So war es bei Berlin mit Berlinern präsentiert von Mastercard Priceless Berlin im Oktober

Mit Dieter Kosslick durch das Hansaviertel spazieren

Auf einmal ist „Mister Berlinale“ dann mal weg. Wo ist Dieter Kosslick?

Es ist ein Mittwoch-Vormittag, 10 Uhr morgens. Der Kiezspaziergang hat noch gar nicht begonnen. Die Teilnehmer stehen vollzählig vor dem S-Bahnhof Bellevue. Könnte also losgehen.

Die Sonne scheint sommerwarm vom Himmel, als hätte ihr keiner Bescheid gegeben, dass es schon Mitte Oktober ist. Kosslick, 70, seit 2001 Chef der Internationalen Berliner Filmfestspiele, soll durchs Hansaviertel führen. Derzeit bereitet er seine letzte Berlinale im kommenden Februar vor. „Wenn ich nicht hier wäre, wäre ich eigentlich im Kino gewesen“, hat er eben noch, gerade am Bahnhof eingetroffen, gesagt. Am Revers seines Jackets: ein Berlinale-Bär.

Und jetzt ist Kosslick weg.

Es gibt jede Menge Filme, die so anfangen, denkt man bei sich. Dass jemand plötzlich verschwindet. Einfach so. Rätselhaft. In diesem Moment aber kommt Kosslick von ganz unvermuteter Seite zurück: von der Bahnhofstreppe. „Ich habe für Sie mal kurz geguckt, ob hier sieben historische Fenster noch da sind. Sind sie aber nicht“, parliert er munter. „Da können Sie sich den Weg sparen.“ Der S-Bahnhof Bellevue sei nämlich als einer der wenigen S-Bahnhöfe noch quasi im Originalzustand, als die damalige Stadtbahn Ende der 1870er-Jahre gebaut wurde.

Als erstes fragt Kosslick in die Runde: „Wer war schon mal im Hansaviertel?“ Viele Hände gehen hoch. „Ach, Sie wohnen alle hier und wollten mich nur mal sehen, wie ich das hier mache?“ Man kennt das, wenn Kosslick jedes Jahr bei der Berlinale über den Roten Teppich marschiert. Sein Kommunikationstalent ist legendär. Hier ein Spruch, da ein Witz. Und weiter im Text.

Erste Station: das Buchstabenmuseum im Stadtbahnbogen, ein paar hundert Meter vom Bahnhof Bellevue entfernt. Kosslick hat beim Spaziergang dahin noch schnell die gastronomischen Einrichtungen am Wegesrand abgehakt. Hier ein guter Kroate, da der beste Eisladen, und da hinten erst: die Konditorei Buchwald, „die machen den besten Baumkuchen, aber nehmen Sie sich dafür Zeit.“ Dann also das Buchstabenmuseum. 2005 gegründet, zuvor mit jetzt geschlossener Location in der Holzmarktstraße, ist es nach Eigendarstellung das erste Museum weltweit, das Typographie aus dem öffentlichen Raum sammelt. Im Stadtbahnbogen lagern die rund 2.000 Einzelstücke: Schriftzüge von Kaiser’s und Reichelt, von der Galeria Kaufhof, ein „Robotron“-Schriftzug aus der Kantine des DDR-Computerkombinats in Dresden. An einer Wand prangt die legendäre „Zierfische“-Typographie aus der Karl-Marx-Allee, den Leiterin Barbara Dechant, die gemeinsam mit ihrem Ko-Vorstandschef Till Kaposty-Bliss durch das Gewölbe führt, auf abenteuerliche Weise davor bewahrte, von Dieben über dem damals längst geschlossenen Laden abmontiert zu werden.

Barbara Dechant: „Wir könnten stundenlang über Buchstaben reden.“

Kosslick: „Es gibt doch nur 24.“

Kaposty-Bliss: „Na ja, und ein paar Umlaute.“

Die Öffnung des Museums ist in den nächsten Wochen geplant, ein paar bürokratische Hürden gibt es noch, und ehrenamtlich machen sie hier die Buchstaben-Pflege ja obendrein. „Wir können ruhig weiterlaufen, dann rede ich dabei“, sagt Kosslick.

Bilder

Die Karl-Marx-Allee hieß einst Stalin-Allee (die heutige Frankfurter Allee gehört auch dazu) und hatte viel mit dem Hansaviertel zu tun. Sein südlicher Teil entstand nämlich in den 50er-Jahren als Gegenentwurf zur DDR-Prestigestraße, erzählt Kosslick. Klassische Moderne! Stilbildend! 36 internationale Architekten! Bei der Internationalen Bauausstellung 1957 war das eine Sensation. „Hierher kommen Gruppen aus der ganzen Welt“, sagt Kosslick. „Nur nicht aus Berlin.“

Er selbst zog 2004 ins Viertel. Vor ein paar Jahren ist er auch in den Bürgerverein eingetreten. Man sieht ihm an: Das Hansaviertel liegt ihm am Herzen. Und er deutet auf einen eher unspektakulären Bau auf der anderen Seite des Bahndamms: „Alles, was Bauausstellung war, war Konzept. Den Rest hat man einfach so hochgezogen.“

Es geht weiter zu einigen markanten Wohnhäusern. Zum Beispiel dem „Zeilen“-Hochhaus von Egon Eiermann in der Bartningallee. „Kleine Wohnungen für ein bis zwei Personen“, sagt Kosslick. „Die Leute lieben es, hier zu wohnen.“ Und er zeigt auf eine Holzstange im Erdgeschoss, die auf ganzer Hausbreite einfach die Wände herauf geht. „Interessante Details! Die Stange läuft einfach so durch.“ Er erzählt von der Hansa-Bibliothek, deren Garten er eigentlich zeigen wollte: „Wenn Sie Lust haben, in der Natur zu lesen. Eine der schönsten Lesebibliotheken Berlins!“ Zwischendurch weist Kosslick auf eines von 35 Kunstwerken, die im Rahmen der IBA im Viertel verteilt sind, und ulkt: „Keiner weiß, wo genau die alle stehen.“

Ein Wohnblock, auf den Kosslick dann zusteuert, ist der Bau von Oscar Niemeyer in der Altonaer Straße, der auch zu den IBA-Bauten gehört. Jener Niemeyer, der in der brasilianischen Hauptstadt atemberaubende Bauten hingelegt hatte. Eine Etage des Hauses sei dabei komplett als Gemeinschaftsetage vorgesehen gewesen, sie ist von unten gut zu erkennen. „Wird nicht genutzt“, sagt Kosslick achselzuckend. „Da steht ein Bügelbrett drin. Bügelt aber keiner.“ Ein Gärtner schiebt seine Schubkarre vorbei. Kosslick fragt ihn: „Wird die Gemeinschaftsetage noch genutzt?“ Der Mann grinst: „Wofür?“

Der turmartige Fahrstuhl an der Rückseite ist auch bemerkenswert. Verbindungen zum Haus selbst gibt es nur in der dritten und fünften Etage. Alle anderen steigen halt Treppen.

Einmal sagt Kosslick: „Hier wird oft gedreht.“ Filme, die in Amerika spielen, zum Beispiel. „ Ich kann überhaupt nichts dagegen sagen, weil, ich brauche ja die Filme“. Einmal Berlinale-Chef, immer Berlinale-Chef.

Bevor es zum Abschlusskaffee zur 1960 von Werner Düttmann errichteten Akademie der Künste im Hanseatenweg geht – und  der mit Kosslick befreundete Verwaltungsdirektor Maximilian Müllner noch eine ausgedehnte Spontanführung durchs Haus gibt – , noch ein Abstecher zu den flachen, in so genannter Teppichstruktur angeordneten IBA-Flachbauten im Süden des Hansaviertels. Teure Gegend. Beste Lage. Aber so schön! „Ich kenne die hier alle“, sagt Kosslick. Er zeigt auf eine Wohnzeile des dänischen „Superarchitekten Arne Jacobsen“, wie er sagt, mit vier aneinander gereihten Atriumhäusern, „sogar in Arne-Jacobsen-Farben!“ In diesem Moment schlägt die Kaiser-Friedrich-Gedächtniskirche, die sich vom Rande des Großen Tiergartens über die hellen Flachdächer erhebt, zwölf Uhr. Und wie sie schlägt. Mit Macht. Dingdong. „Seit sie die Kirche renoviert haben, kann man hier um 12 Uhr kein Wort mehr reden“, witzelt Kosslick.

Vor dem Akademie-Bau muss Kosslick unbedingt noch auf die, wie er sagt, „teuerste Skulptur“ verweisen: „Die Liegende“ des britischen Künstlers Henry Moore. „Der hat die extra so schwer gemacht“, sagt Dieter Kosslick, Hansaviertel-Fan, Mister Berlinale. „Sonst würde sie schon bei mir im Garten stehen.“

Falls also irgendwann mal jemand fragt: Wo ist Moores „Die Liegende“? Wir hätten da eine Vermutung.

Text: Erik Heier

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