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Pandemie

Schnelltest-Selbsttest: So viel Spaß haben Negative im Lockdown-Berlin

Dunkle Wolken am Horizont: Wenn die Bundesregierung bald mehr Eingriffsmöglichkeiten beim Infektionsschutz hat, dann dürfte es in Berlin mit einigen Freiheiten vorerst vorbei sein. Je nachdem, wie strikt es wird (und sich die Inzidenz entwickelt), müssen Läden wieder schließen. Und Museen wohl auch. Derzeit darf man mit negativem Testergebnis allerdings einiges machen. Wie sich das anfühlt, was gut funktioniert und was nicht, hat tipBerlin-Autor Sebastian Scherer beim Schnelltet-Selbsttest ausprobiert.

Allein, allein: In der Alten Nationalgalerie gab es Samstag durchaus noch freie Slots – und genug Platz für unseren Autor, um auf Abstand zu gehen. Foto: Privat

Besuch in Berlin – trotz allem, und vor allem negativ

Wir hatten es seit Monaten geplant – und ein bisschen hat uns die Schnelltest-Offensive beruhigt: Meine gute Freundin Felicia ist von Düsseldorf nach Berlin gereist, um das Wochenende mit mir zu verbringen. Durchaus zu kritisieren, das ist uns bewusst. Aber: Sie und ich (ich mit meinem Freund) sind sonst isoliert im Home-Office, sie hat extra Züge zu abseitigen Zeiten gebucht, sich vorher testen lassen, und wir beide (und mein Freund) haben eisern Abstand gehalten zu allem und jedem. Eine Corona-Sünde, trotz allem, die wir aber bestmöglich abzusichern versucht haben.

Nun gut, nun war sie also von Donnerstag bis Sonntag hier. Maßgabe: Wir können nicht viel machen. Da wir uns aber ewig nicht gesehen haben, reicht uns ohnehin, was guten Freund*innen eigentlich immer reicht: Sofa, Essen, Fernsehen, vor allem aber Quatschen.

Nun bietet Berlin aber jenen Menschen, die nun mal hier sind, derzeit einige Freiheiten, natürlich mit Einschränkung. Einkaufen geht nicht nur in Supermärkten und Drogerien, sondern mit Termin und Test und Maske überall. Museen und Galerien sind geöffnet. Und Restaurants bieten Take-Away. Also entschieden wir, ein paar dieser offiziell erlaubten Angebote zu nutzen. Und begannen unseren Schnelltest-Selbsttest: Wie viel Spaß macht Berlin für Negative? Das ist vor allem auch deshalb spannend, weil Geimpfte nun wie Menschen mit negativem Testergebnis behandelt werden.

Start am Impfzentrum, schlechtes Gewissen im Coffeeshop

11 Uhr: Start am Kultur Büro Elisabeth direkt an der Invalidenstraße, Eingang gegenüber Rewe. Hier haben wir unseren Test gebucht. Ich war zuvor schon mal bei einer anderen Teststation in Mitte. Da hatten sie mir das lange Stäbchen durch die Nase gefühlt bis zur Rückwand Hinterkopf geschoben. Ein leicht ätzendes Gefühl, immerhin war die Testerin bemüht, mir Atemtechniken zu vermitteln, mit denen es besser flutscht. Schlechter wäre auch noch grausiger gewesen. Ich denke immer noch oft an dieses Gefühl.

Im Kultur Büro nun ist der Ansatz ein anderer: Ein junger Mann hat einen dieser Selbsttests für mich, den natürlich nicht ich selbst durchziehe, sondern er. Bisschen rechtes, bisschen linkes Nasenloch. DEUTLICH angenehmer als die bisherigen Tests meiner Test-Laufbahn. Felicia wiederum fand es deutlich schlimmer als Variante „einmal quer durchs Hirn“. Geschmäcker sind verschieden, ist ja nicht die einzige Disziplin, bei der unterschiedliche Menschen unterschiedliche Löcher und Techniken bevorzugen.

In der Röststätte gibts Cold Brew im praktischen Flachmann. Und ein bisschen Sorge, weil das Ergebnis noch aussteht. Foto: tipBerlin

11.15 Uhr: Wir sind keine fünf Minuten nach Ankunft durch, halten bei der nahegelegenen Röststätte an der Auguststraße. Coffeeshop, damit Lebensmittel, damit auch ohne Test zugänglich. Merkwürdig, diese Phase zwischen Abstrich und Ergebnis: Wir fühlen uns gesund, sind uns aber umso bewusster, dass wir es vielleicht nicht sind, was wir dann gleich erfahren. Dann wären wir in der Zwischenzeit mit Corona Kaffee kaufen gewesen. Verrückte Vorstellung, irgendwie. Hätten wir warten sollen? Wobei: Morgens zum Bäcker gehen wir ja auch ohne Test vorher. Zu spät, wir haben eine Latte und einen Cold Brew (verkauft im praktischen, weil wiederverschließbaren) Flachmann.

Aufs Klo, nur wo? Vorm Museum schnell zu Kaufland

12 Uhr: Kaufland! Am Alex! Warum? Weil das der einzige Ort, ist der uns gerade einfällt, der eine geöffnete Toilette hat. Ein großes Elend der Corona-Zeit ist ja nun auch, dass man sich nirgendwo einfach mal schneller erleichtern kann. Wenn man nicht die Tricks kennt. Danke Kaufland (keine bezahlte Werbung, ist nur wirklich gut, wenn man weiß, wo es noch Pötte gibt – zumal sich Berlin mit den öffentlichen Toiletten auch eher blamiert).

12.30 Uhr: Begeisterung für Berlin! Wir fahren mit dem Fahrrad umher, Unter den Linden, egal ob an der Uni oder vorm Berliner Dom: Es ist noch überall leer. Rüber zur Friedrichstraße, auch hier nicht viel los – also schon, aber eben so, wie es noch angenehm ist. Weil zig Millionen Tourist*innen fehlen.

So froh, weil Klo: Es gibt derzeit nicht viele Orte, an denen man mal schnell verschwinden kann. Das erschwert den Ausflugstag. Foto: tipBerlin

13 Uhr: Ankunft an der Alten Nationalgalerie. Das Museum gehört zu den geöffneten und hat ein besondere Richter-Werk ausgestellt, der Birkenau-Zyklus, den wir gern sehen wollen. Der Einlass läuft hervorragend: Zwei Menschen vor uns, schnell QR-Code scannen und Daten eintragen (was irgendwann eine App, möglicherweise Luca, übernehmen könnte), dann Testergebnis vorzeigen und ab zur Garderobe. Das Museum ist angenehm leer, wir haben freie Bahn, können auch Richter ausreichend auf uns Wirken lassen, begegnen teilweise in zwei, drei Räumen am Stück nur Museumspersonal. Sicherheitslevel? Gefühlt ziemlich hoch.

Beim Shoppen geht es in Berlin teils etwas sorgloser zu

15 Uhr: Wir haben uns auf dem Weg zum Museum zum Shoppen entschieden. Beziehungsweise Felicia hat das. Kurzer Check bei einem Modefilialisten, Neue Schönhäuser Straße. Macht erst mittags auf, an der Scheibe pinnt ein QR-Code, den wir am Vormittag gescannt und uns so um 14.30 Uhr einen Termin bestellt haben. Bisschen spät dran, was soll’s. Denkt offenbar auch das Personal. Die Tür öffnet sich, wir sagen „sind ein bisschen…“, da wird uns schon gesagt: Ist Wurst! Man will unseren Test sehen und den Namen wissen. Einen Ausweis zeigen wir nicht, auch haben wir das Gefühl, dass der Blick recht schnell zum „Negativ“ huscht. Könnte auch der Test von sonstwem sein, schnell weitergeleitet, weil ja Name nicht überprüft.

Welchen Timeslot wir eigentlich gebucht haben, ist auch egal. Die junge Frau trägt einfach den genannten Namen in eine fortlaufende Liste ein. Nun ja. Wird schon stimmen, überzeugt sind wir nicht so recht. Zumindest unfehlbar ist das System nicht, sagen wir es mal so.

15.15 Uhr: Zum Glück wieder raus, weil: Drinnen ist es zwar nicht pimmeldickevoll, aber auch nicht einsam. Vor den Anproben ist eine Schlange, kürzer zwar als sonst an Samstagen, aber nicht schön. In der Nähe gibt es Bubble Tea, hier ist es draußen aber immer noch chaotischer: Rechts vom Eingang lange Schlange (mit halbwegs eingehaltenen Abständen), links vom Eingang eine Ansammlung von Menschen, die auf ihr Getränk warten. Der Fußweg ist ein Parcours. Wenn das mit den Aerosolen stimmt? Am besten Luft anhalten.

Generell gibt’s im Shopping-Bermuda-Dreieck einiges zu beobachten: Es gibt diverse Schlangen, dafür aber auch völlig verwaiste Shops. Bei „and other stories“ stehen sie an, bei „Cos“ manchmal locker mit Abstand, manche mit, manche ohne Maske. Es ist deutlich voller als noch mittags, und irgendwie ist es schön, weil es lebendig aussieht, aber auch unbehaglich, weil eben doch Pandemie ist.

Unbehagen – ein paar Donuts und los

16 Uhr: Kurzer externer Einschub: Freundin berichtet, dass sie gerade ganz ohne Test beim Friseur war: „Ach, meinte sie, das passt schon.“ Nicht das erste Mal, dass ich so eine Geschichte höre. Ich weiß, dass ich auch schon in drei Geschäften mal kurz hätte schauen können ohne Test. Hatte ich neulich interessehalber mal in Kreuzberg ausprobiert. Rein beruflich (ich kaufe derzeit ohnehin quasi fast nichts außer ein paar Schallplatten).

Einer der Höhepunkte des Tages: ein kleines Donut-all-you-can-eat, zuhause auf dem (hoffentlich!) sicheren Sofa. Foto: tipBerlin

16.15 Uhr: Es reicht für den Tag. Wir haben für Corona-Verhältnisse unfassbar viel erlebt. Kultur! Menschen! Einkaufen! Menschen! Sehenswürdigkeiten! Menschen! Wir sind völlig erledigt, vielleicht, weil unsere Hirne so viel Input gar nicht mehr kennen. Wäre noch mehr möglich? Klar! Eine zweite Ausstellung vielleicht oder noch ein Kaufhaus – wer will, kann eine Menge schaffen. Aber es ist eben alles nicht so, wie es war, auch mit Test. Wer weiß, ob die anderen alle einen haben… wir wollen uns noch was Süßes holen, landen bei Donuts, die konnte man die ganze Pandemie hindurch ja ohne Test kaufen.

Vier Leute stehen im Laden, alle irgendwie Personal offenbar, dazu zwei Kund*innen. Wir warten draußen, bis sich die Lage entspannt, dabei wollen aber schon zwei andere vordrängeln. Das erste Mal an diesem Tag weisen wir Leute zurecht. Auch das eine Erkenntnis: Dass das nicht vorher geschehen ist, zeigt, dass Berlin das mit den Regeln dann doch, zumindest in Mitte, ganz gut begriffen hat. Trotzdem: Ab aufs Sofa. Wir haben wirklich genau aus dem Tag rausgeholt.


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