Shopping und Stil in Berlin

Möbel für die Zukunft – Teil 2

Neue Schränke aus alten Schubladen, Holz aus heimischen Wäldern, Ressourcenschutz und weniger Abfall: Die Themen Ökologie und faire Löhne haben die Designszene mit Macht erreicht. Neue Netzwerke und neue Labels werden der Nachhaltigkeit mehr Nachdruck verleihen. Sie wollen das Wohnen umweltverträglich machen, damit die Erde auch in Zukunft noch bewohnbar ist

Momentan hängen die Teppiche im Möbelgeschäft Inligna. Inhaberin Karin Zacharias-Langhans war auch beim „Designers Accord“. Eigentlich kommt sie aus der Wirtschaft, hat nach ihrer Tischlerlehre noch BWL studiert und bei Daimler gearbeitet. „Früher dachte ich, ich kann nichts bewegen, außer mit Geld“, sagt sie. Heute hat sie sich mit schlichten, aber hochwertigen Holztischen ein eigenes kleines ökologisches Geschäftsmodell erarbeitet. „Holz an sich ist ja schon nachhaltig, indem es eine nachwachsende Ressource ist“, erklärt sie. Ihr Material stammt zudem aus heimischen Wäldern, manche Sorten sind sogar zertifiziert nach den strengen Richtlinien des Forest Stewardship Council (FSC), eine Organisation, die sich für verantwortungsvolle Forstwirtschaft einsetzt. Wichtig ist der Designerin auch ein sozialer Preis. „Wenn mein Produkt nur für Reiche ist, dann macht es keinen Sinn“, erklärt sie. IKEA-Preise darf dennoch niemand erwarten, schließlich sollen ihre Tische viele Jahre halten.

Dass die Zusammenarbeit mit Lyk Carpet zustande kam, so einfach und unkompliziert, ist typisch für die Designer, die nach nachhaltigen Grundsätzen arbeiten. Mareike Lienau und Kirsten Dreher suchten nach einem Vertrieb, um Zwischenhändler zu vermeiden und die Preise in einem erträglichen Rahmen zu halten. „Mit Karin haben wir uns sofort super verstanden“, erzählen sie, die gemeinsame Vision schweißte zusammen. „Sonst werden in der Designszene schnell mal die Ellenbogen ausgefahren“, erklärt Lienau. Bei den Gestaltern, die sich Nachhaltigkeit zum Ziel gesetzt haben, sei das nicht so. Stattdessen tausche man sich aus und biete Hilfestellung. Als Treffpunkte dienen Veranstaltungen und Projekte wie das „Designers Accord“ im IDZ oder der „Heldenmarkt“, eine neu ins Leben gerufene Verbrauchermesse für nachhaltigen Konsum. Ganz neu ist der Gedanke der Nachhaltigkeit im Design nicht, auch wenn er jetzt mit Macht kommt. Es gibt in Berlin einige alteingesessene Geschäfte, die sich schon lange um nachhaltige Wohnkultur bemühen. „Trollhus“ und „die Wohnopposition“ setzen schon viele Jahre auf ökologische Massivholzmöbeln, „abschliff“ und „Biofarben“ auf Naturfarben.

Doch jetzt eröffnen auch immer mehr junge Eco-Designgeschäfte. Sie verkaufen nicht nur Produkte, sondern sind auch Anlaufstelle und Informationsquelle zum Thema Ökologie. Im Conceptstore „schњner.wжrs.wenns.schњner.wжr“ am Moritzplatz können die Kunden nicht nur nachhaltige Möbel und Wohnaccessoires kaufen, sondern sich in einer Sitzecke auch über grünes Design informieren. In der Schönhauser Allee hat gerade der Laden „Green Living“ eröffnet. Und mit  „Lilli Green“ gibt es auch schon einen Blog aus Berlin, in dem es um nachhaltiges Design geht.
Wie wichtig Austausch gerade für junge Designer mit zukunftsfähigen Ideen ist, weiß Sebastian Feucht. Seit mehr als zehn Jahren beschäftigt er sich mit nachhaltigem Design und arbeitete eng mit dem IDZ zusammen, bevor er im letzten Frühjahr den Sustainable Design Centre e.V. gründete. Der gemeinnützige Verein organisiert Vorträge über Eco-Design und Workshops für junge interessierte Gestalter. Feucht lehrt außerdem an der Universität der Künste  und an der Hochschule für Wirtschaft und Recht. „Man muss sich vernetzen und Wissen weitergeben, schließlich kann nicht jeder ständig das Rad für sich neu erfinden“, erklärt er.

Feucht ist mit seiner Firma Eco3Plan auch selbst Designer und stellt an seine Produkte höchste Ansprüche. „Enkeltauglich“ nennt er sie, das Wort gefällt ihm besser als nachhaltig, da es einen weiteren Horizont impliziert. Besonders verfolgt er die Vision einer möglichst abfallfreien Wirtschaft. Zu seinen Entwürfen zählt beispielsweise ein mobiles Badezimmer – ein futuristisch anmutendes, schnell auf- und abbau-bares Modulsystem, das ein ganzes Bad mit Toilette und Dusche auf dem Grundriss einer Umkleidekabine unterbringt. „In Bädern wird permanent umgebaut, rausgerissen, neu gebaut“, so Feucht. Seine Kabine gibt es in verschiedenen Größen und Ausstattungen und soll Permanenteinbauten in Gebäuden überflüssig machen. Ein weiteres Produkt, das in Kleinserien hergestellt wird, ist das zusammensteckbare Edelstahlstövchen. Damit es nach Ende des Gebrauchs nicht einfach auf dem Müll landet, bietet Sebastian Feucht seinen Kunden an, das Stövchen für einen geringeren Preis zurück zu kaufen. Ähnlich wie bei Pfandflaschen.
Das sind seine eigenen Produkte. Seine Auftragsarbeiten, so Sebastian Feucht, seien aber nicht immer so nachhaltig. „Schließlich muss man überleben“, sagt er und spricht damit einen wichtigen Punkt an. Denn so richtig angekommen ist das Konzept in den Köpfen der Gesellschaft noch nicht. „Aber es ist schon viel besser geworden“, sagt er. Früher habe er die Leute vor allem mit Energie- und Geldersparnis für ein umweltverträgliches Produkt gewinnen können. „Damals durfte man bloß nicht das Wort ‚öko‘ in den Mund nehmen“, erinnert er sich.

Auch die Firma Sawadee Design gründet ihren Erfolg nicht auf die Kommunikation des Konzeptes Nachhaltigkeit, sondern auf eine originelle Idee. Aus altersschwachen Berliner Stadtbäumen fertigen Christian Friedrich und Jörn Neubauer moderne Möbelstücke. Kein Zuchtholz also, sondern Bäume, die zum Beispiel aufgrund von Sturmschäden von der Stadt gefällt werden mussten. Das Besondere: Die beiden Designer leimen und schrauben nicht. Die Sideboards und Tische werden in einem Stück aus dem Holz modelliert, in mühsamer Schleif- und Sägearbeit in ihrer kleinen Neuköllner Werkstadt. „Holzbändiger“ nennen sich die beiden. Bis zu sechs Meter lange Baumstämme mit einem Durchmesser von 1,50 Meter werden zu fein geschliffenen und geölten Kunstwerken mit lebendiger Maserung. Makel wie Wurmbefall oder Drahtreste integrieren sie dabei bewusst in das Design. Menschen, die früher Tische aus edlem Tropenholz kauften, stellen sich jetzt einen Vollholztisch aus Berliner Stadtbäumen ins Esszimmer. „Gefährdete Holzsorten darf man ja nicht mehr zeigen“, sagt Friedrich. Das gute Gewissen ist auch ein Verkaufsargument.

Auch Jörn Neubauer und Christian Friedrich haben sich vernetzt, in der Organisation Create Berlin, ein Zusammenschluss von mehr als 60 Berliner Designern. Nachhaltigkeit spielte bei Create Berlin eine untergeordnete Rolle, bis im vergangenen Jahr das Projekt „BerlinNordik“ ins Leben gerufen wurde. Letzten Sommer wurden Modedesigner gesucht, diesen Frühling geht es in der zweiten Runde um umweltbewusstes Interieur- und Produktdesign, gerade läuft die Bewerbungsphase. Die von der Jury ausgewählten Labels werden zum Berliner Designfestival DMY Anfang Juni unter dem Namen „bright green design“ im IDZ ausstellen. Vielleicht wird Sawadee dabei sein. Auch die beiden Inhaberinnen von Lyk Carpet und Franziska Wodicka mit ihren Schubladen planen, sich zu bewerben. Bei diesem Designwettbewerb kommt es einmal nicht nur auf die Ästhetik an, sondern vor allem auf eine zukunftsfähige Idee.

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Text: Antje Binder
Fotos: Benjamin Pritzkuleit

Eco3Plan
Kottbusser Damm 25, Kreuzberg, Tel. 69 81 86 45
www.eco3plan.de
Termine nach Vereinbarung

Inligna + Lyk Carpet
Rykestraße 44, Prenzlauer Berg, Tel. 88 53 38 72
www.inligna.de
www.lykcarpet.de
Di-Fr 11-19 Uhr, Sa 10-16 Uhr

IDZ 
www.idz.de

Sadawee Design (Werkstatt)
Lahnstraße 75, Neukölln, Tel. 68 05 36 12
Termine tgl. nach Vereinbarung
Tag der offenen Werkstatt in der Lahnstraße 95 vom 23.-25.4, 12-20 Uhr anlässlich des Werkstattumzugs

schњner.wжrs.wenns.schњner.wжr
Oranienstraße 58a, Kreuzberg,
http://blog.schoener-waers.de
Mo-Fr 11-19 Uhr, Sa 12-16 Uhr

Lilli Green 
www.lilligreen.de

schubLaden
Böckhstraße 46, Kreuzberg, Tel. 61 65 11 49
www.schubladen.de
Sa 11-16 Uhr, Mo-Fr nach Vereinbarung

DMY 
www.dmy-berlin.com

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