner Mischung aus Witz und Dramatik, mit der ein Mutter-Tochter-Konflikt erzählt wird, in dem auch Irrlichter, eine munter-verantwortungslose Hexe und verzauberte Bären eine Rolle spielen. Die detailreiche Darstellung der mythischen und verwunschenen schottischen Landschaft könnte man sogar durchaus als Computeranimationsentsprechung zum Jahreszeitenwechsel im Wald in Disneys Kunstwerk-Klassiker „Bambi“ bezeichnen. Die zeichnerische Qualität der Vorstufen von Computeranimation ist (wie beispielsweise auch die nebenstehende Zeichnung belegt) auch immer noch so fantastisch und mit dem gleichen liebevollen Aufwand ausgeführt wie einst beim traditionellen Zeichentrick. Schließlich rechnet der Computer nicht von alleine.
Aber wer hätte jemals die Coming-of-Age-Geschichte einer mittelalterlichen Prinzessin bei den Pixar-Avantgardisten vermutet? Die mutigen und selbstbewussten Mädchen gehören nämlich zum Disney-Standard der letzten zwanzig Jahre, seit Palasttreppen feudelnde Prinzessinnen а la Schneewittchen auch dort lange ausgedient haben.
Merida - Legende der HighlandsEs ist diese neuere Tradition, in die sich nun eben auch Merida einreiht, der jugendliche Wildfang mit dem ungezähmten roten Haar, der lieber Reiten, Klettern und Bogenschießen geht, als brav zu Hause zu sitzen. Ihre Mutter, Königin Elinor, aber hat deutlich konservativere Vorstellungen von der Rolle einer Prinzessin im Mittelalter und wünscht eine baldige Vermählung ihrer Tochter mit einem der Söhne befreundeter Clanchefs. Den nun anhebenden Generationskonflikt zwischen Erwartungshaltungen und Totalverweigerung modellierte Brenda Chapman nach eigener Aussage auf der Basis der Beziehung zu ihrer eigenen dickköpfigen Tochter; sechs Jahre lang arbeitete sie an diesem Projekt, ehe sie schließlich durch den Regisseur Mark Andrews ersetzt wurde. Für den Rauswurf mussten die berüchtigten „künstlerischen Differenzen“ herhalten, über die sich seitdem alle Beteiligten eisern ausschweigen. Wenn man einmal spekulieren will: Vermutlich wollte das Studio mehr Action und Humor, die nun vor allem in diversen in Parallelmontagen entwickelten Verfolgungsjagden zum Tragen kommen. Dass man im Film keinen Bruch erkennen kann, ist zweifellos ein Zeichen für die unbestritten hohe Professionalität, mit der man es bei Pixar immer noch zu tun hat. Wer sich von falschen Erwartungshaltungen frei machen kann, sieht einen fabelhaften Film.

Text: Lars Penning

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Merida – Legende der Highlands“ im Kino in Berlin

Merida – Legende der Highlands (Brave), USA 2012; Regie: Mark Andrews, Brenda Chapman, Steve Purcell; Sprecher OF:
Kelly Macdonald (Prinzessin Merida), Emma Thompson (Königin Elinor), Billy Connolly (König Fergus); 100 Minuten; FSK 6

Kinostart: 2. August

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