Stadtleben und Kids in Berlin

Mobilmachung im Neuköllner Schillerkiez

Drohbriefe, Vandalismus, Kiez-Patrouillen und Pöbeleien auf der Straße: Wie Gruppen aus dem Stadtteilladen Die Lunte im Neuköllner Schillerkiez im Namen von Gentrifizierungskritik mobilmachen gegen Studenten, Künstler und Zugezogene.

lunteGerade erst hatten sie ihre Galerie im Schillerkiez in Neukölln eröffnet, da bekamen sie einen anonymen Brief. Was sie hier wollten mit ihrer Kunst, dass man so was nicht brauche im Kiez, stand da drin. Damit hatten Aurelia Defrance und Julie Grosche nicht gerechnet, als sie vor zwei Jahren aus dem französischen Burgund nach Berlin zogen und in der Selchower Straße einen Raum für Kunstausstellungen aufmachten. Auch Reinhard Greinke war überrascht, als er eines Morgens eine Steinattrappe fand, die am Schaufenster seiner Weinhandlung klebte und in der ein Zettel steckte mit dem Hinweis „Wir können auch anders“. Seit Anfang Juni betreibt Greinke den Laden Weinstein an der Schillerpromenade. Drohbriefe bekam auch die internationale Künstlergruppe Der Kanal mit Sitz in der Weisestraße; „Wir wollen euch nicht hier haben“ und „Ihr werdet schon sehen, was passiert“, teilte man ihnen mit. Absender unbekannt. Das von ihnen gestaltete Blumenbeet vorm Eingang wurde mehrmals verwüstet. Vor einigen Wochen kursierten Flyer, auf denen neue Cafйs und Bars im Kiez, wie das Promenadeneck, Frollein Langner und Circus Lemke, aufgelistet waren und zum Feindbild erklärt wurden.

Im Schillerkiez im Norden Neuköllns wehrt man sich gegen Veränderungen, die man als Vorboten der Gentrifizierung betrachtet: Studenten und Künstler sind nicht willkommen, und neue Cafйs, Bars und Galerien auch nicht. Ihnen gibt man die Schuld an steigenden Mieten, man macht sie für die Verdrängung der alteingesessenen Bewohner verantwortlich. Das zumindest ist der Eindruck, den die anonymen Briefe und Flyer vermitteln. Über 20?000 Menschen leben im Schillerkiez, gut die Hälfte von ihnen sind Migranten, 40 Prozent leben von Hartz IV. Der Schillerkiez ist das, was man gemeinhin als Problemkiez bezeichnet. Zur attraktiven Wohngegend ist er erst in den vergangenen zwei Jahren geworden. 2008 wurde der Flughafen Tempelhof geschlossen, seit 2010 ist das Flughafengelände ein Naherholungsgebiet. Jetzt donnern keine Flugzeuge mehr dicht über die Häuser hinweg, auf dem Rollfeld kann man grillen und joggen, Kreuzkölln mit seinen hippen Bars ist nicht weit.

Der Schillerkiez steht am Anfang einer Entwicklung, die vor ihm schon viele Bezirke Berlins durchgemacht haben: Mitte, Prenzlauer Berg, Kreuzberg, Friedrichshain und zurzeit Neukölln rund um die Weserstraße. „Ein paar Leute hier wollen keine Veränderungen, sie wollen keine schicken Läden wie im Prenzlauer Berg“, sagt Stefan Lange, der die beiden Bars Lange Nacht und Froschkönig in der Weisestraße betreibt. Drohbriefe bekommt er nicht, er wohnt seit 1993 in Neukölln und ist dort seit 1996 in der Gastronomie tätig. Das scheint ein Grund für die Gentrifizierungskritiker zu sein, ihn nicht zu bedrohen. „Dass sich eine Stadt entwickelt, das gehört dazu“, sagt er.
Auf der Suche nach denen, die den Wandel im Schillerkiez bekämpfen, landet man schnell in dem Stadtteilladen Die Lunte in der Weisestraße. Den Laden gibt es seit 25 Jahren, hier treffen sich unterschiedliche linke, linksautonome und anarchistische Gruppierungen, die zu Info- und Filmabenden einladen, es gibt Erwerbslosenfrühstück, vegane Volxküche und Beratungsangebote. Zurzeit sind es sechs Organisationen: Rote Hilfe e.V., Red Zombies, die Anarchosyndikalistische Jugend (ASJ), die Anti-Nationale Neuköllner Antifa (a.n.n.a.), Zusammen Kämpfen Berlin (ZK) und die Stadtteilinitiative Schillerkiez. „Wenn die Leute von der ZK Berlin Sonntags Tresen in der Lunte machen, dann meide ich die Weisestraße“, sagt ein junger Mann, der lieber anonym bleiben will. Er wohnt im Schillerkiez. „Die von der ZK patrouillieren oft in Gruppen durch die Straßen. Manchmal wollen sie Ausweise sehen.“

Sein Kumpel nickt, auch er will unerkannt bleiben, auch er wohnt im Schillerkiez. „Die führen sich auf wie eine Kiez-Miliz“, sagt er. Vor allem Studenten und Künstler betrachten sie als ihre Gegner. Die beiden Anwohner erzählen von Leuten, die nachts einer ZK-Patrouille begegnet sind und denen man ihre Pro-Israel-Buttons von der Jacke gerissen hat. „Die ZK, das sind Schlägertypen“, sagen sie. Seit etwa einem Jahr ist die Lunte das Quartier der ZK Berlin. Die Berliner Gruppe ist ein Ableger aus Magdeburg. Übergriffe auf Leute, die von der ZK als Feinde betrachtet werden, sind dort keine Seltenheit. Das erfährt man von der Berliner Hummel Antifa, die die ZK Berlin neben Studenten, Künstlern, Zugezogenen und Touristen zu ihren Gegnern zählt. Ende Juli fand in der Kreuzberger Kneipe Max und Moritz ein Vortragsabend der „Bahamas“-Redaktion, einem Magazin, dass sich als antideutsch, ideologiekritisch und israelsolidarisch bezeichnet, statt …

Den gesamten Text von tip-Autorin Katharina Wagner lesen sie im aktuellen tip-Heft 18/2011.

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