100 Jahre Oktoberrevolution

„Der Machtmensch wird zum Pflegefall“ – Milo Rau über seine Inszenierung „Lenin“

Der Autor und Regisseur Milo Rau über Verschleifspuren der Geschichte und seine Inszenierung „Lenin“ an der Schaubühne als theatrale Allegorie auf den Verlauf der Oktoberrevolution

Foto: Thomas Müller

tip Herr Rau, es hat eine gewisse Logik, dass Sie als Regisseur, der sich für politischen Massenmord interessiert, an der Schaubühne ein Stück über Lenin zeigen. Was unterscheidet diese Beschäftigung mit einem historischen Stoff von Ihren Dokumentarinszenierungen?
Milo Rau Formal ist „Lenin“ ein auf Quellen basierendes Historienstück, das ich mit dem Ensemble der Schaubühne inszeniere. Die Interessen der beteiligten Schauspieler spielen eine wichtige Rolle, sind aber fast überall ins Historische transformiert. Was es mit anderen meiner Theater-Arbeiten verbindet, sind sicher die repräsentationskritischen Momente. Eine zentrale Frage der Inszenierung ist: Wie kann eine Revolution derart total in ihren Ansprüchen scheitern? Wie konnte aus all dieser Hoffnung, diesem universellen Aufbruch staatlicher Massenterror und eine repressive Bürokratie entstehen? Nun hatte ich ja immer eine eher pessimistische Sicht auf die Geschichte, meine historischen Arbeiten handeln ja meistens von Genozid, scheiternden Revolutionen, Vertreibung. Trotzdem, sozusagen um diesen pessimistischen Blick auszubalancieren, habe ich immer wieder optimistische Projekte gemacht wie das „Kongo Tribunal“, das erste Weltwirtschaftstribunal oder Anfang November die „General Assembly“, das erste Weltparlament. In einem älteren Stück über die Ermordung der Ceaușescus hat mich interessiert: Wie etablieren sich in Rumänien die alten Machteliten unter neuem, scheinbar demokratischen Vorzeichen – indem sie 1989 einfach den entmachteten Diktator opfern? Was sind die Verschleifspuren der Geschichte? Das hat Parallelen zu meinem aktuellen Stück über Lenins Tod: Der Kult um ihn wird benutzt, um die autoritäre Herrschaft einer Partei zu etablieren, mit der er selbst zum Zeitpunkt seines Todes nicht mehr einverstanden ist.

tip Es gibt die links-romantische Vorstellung, erst mit Lenins Tod 1924 und der Herrschaft Stalins verliere die Revolution der Bolschewisten ihr emanzipatorisches Potential, ihre Unschuld und degeneriere zur Diktatur, während Lenin noch für die kommunistische Utopie stehe. Das ist eine naive Vorstellung – oder Wunschdenken. Bekanntlich setzten die Bolschewisten schon unter Lenin vor allem auf Gewalt und den politischen Massenmord als wirkungsvollstes Machtmittel. Wollen Sie Lenin romantisieren?
Milo Rau Dazu gibt es keinen Grund. Lenin wollte 1917 den Weltkrieg durch den Weltbürgerkrieg ersetzen, sein Ziel war der globale Umsturz. Die parlamentarische Demokratie war in seinen Augen ein bloßer Überbau ökonomischer Ausbeutung, und die musste zerstört werden. Der Unterschied zu Stalin ist nicht, dass Lenin Demokrat gewesen wäre – das war er keineswegs – sondern sein Internationalismus. Stalin hat das nicht mehr interessiert, er hat nach Lenins Tod und der Ausschaltung Trotzkis die Weltrevolution durch primitivste russische Großmachtpolitik ersetzt. Das politische Genie Lenins lag in seinem Machiavellismus, er war ein brillanter Taktiker der Macht. Die Oktoberrevolution 1917 war der Putsch einer entschlossenen Kader-Partei. Der berühmte Sturm auf den Winterpalast war keine Massenaktion. Das uns von Eisenstein überlieferte ikonische Bild der stürmenden Arbeiter und Soldaten ist die Inszenierung einer quasi-demokratischen Massenbasis, die es damals so nicht gab – und die wir in unserer „General Assembly“ und dem „Sturm auf den Reichstag“ Anfang November versuchen werden, ins Heute zu übersetzen.

tip Was geschieht in „Lenin“, Ihrer Inszenierung über den sterbenden Lenin?
Milo Rau Es geht um die letzten Monate von Lenins Leben, komprimiert auf einen Morgen, einen Nachmittag, einen Abend, eine Nacht. Natürlich steht dieser Tag metaphorisch für die Jugend, das Altern und den Tod der Revolution. Vor allem aber geht es um die Mikrodynamik der Macht: Lenins Isolation, wie Stalin Trotzki abserviert. Wie aus dem Futurismus ein gruseliger, traditionalistischer Realismus wird. Wie eine Revolution, die konserviert werden soll, selbst konservativ wird. Je weiter das Stück fortschreitet, desto mehr geraten wir sozusagen in Lenins Gehirn, wir sehen die Welt mit dem Blick eines völlig paranoiden, verwirrten Menschen. Am Ende des Abends erleidet er seinen zweiten Hirnschlag, er ist gelähmt und kann nicht mehr sprechen. Ein willensstarker Machtmensch wird zu einem kranken Mann, ein Pflegefall, der ohnmächtig zusehen muss, wie Stalin die Nachfolge übernimmt. Die Schauspielerin Ursina Lardi spielt Lenin und zeigt diesen zugleich politischen und physischen Verwandlungsprozess. Man sieht zuerst eine Schauspielerin, die quasi Method-Acting-mäßig alles Erforderliche für diese „Rolle“ auf sich nimmt – und im Lauf des Abends tatsächlich durch die Spielweise, durch die Arbeit der Maskenbildner zu Lenin wird. Bis am Ende aus einem vitalen Menschen eine einbalsamierte Ikone geworden ist: eine thea­trale Allegorie auf den tatsächlichen Verlauf der russischen Revolution.

tip Ist das mehr als ein Historiendrama als Referenz zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution in diesem Jahr?
Milo Rau Ich mag diese ironischen History-Channel-Stücke nicht, wie sie momentan überall gezeigt werden. Man erfährt deshalb in „Lenin“, wie immer in meinen Stücken, nichts über die historische Großsituation. „Lenin“ ist die Herstellung einer Atmosphäre: der stickigen Atmosphäre einer sterbenden Revolution. Das Stück hat, glaube ich, einerseits sehr viel und andererseits sehr wenig mit unserer Gegenwart zu tun. Wenn ich mit historischem Material arbeite, belasse ich es in seiner Eigenart, die oft überraschend ist. Aber ich hoffe, dass es aus sich heraus, aus der szenischen Situation, eine Heutigkeit entwickelt. Ein Punkt, der mir wichtig ist: Welchen Preise zahlen wir – wie die Menschen vor 100 Jahren – für das Verschwinden der Utopie? Es ist doch so: Die kommunistische Vorstellung, dass grundlegend andere Verhältnisse notwendig sind, dieses totale Nein zum „Immer-weiter“, ist diskreditiert als „Terror“. Also tun wir nichts und schauen zu, wie der Planet direkt in die klimatische und humane Katastrophe schlittert. Auch wenn im Fall Europas dieses Zugucken natürlich recht angenehm organisiert ist.

Termine:

Lenin Schaubühne, Eintritt 7–48 €
General Assembly“ (Welt­parlament), Schaubühne, Eintritt 5 €, Package komplett 25 €
Sturm auf den Reichstag (Reenactment), Wiese vor dem Reichstag
Das Kongo Tribunal (Dokumentarfilm)

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