Nachhaltigkeit

Mode statt Müll

Stylish aussehen mit Kleidung von der Straße? Wie gut das geht, zeigen Anna Vladi und Karina Papp in ihrem Fashion-Blog. Und in einer Mode-Performance

Found on the Street

Lausitzer Straße, Kreuzberg, zwischen Paul-Lincke-Ufer und Reichenberger Straße. An einem Hauseingang steht eine schlichte Pappkiste. Darin – zerwühlt – ockerfarbene, schwarze sowie rot-orange gemusterte Textilien. Hat da jemand achtlos seinen Müll rausgestellt?

Nein!, würden Anna Vladi und Karina Papp jetzt sofort protestieren. Denn es ist eine der vielen „Zu verschenken“-Kisten, wie sie rund um den Landwehrkanal, im Reuterkiez, am Maybachufer, an der Ratiborstraße, der Schönlein-, Ecke Böckhstraße, aber auch in Prenzlauer Berg oder Mitte herumstehen. „Die Leute stellen Kleidung raus, die sie bei sich zuhause aussortiert haben“, sagt Anna. „Das ist besser als Wegwerfen. Und die meisten Sachen sind noch in einem sehr guten Zustand.“

Wären die beiden etwa 30-jährigen Frauen, sie stammen aus Petersburg, jetzt hier in der Lausitzer Straße, dann würden sie sich den Inhalt der Kiste bestimmt genauer ansehen. Und würden eine blumengemusterte Bluse im Hippie-Stil entdecken. Außerdem ein Oberteil in Wickel-Optik mit Trompetenärmeln. Sowie eine schwarze Jogginghose mit Bündchen am Beinabschluss.

Anna Vladi sammelt in Berlin seit 2011 die sogenannte „Found Fashion“, Karina Papp stieß etwa fünf Jahre später dazu. Beide Frauen, sie sind Journalistinnen und Dolmetscherinnen, sind sowohl von der in der Regel besten Qualität der Fundstücke wie auch der Vielfalt an modischen Stilen fasziniert. „Seit ich Found Fashion trage, wurde mein Kleidungsstil vielfältiger“, sagt Anna. „Ich kombiniere bei meinem Look jetzt viel mutiger verschiedene Moderichtungen und -epochen miteinander.“

Wie das genau aussieht, kann man seit Ende 2017 auf dem Instagram-Fashion-Blog „found_on_the_street“ der beiden bewundern. Und muss sich beim Anschauen der Bilder die Augen reiben. Denn so, wie sich Anna und Karina einmal in einem Folklorekleidchen malerisch in die Landschaft stellen und ein anderes Mal, mit Kurz-Cape und Gabardine-Hose fesch gekleidet wie einst Diana Rigg alias Emma Peel, offensiv zu den Betrachtern blicken, kennt man es nur von den erfolgreichen Influencern. Deren Outfit allerdings – im Unterschied zu den Umsonst-Klamotten von Anna und Karina – meist einen mehrstelligen Euro-Preis kostet. Falls sie die Roben zu Werbezwecken nicht gleich von Modefirmen gesponsert bekommen haben.

Seit sie Found Fashion sammelt – und diese auch mit Freunden tauscht – kauft Anna Vladi, bis auf Unterwäsche, praktisch keine Bekleidung mehr in üblichen Modegeschäften ein. „Irgendwie sehen die Leute in H&M-, Mango- oder Zara-Klamotten doch alle gleich aus“, sagt sie. Außerdem schätzt sie die Befreiung vom Konsumzwang – und die Möglichkeit, sich von der Vermüllung der Welt durch Wegwerfkleidung abkoppeln zu können. „Ich kann mich meiner Faszination für Mode widmen, ohne die Textilproduktion weiter anzukurbeln“, sagt Anna. Außerdem ersparten ihr die Fundstücke, auf langweilige, zeitraubende Shopping-Touren gehen zu müssen. Stattdessen bleibe Raum für eigene Kreativit, für die Familie und die Freunde. Viele von ihnen seien inzwischen ebenfalls vom Found-Fashion-Fieber angesteckt, bringen ihr manchmal Schuhe in Größe 38 mit („Die könnten dir doch passen“) oder helfen beim Ändern, wenn ein Fundstück zu weit oder lang ist. Dass die Fundstücke vor dem ersten Tragen gewaschen werden, versteht sich nach Anna und Karina übrigens von selbst: „Obwohl viele Sachen direkt aus dem Schrank kommen und sogar gebügelt sind.“

Wie spannend Found Fashion ist, können Interessierte am Donnerstag, den 24. Mai erleben. Zusammen mit dem Taschen-Label mimycri – einem Sozialunternehmen, bei dem Menschen mit und ohne Fluchtgeschichte gemeinsam aus kaputten Schlauchbooten, die nach der Überfahrt an den Stränden Griechenlands liegen geblieben sind, Rucksäcke, Umhänge- und andere Taschen entwerfen sowie fertigen – wollen Anna Vladi und Karina Papp „ihre“ Mode in der Show „I AM MANY“ präsentieren: in einer wilden Fashion-Performance, die aus alltäglichen Menschen unterschiedlichster Herkünfte für einen Abend aufregende Models macht.

I AM MANY CRCLR House, Rollbergstraße 26, Neukölln, Do 24.5., 19 Uhr, Eintritt frei, Mehr Infos finden Sie hier oder auf Facebook: „Mimycri fashion show“