Musik- und Stadtgeschichte

Mit Lüül an Nicos Grab

Auf dem „Selbstmörderfriedhof“ in Grunewald ruht Pop-Ikone Nico, deren Todestag sich am 18. Juli zum 30. Mal jährt. Der Musiker Lüül pflegt die Erinnerung an seine einstige Liebe

Lüül, Nicos letzter Lebensgefährte, am Grab von Christa „Nico“ Päffgen, die bei einem Fahrradunfall auf Ibiza starb
Foto: David Von Becker

Wenn nun die todessehnsüchtigen Fans aus aller Welt wieder nach Berlin kommen, um an Nicos Grab zu pilgern und eine Blume, einen Joint oder eine ­Heroinspritze niederzulegen, dann müssen sie tief ­hinein in den Grunewald. Denn da draußen hinter dem Teufelssee, auf dem sogenannten ­„Selbstmörderfriedhof“, ruht Nico, obwohl sie sich nicht umgebracht hat, sondern auf Ibiza vom Fahrrad gefallen ist – und wirklich ruhen kann eine wie sie wohl nicht mal im Tod. Die Stille ist also trügerisch, doch eines ist wohl wahr: Hier ist seit bald 30 Jahren die Asche der Christa Päffgen begraben, wie Nico mit bürgerlichem Namen hieß – Velvet-Underground-Sängerin, Schauspielerin, Supermodel, Supermuse, Wahnsinnige. Und Lutz Graf-Ulbrich ist so etwas wie der Grabbeauftragte, der alle fünf Jahre ein paar hundert Euro einsammeln muss, um das Grab zu finanzieren. Wobei das Geld schnell beisammen ist, es handelt sich schließlich um die letzte Beweihräucherungsstätte einer Mondgöttin.

Aber Lutz Graf-Ulbrich ist viel mehr als nur Kassenwart. Er ist Lüül, Musiker der Berliner Krautrockbands Agita­tion Free und Ashra, Mitglied des Kollektivs 17 Hippies – und Nicos ehemaliger Gitarrist und Liebhaber. Der oft vergessene Deutsche in der prominenten Reihe ihrer Verflossenen, zu denen keine Geringeren als Jim Morrison, Alain Delon, Leonard Cohen, Brian Jones, Lou Reed, Bob Dylan, John Cale, Andy Warhol und Iggy Pop zählen. Und eben Lüül. Vor zehn Jahren hat er bei der Stadt einen Antrag eingereicht: Er wollte Nico ein Ehrengrab schenken. Mit ihrer Kunst und ihrem Leben habe sie sich schließlich auch um Berlin verdient gemacht. Das Bezirksamt hätte dann die Kosten für die Grabpflege übernommen. Doch dem Antrag konnte man nicht stattgeben, wie ihm damals mitgeteilt wurde, eine Begründung bekam er nicht. Die Berliner Bürokratie steht allerdings auch nicht gerade im Ruf, ein Herz für gefallene Engel zu haben.

Seit etwa einem Jahr ist Lüül nicht mehr an Nicos Grab gewesen, doch anlässlich des bevorstehenden 30. Todestags fährt er in seinem dunkelgrauen Renault Megane mal ­wieder raus in den Grunewald, mit weißem Hemd, beiger Weste und Sommerhut, und schaut sich an, welche Botschaften die Pilger so ins Kästchen gelegt haben.

Wenn er jetzt einen Nico-Song aussuchen müsste, um das musikalisch zu untermalen, dann wohl „Muetterlein“, den sie ihrer Mutter Margarete gewidmet hat und der auch auf ihrer Beerdigung lief: „Liebes kleines Mütterlein, nun darf ich endlich bei dir sein, die Sehnsucht und die Einsamkeit, erlösen sich in Seligkeit.“ Damit ist Nicos morbide Ader schon ganz gut umschrieben, hinzu kommt ihre markante tiefe Stimme, die Schwere, das Pathos, die Orgelklänge – auf heutige Hörer mag das befremdlich wirken, damals war es einzigartig.

Mit ihrer Grabesstimme und ihrem dunklen Image nahm Nico Genres wie Gothic vorweg
Foto: P. L. Noble / Beggars Banquet

„Es gab niemanden, der etwas Vergleichbares machte“, sagt Lüül. Er hat ein Buch geschrieben über seine Jahre mit Nico und es „Im Schatten der Mondgöttin“ genannt. Darin beschreibt er seine erste Begegnung mit ihr in der Pariser Opéra Comique 1973: „Nur ein Scheinwerfer. Dann kam sie. Nico. Überirdisch. Unnahbar schön. Allein mit ihrem indischen Harmonium.“ Magisch hat das damals auf Lüül gewirkt. Ja, und auch er hat sie angehimmelt. „Sie war ­sagenumwoben“, erinnert er sich. Wie von einem Nebelschleier umgeben, all die Geschichten, die man so von ihr erzählte und die sie über sich selbst erzählte, blieben vage, halb erlebt, halb erdacht. Die Kult- und Kunstfigur Nico lebte von ihrer Aura und dem Mysterium, das sie um sich herum schuf. „Sie war unergründlich“, sagt Lüül.

Schleierhaft ist ihm bis heute auch, weshalb sie sich ausgerechnet ihn ausgesucht hat, damals bei der ­Party des gemeinsamen Managers Assaad und später im Backstage-Zelt eines Festivals in Frankreich. Weshalb sie sich im Hotel vor ihm auszog und nackt aufs Bett legte. Vielleicht waren sie sich ja doch gar nicht so fern: Sie aufgewachsen in Schöneberg, im KaDeWe als Model entdeckt, er Musiker aus Charlottenburg, beide Kinder des Nachkriegsberlins. So jedenfalls kam die Mondgöttin ins Leben des 14 Jahre jüngeren Lutz Ulbrich und verlieh ihm ungeahnte Größe. Es folgte: „die wilde Zeit“. Ein Leben aus dem Koffer, von Paris nach Amsterdam, immer dem billigen Heroin nach, die Konzertreisen durch die USA. Apropos Heroin: Es machte sie selbstsicherer, sagt Lüül, aber auch selbstsüchtiger. „Sie war die egozentrischste Person, die ich je kennengelernt habe. Alle halten sie ja so hoch, aber hey, sie war auch eine Bitch! Sie hat Menschen betrogen.“ Doch so wie sie nicht vom Heroin loskam, kam er nicht von ihr los.

Dann das große Finale im Chelsea Hotel, New York. Einem Drehbuchautor würde man diese Szene wohl aus seinem Skript streichen, weil maßlos übertrieben: Nico auf Methadon und Alkohol, es kommt zum Streit, ein Bügeleisen fliegt durchs Fenster (Lüül: „Ich hätte es sonst voll in die Fresse gekriegt.“), sie spuckt ihm ins Gesicht, er würgt und schlägt sie, bis sie fällt und liegen bleibt (Lüül: „Ich dachte schon: Jetzt biste ein Mörder!“), doch sie lebt, die Polizei kommt, der Vorhang fällt. Im wahren Leben geht die Geschichte weiter, die beiden bleiben „in Freundschaft verbunden“, wie man so sagt, sie singt das Lied „Reich der Träume“ für ihn ein, er organisiert ihr letztes Konzert im Planetarium Berlin, sechs Wochen vor ihrem Tod, von dem Lüül am Telefon erfährt. Am 18. Juli 1988 fällt sie in Ibiza vom Fahrrad. Gehirnblutung.

„Sie hat großen Anteil an meinem Leben“, sagt der heute 65-jährige Lüül. „Aber trotzdem nur ein Teil, so soll’s auch sein.“ Er hat schließlich eine eigene Band und ein neues Album. Und außerdem sollte er das mit Nico auch nicht übertreiben, der lieben Frau Daniela wegen, die den Nico-Hype „verständnisvoll erträgt“. Trotzdem: So eine Bustour durch Berlin wäre doch was. „Auf den Spuren von Nico“. Sie würde von der Neuen Nationalgalerie, in der sie mal ein Konzert mit Brian Eno und John Cale abgebrochen hat, über ihr altes Wohnhaus in Schöneberg bis in den Grunewald führen. Zum Grab, wo man es Weiß auf Schwarz nachlesen kann: „NICO. Christa Päffgen. 1938 –1988.“ Morrissey war kürzlich hier. Auf dem Grabstein leuchtet Konfetti.

Exklusiv: Ein tip-Interview mit Nico von 1982

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