Shopping und Stil in Berlin

Möbel für die Zukunft

Neue Schränke aus alten Schubladen, Holz aus heimischen Wäldern, Ressourcenschutz und weniger Abfall: Die Themen Ökologie und faire Löhne haben die Designszene mit Macht erreicht. Neue Netzwerke und neue Labels werden der Nachhaltigkeit mehr Nachdruck verleihen. Sie wollen das Wohnen umweltverträglich machen, damit die Erde auch in Zukunft noch bewohnbar ist

Bis unter die Decke stapeln sie sich übereinander. Schublade für Schublade.Mehrere hundert. Es sind Fächer aus Apothekerschränken, alten Schreibtischen oder Kinderkommoden. Laden aus edlem Holz, andere mit abgeplatztem Lack. Ein ganzes Regal ist gefüllt mit robusten Glasschütten, in denen früher einmal Mehl und Zucker gelagert wurden. Sie alle gehören Franziska Wodicka. Ihr Schubladenarsenal ist keine neue Form von Sammelwut, sondern Teil ihrer Arbeit, und was sie daraus macht, erklärt sich eine Tür weiter in ihrem Ladenatelier. Im Schaufenster steht ein weißes Möbelstück, passgenau getischlert, in dem einige alten Laden stecken, scheinbar wahllos kombiniert: Eine flache schwarze über einer massiven grünen mit gedrechseltem Knauf neben mehreren kleinen braunen noch mit alten Apothekeretiketten. Wodicka gestaltet diese Schränke. In mühsamer Puzzlearbeit stöbert sie zusammen mit den Kunden in ihrem Sammelsurium nach Schubladen, die in Breite und Höhe zueinander passen, und verwandelt so glanzlosen Holzmüll in echte Designerstücke. „Ich hauche den Schubladen neues Leben ein. In der Komposition mit dem schlichten Korpus bekommen sie einen ganz eigenen Charakter“, erklärt sie und zeigt auf eine alte Bürolade, die mal Teil eines Schreibtisches war und nun Vintage-Charme versprüht. Durch die Wiederverwertung der Schubladen vermindert Franziska Wodicka nicht nur Abfall, sie verändert auch das Bewusstsein der Menschen für Gebrauchsgegenstände. „Ich möchte auch, dass sich die Leute wieder länger mit einem Produkt auseinandersetzen“, sagt sie.

Das Geschäft mit Möbeln und Einrichtungsgegenständen aus Recyclingmaterial blüht. Da werden alte Olivenölkisten aus Metall zu Hockern, aus hunderten durchsichtiger Kugelschreiber entstehen funkelnde Kronleuchter, aus bunten Strohhalmen Leuchten, aus Flaschenhälsen Kleiderhaken. Recyclingdesign, auch Upcycling genannt, macht sich die Wegwerfgesellschaft zunutze. Es ist bei den Käufern beliebt, denn diese Art von Konsum schont die Ressourcen. Und es ist bei den Designern populär, weil es dabei vor allem auf die überzeugende gestalterische Idee ankommt. Die Rohmaterialien sind dann im Überfluss vorhanden. Müll fällt immer genug an und ist zudem ein billiges Produktionsmaterial.

Nachhaltiges Design, sagt Cornelia Horsch, sei jedoch viel komplexer. Horsch ist Leiterin des Internationalen Design Zentrums (IDZ), seit 2008 engagiert es sich auch im Bereich Öko-Design. „Die Designer müssen am Anfang der Konsumkette ansetzen“, fordert sie. Eine ihrer Hauptaufgaben sei es, Verantwortung zu übernehmen: „Designer müssen lernen, schon beim Entwerfen darüber nachzudenken, dass sie mit ihrem Produkt einen kompletten Zyklus in Gang setzen.“ Angefangen vom Produktionsprozess, das heißt dem Material und den Arbeitsbedingungen, über die Verpackung und die Distribution, den Stromverbrauch und die Langlebigkeit bis hin zur Entsorgung des Produktes – mit all diesen Themenfeldern müssten die Designer sich im Idealfall auseinandersetzten, meint Cornelia Horsch. „Denn 80 Prozent des energetischen Verbrauchs eines Produkts sind bereits festgelegt, wenn der Designer seinen Entwurf gemacht hat. Da gibt es also viel Handlungsspielraum“.

Ende Februar rief das IDZ ein erstes „Designers Accord“-Treffen ins Leben. Die amerikanische Organisation, zu Deutsch „Designer-Abkommen“, hat sich dem nachhaltigen Design verschrieben. „Es ist eine Art Selbstverpflichtung“, erklärt Horsch. Das IDZ möchte diesen Gedanken nun auch in Berlin verbreiten. „Wir wollten einmal in die Stadt hineinrufen und schauen, wer hier alles etwas zum Thema Nachhaltigkeit macht“, so Horsch. Neun Designer und Projekte, darunter einige aus dem Möbelbereich, stellten sich bei dem Treffen in kurzen Präsentationen vor und tauschten sich aus.

Mit dabei waren die Schwestern Mareike Lienau und Kirsten Dreher. Unter dem Namen Lyk Carpet entwerfen sie ein nachhaltiges Produkt, das sonst eher Assoziationen mit Kinderarbeit und Ausbeutung hervorruft: handgeknüpfte Teppiche. So war es auch die soziale Komponente, auf die Lyk Carpet Gründerin Lienau ihr besonderes Augenmerkt legte. Sie wollte faire Löhne und gute Arbeitsbedingungen und wurden in einer kleinen Manufaktur im nepalesischen Kathmandu fündig. „Die Knüpfer dort können mit ihrem Gehalt ihre ganze Familie ernähren“, erzählt die Designerin, die selbst in Nepal war, um die Manufaktur unter die Lupe zu nehmen. Ursprünglich kommt Lienau, die den kreativen Part des Duos übernimmt, aus dem Grafikdesign. Nach der Geburt des ersten Kindes im Jahr 2006 entstand die Idee, durch Teppiche mit Nachhaltigkeitsanspruch ihre Grafik-kenntnisse und ihren Wunsch, etwas „Gutes“ zu schaffen, zu verbinden.

Neben der sozialen Verantwortung, die Lyk Carpet übernimmt, kommt es den Schwestern auch auf die Langlebigkeit der Teppiche an – sowohl beim Material, als auch beim zurückhaltenden Design, an dem man sich nicht satt sehen soll. Gefärbt wird ausschließlich mit ungiftiger Pflanzenfarbe. „Der Transport ist leider nur über das Flugzeug möglich“, gibt Lienau zu. Als kleiner Ausgleich werden Flyer auf Recyclingpapier gedruckt, die Server des Unternehmens laufen mit Ökostrom, sie spenden für Klimaschutz-Organisationen. „Wir versuchen, so konsequent wie möglich zu sein,“ sagt Lienau, „doch irgendwas gibt es immer zu verbessern.“

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