Platten

Michael Kiwanuka, Sufjan Stevens, Kele und mehr – Die wichtigsten Platten im November 2019

Faber

Emo-Polka
Faber: “I Fucking Love My Life” (Vertigo Berlin/Universal)
Mit zynischem, nihilistischem und misanthropischem Blick schaut Faber auf eine Gesellschaft, die immer mehr nach rechts rückt, in der Leistungsdruck zu einem übermächtigen Sinnvakuum geführt hat. Fabers Sprache ist derbe, sein Sound oft dramatisch: Powerpolka, Balkanbeats und Filmmusik wechseln sich ab. Dazwischen leisere Blues- und Singer/Songwriter-Töne. Fabers Texte sind zweifellos kontrovers. Aber auch mutig und definitiv einzigartig. HM


Michael Kiwanuka

Soul
Michael Kiwanuka: „Kiwanuka“ (Polydor/Universal)
Wer mit Soul nichts anfangen kann, sollte sich ernsthaft Gedanken machen, wie oft er seine Seele schon dem Teufel verkauft hat. Der Schlamassel am Soul ist indes, dass die Adele-Kuschelzuckerwatteversion das Konsensradio heutzutage durchgeistert. Ein Glück gibt es Michael Kiwanuka. Bester Mann, der Brite, Jahrgang 1987. Kein anderer bringt die Mollnuancen von Motown-Vintage so glaubwürdig und so dramatisch zusammen mit durch HipHop dezent aufgepimpten Beats. SH


Pumarosa

Indie-Pop
Pumarosa: „Devastation“ (Caroline/Universal)
Erst 2017 gegründet wirken Londons Pumarosa schon wie alte Hasen, so selbstbewusst wirkt ihr feinnerviger Pop. Auf Album Nr. 2 ist der Sound elektronischer, unverändert ist die Liebe für sehr britische Inspirationen, ob Kate Bush oder Portishead. Der Albumtitel weist auf Abgründe hin, Düsteres mischt sich in schöne Melodien, Noise, hypernervöse Drums. Trotz der Masse an Impulsen wirkt doch alles leichthändig verwoben, und am Ende nisten sich viele Songs ein. UR


Sufjan Stevens

Klavier
Sufjan Stevens & Timo Andres: “The Decalogue” (Asthmatic Kitty/Cargo)
Tanz die zehn Gebote: Sufjan Stevens hat zum Ballett „The Decalogue“ des Choreografen Justin Peck die Musik beigesteuert, der Pianist Timo Andres hat sie jetzt zum ersten Mal eingespielt. Die zehn kurzen Klavierstücke erinnern an die impressionistische Klangsprache Claude Debussys, entwickeln in ihrer stilsicheren Konzentriertheit aber so viel Energie, dass sie auch ohne Vergleich bestens dastehen. Stevens ist eben sehr vielseitig begabt, muss man anerkennen. TCB


Sin Fang

Indietronics
Sin Fang: “Sad Party” (Morr/Indigo)
Sin Fang aka Sindri Már Sigfússon gehört als Solist und mit Seabear zu den Säulen des isländischen Indietronic-Pop, ohne je die Prominenz von Björk oder Múm erreicht zu haben. Jetzt wird auf halber Strecke auch noch sein Reykjavíker Studio abgewickelt! Er trägt es mit melancholischer Fassung, aber psychedelisch verspielt. Eine „Sad Party“ eben. Sein sechstes Album bietet keine memorable Hymne, sondern flauschige Momente: Sin Fang bleibt nett wie immer. STG


Max Herre

HipHop
Max Herre: „Athen“ (Lesedi Music/Universal)
Seit mehr als 20 Jahren hält Max Herre den HipHop spannend. Auch auf „Athen“ stimmt die Mischung von Disco-Dub über Jazz-Anleihen zu Zeitlupen-Beats oder 90er-Jahre-Referenzen. Für den Song „Dunkles Kapitel“, der ein Stück (Familien-)Geschichte Revue passieren lässt, gewinnt der Berliner den Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow sowie die Rapper Megaloh und Sugar MMFK als prominente Feature-Gäste. Nicht nur hier spürt man: Herre liebt eher die leisen Töne. DL


Jewish Monkeys

Klezmerpunk
Jewish Monkeys: “Catastrophic Life” (Greedy for Best Music/Indigo)
Der auf dem Backcover zwischen Lotterlaken erschlaffte Monkeys-Sänger Jossi Reich erinnert an die Leonard-Cohen-Zeile vom „lazy bastard living in a suit“. Dabei sind die Tel Aviver gar nicht faul und verschonen vom Algorithmus bis zum Rassisten nichts und niemanden mit Balkan-Bums-Beat-gepimpten Klezmerklarinetten, tempolimitübertretenden Surf’n’Ska-Rhythmen und einem Schockmoment-Humor, der das Lachen im Hals steckenbleiben lässt. VSZ


Kele

Afro-Soulpop
Kele: „2042“ (Kola/Indigo)
„2042“ ist die vierte Solo-Platte von Kele Okereke, seine Vergangenheit als Bloc-Party-Frontmann verschwindet langsam im Rückspiegel. Weg ist sie nicht, manchmal meint man während eines Refrains, in einem Gitarrenmotiv eine Idee aus alten Zeiten zu hören. Eigentlich aber pendeln sich die 16 Tracks in einem sehr zeitgenössischen Sound zwischen Bassmusik, Brit-HipHop und schwelgerischem Soulpop ein. Größter Hit: das zärtelnde „Guava Rubicon“. JOV


Henning Wehland

Rock
Henning Wehland: „Gesetz der Toleranz“ (BLX/Rough Trade)
Der Ex-H-Blockx und Immer-noch-Sohn-Mannheims entdeckt auf seinem zweiten Soloalbum die Politik. Er plädiert für eine tresengestützte Koalition gegen rechts („Es brennt noch Licht in der Stadt“), verurteilt Rassismus und Hass („Klatschen kann jeder“) und sorgt sich um die Zukunft der Menschheit („S.O.S.“). Dass der Mann das Herz am rechten Fleck, also eher links trägt, lässt den Mix aus Knüppelschlagzeug, Gitarrengekniedel und HipHop-Ausflügen gut ertragen. to


Daniel Kahn

Folklore
Daniel Kahn: „Bulat Blues“ (Oriente Musik/FMS)
Diesmal ohne seine Combo The Painted Bird widmet sich der in Berlin lebende US-Amerikaner Daniel Kahn dem Werk der russischen Liedermacher-Ikone Bulat Okudschawa. Die dezent arrangierten Stücke wandeln zwischen Cohen-eskem Folk und schunkeligem Klezmer. Bemerkenswert sind jedoch vor allem Okudschawas melancholisch-poetische Erzählungen von Vergänglichkeit und Freundschaft, Liebe und Krieg, die Kahn ins Englische übersetzt hat. NT